03.02.2016

500 Jahre Reformationsjubiläum: Selbstbewusst feiern?

Die Vorbereitungen für das fünfhundertjährige Reformationsjubiläum im Jahr 2017 laufen in Deutschland, Europa und sogar weltweit auf Hochtouren. Wie begeht man das Ereignis angemessen?
 
»2017 – Jubel und Trubel im Namen der Reformation?« heißt das aktuelle Heft der Monatsschrift »Pastoraltheologie«. Darin nehmen maßgebliche Stimmen aus Theologie, Ökumene und erstmals auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zum fünfhundertsten Reformationsgedenken im kommenden Jahr Stellung. Der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf ermuntert mit Blick auf die liberalen Traditionen des Protestantismus das anstehende Jubiläum »selbstbewusst zu feiern«.
 
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, evangelischer Christ, verweist einerseits auf die Reformation als Ursprung moderner Religionsfreiheit. Gleichzeitig erkennt er in der Reformation auch die Ursache für Verfolgung und Ausgrenzung.

Aus dem Inhalt
Professor Dr. Harry Oelke fasst im Editorial zusammen:
»Die kommende Säkularfeier ist auf allen verfügbaren medialen Kanälen längst ein Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung, kirchlicher Grundlagentexte, ökumenischer Verlautbarungen und illustrer Feuilletonbeiträge geworden. Die Debatten werden munter und nicht selten kontrovers geführt. Evangelische und katholische Anteile und Rollen im Jubiläumsgeschehen sind ebenso strittig wie die Ge­staltung des innerevangelischen Beziehungsgefüges zwischen lutherischen und reformierten Kirchen sowie evangelischen Freikirchen. Wie ist angesichts des Jubiläums umzugehen mit den Schattenseiten der Reformation, mit dem intoleranten Vorgehen gegen Juden und Moslems sowie gegen die Täufer und anderen Abweichlern und Außenseitern des Wittenberger Mainstreamprotestantismus?

Die im nunmehr vorliegenden Monatsheft ›Pastoraltheologie‹ vorliegenden Stimmen entwerfen einen multiperspektivischen Blick auf das kommende Reformationsjubiläum, bieten ökumenische Positionen, reflektieren politische Implikationen und befassen sich mit den praktisch-theologischen Herausfor­derungen des Jubiläums.
 
Zunächst plädiert Friedrich Wilhelm Graf in seinem Beitrag dafür, »Das Reformationsjubiläum selbstbewusst [zu] feiern«. Das sei möglich, weil der Protestantismus sich in der Neuzeit zu einer höchst vielfältig dekodierten Religionsskultur entwickelt habe. Eindringlich plädiert Graf dafür, diese protestantische Vielfalt ernst zu nehmen, am Ende versteht er sie als Gewinn v.a. an Freiheit des einzelnen gegenüber der kirchlichen Institution. Er wertet das als ein Positivum, das dem Reformationsjubiläum eine maßstabsetzende Bedeutung verleihe, ggf. sogar für andere Reli­gionskulturen mit Reformbedarf.

Harry Oelke geht in seinem kirchenhistorisch angelegten Beitrag zunächst den geschichtspolitischen Prägungen der vorangegangen Reformationsjubiläen nach. Er zeigt, wie die Säkularfeiern der Reformation seit 1617 in je­weils ganz un­terschiedlichen historischen Kontexten von obrigkeitlichen Ak­teu­­ren für poli­ti­sche Zwecke funktionalisiert wurden.
 
Wolfgang Schäuble befasst sich in seinem Beitrag angesichts des bevorstehenden Jubiläums mit der Verhältnisbestimmung der christlichen Religion mit der Politik in Deutschland und Europa. In subtiler Weise entwickelt der Autor aus einer polit-pragmatischen Sicht eine dif­ferenzierte Sicht auf das individual- und sozialethische Erbe Luthers: einerseits könne dessen Reformation als Wurzel moderner Religionsfreiheit verstanden werden, gleichzeitig stehe sie am Anfang religiöser Verfolgung und Aus­gren­zung. Der Autor bejaht am Ende die bei Luther vorgegebene Trennung beider Reiche Religion und Politik, weiß aber um deren Beziehung aufeinander, die hilfreich sein kann, solange beide Sphären nicht gänzlich ineinander aufgehen oder auf sich selbst reduziert werden.
 
Das Interview »Wem nützt das Reformationsjubiläum?« präsentiert Fragen an vier Vertreter von führenden deutschen Institutionen mit konfessionsbezogener Forschung. Mit den Antworten auf Fragen zur konfessionsspezifischen Einschätzung der erinnerungskulturellen Bedeutung des Reformations­jubiläums von Walter Fleischmann-Bisten, Wolfgang Thönissen, Martin Laube und Volker Spangenberg treffen eine lutherische, katholische, reformierte und baptistische Position direkt aufeinander.
 
Die Reformation und mit ihr Martin Luther gehören zum festen Bestand des Religionsunterrichts. Ulrich Schwab entwickelt aus reli­gions­pädagogischer Sicht eine illustre Skizze wichtiger Luther-Deu­tungen seit dem 16. Jahrhundert im Kontext wechselnder historischer Rahmenbedingungen.
 
Am 31.10.2017 werden auf fünfzehn bis zwanzigtausend evangelischen Kanzeln in der Bun­desrepublik Predigten gehalten werden. Grund genug für Frank M. Lütze »Über­legungen zu Aufgabe und Gestaltung der Jubiläumspredigt« 2017 anzustellen. Der Autor hebt die identitätsbildenden Aspekte sowie Aktualisie­rungsstrategien bei der Jubiläumspredigt hervor und macht auf die besondere Deutungsmacht des Reformationspredigers aufmerksam.«
 
Harry Oelke: Zu diesem Heft (gekürzte Fassung). In: Pastoraltheologie (Heft 1) 2016. S. 2–4
© Vandenhoeck & Ruprecht.
(Das Inhaltsverzeichnis und die ungekürzte Fassung des Editorials finden Sie hier).


 


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