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Luc Ciompi
Elke Endert

Gefühle machen Geschichte

Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama


1. Auflage 2011
272 Seiten, kartoniert
19,95 € [D]
ISBN 978-3-525-40436-2


Nominiert für den Sachbuchpreis 2011 von NDR Kultur.

Kurzinformationen

Die Kraft der kollektiven Emotionen.

Ausführliche Informationen

Die jüngsten Ereignisse in Tunesien und Ägypten sind ein eindrucksvoller Beleg für die Kraft kollektiver Emotionen. Ausgelöst durch die Selbstverbrennung eines jungen Tunesiers entwickelten sich in kürzester Zeit Massenproteste, die sich wellenartig von einem nordafrikanischen Land zum anderen ausbreiteten – entsprechend dem berühmten so genannten Schmetterlingseffekt. Die Theorie der kollektiven Affektlogik, welche dem Buch »Gefühle machen Geschichte« zugrunde liegt, vermag solche emotionalen Resonanzphänomene weit über das aktuelle Tagesgeschehen hinaus zu erklären.

Fragestellung und Grundlagen werden zunächst anhand des von Luc Ciompi aus den modernen Emotions- und Evolutionswissenschaften entwickelten Konzepts der Affektlogik erklärt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich kollektive Emotionen auf das allgemeine Denken und Handeln auswirken. Anhand von Beispielen wie dem Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus, dem Israel-Palästina-Konflikt und den aktuellen Spannungen zwischen der islamischen und westlichen Welt wird überzeugend erklärt, wie Wir-Gefühle den Lauf der Geschichte beeinflussen. Auch bei der Wahl von Barack Obama zum amerikanischen Präsidenten 2008 spielten kollektive Emotionen eine zentrale Rolle. Ähnliche Wechselwirkungen zwischen Fühlen, Denken und Verhalten lassen sich den Autoren zufolge ebenfalls in unzähligen Alltagssituationen, in der Werbung, im Verkauf und in der Entwicklung von familien- oder gruppenspezifischen »Eigenwelten« beobachten. Als Schlussfolgerung ergibt sich, dass offene oder verdeckte Emotionen die entscheidenden Motoren und Organisatoren allen mikro- und makrosozialen Geschehens sind. Abschließend diskutieren Luc Ciompi und Elke Endert die praktischen und theoretischen Implikationen dieser Erkenntnis für unser allgemeines Menschenbild sowie für moderne Techniken der Krisenintervention, der Mediation und der Bewältigung von kollektiven Traumata.
Der interdisziplinäre Ansatz der kollektiven Affektlogik ist ausgesprochen innovativ und sowohl praktisch wie konzeptuell von erheblichem Allgemeininteresse. Er wirft ein neues Licht sowohl auf großräumige politische und gesellschaftliche Prozesse wie auch auf scheinbar selbstverständliche Alltagsphänomene.

Radio-Interview mit Luc Ciompi (WDR 5: Leonardo – Service Sachbuch)

Rezensionen

»Der interdisziplinäre Ansatz der kollektiven Affektlogik ist ausgesprochen innovativ und sowohl praktisch wie konzeptuell von erheblichem Allgemeininteresse.«
Buch-Magazin
»Das Buch ist außergewöhnlich und auf jeden Fall lesenswert, [...] Ein fesselnder Stil und eine Stellungnahme provozierende Thesenbildung machen das Buch zu einer Herausforderung für das Fühlen und Denken!«
Franz Sedlak, www.schule.at
Zur vollständigen Besprechung
»Ein weiterführender interdisziplinärer Ansatz; sehr lesenswert...«
Reinhold Heckmann, ekz Lektoratsdienste
»Der Sozialpsychiater [Ciompi] zeigt bestechend, wie kollektive ›Wir-Gefühle‹ Geschichte machen.«
Burkhard Reinartz, WDR5
Zur vollständigen Besprechung
»Selten wurden die Erfolgsgrundlagen für Hitlers Siegeszug bei den Deutschen sowie jene des zwar antipodisch denkenden, aber ebenfalls die Massen aufwühlenden Obama so nachvollziehbar erzählt.«
Sylvia Meise, Psychologie Heute
»Das Buch ›Gefühle machen Geschichte‹ ist faszinierend, oft berührend und jedenfalls sehr zum Lesen zu empfehlen.«
Otmar Mittermayr, Systeme

Inhalt

Über dieses Buch

1 Was ist Affektlogik?
Fühlen und Denken
Zum Doppelbegriff der Affektlogik
Was ist ein Gefühl, eine Emotion, ein Affekt?
Gefühle sind Energien
Was ist »Denken«? Wie unterscheiden sich affektive von kognitiven Funktionen?
Erfahrungsbasierte Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme
Allgegenwärtige Schalt- und Filterwirkungen von Affekten auf Denken und Verhalten
Kollektive Angstlogik, Wutlogik, Freude- oder Trauerlogik und Alltagslogik
Affektiv-kognitive Schienen und Eigenwelten
Sprunghafte Veränderungen des kollektiven Fühlens und Denkens
Das Größte im Kleinsten und das Kleinste im Größten
Evolutionäre Wurzeln und Neurobiologie von Emotionen
Systemtheoretische Grundlagen
Soziologische Emotionskonzepte
Zur sozialen Explosivwirkung von kollektiven Scham-, Schuld- und Demütigungsgefühlen
Massenpsychologische Erkenntnisse
Sieben Grundthesen zur kollektiven Affektlogik

2 Hitler und der Nationalsozialismus
Worum es geht
Der emotionale Nährboden
Adolf Hitler als Kristallisationskern
Hitlers emotionaler Werdegang
Leitaffekte und Leitideen
Hitlers affektiv-kognitive Eigenwelt
Hitlers intuitive Affektlogik
Nationale emotionale Resonanz
Gemeinsamkeiten zwischen Hitler und den Deutschen
Affektiv-kognitive Wechselwirkungen im Kleinen wie Großen
Entstehung der kollektiven nationalsozialistischen Eigenwelt
Im Zentrum der nationalsozialistischen Eigenwelt: Die Führerverehrung
Nationalsozialistische Alltagslogik
Die Macht von Wir-Gefühlen: Die deutsche Volksgemeinschaft
Ausschluss aus der Volksgemeinschaft: Antisemitismus und Judenverfolgung
Wie konnte es so weit kommen? Des Rätsels affektlogische Lösung

3 Der Israel-Palästina-Konflikt: Tragische Verstrickung zweier unvereinbarer Eigenwelten
Verwirrende Fakten und Emotionen
Kurzer historischer Abriss und die Entstehung des israelischen Staates
Israelische Eigenwelt: Neuanfang und wehrhafter Staat
Wichtigste Säule der kollektiven Identität: Shoahgedenken
Kollektives Trauma und die Macht der Wir-Gefühle
Die Vergangenheit in der Gegenwart
Keine Option: Das Vergessen
Zwei Ertrinkende auf einer Planke
Palästinensische Eigenwelt: Erlittenes Unrecht und Widerstand
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
Alltag in den besetzten Gebieten: Demütigung und Gewalt
Gegenseitige Radikalisierung zweier Eigenwelten
Extremismus auf beiden Seiten
»Blinde Flecken« im Zentrum der kollektiven Eigenwelten
Nicht verhandelbar: »Rote Tücher«
Internationale Verflechtungen
Affektlogische Schlussbetrachtungen: Zwei konträre Wirklichkeitskonstruktionen und ein möglicher affektlogischer Ausweg

4 Der Islam und der Westen
Emotionale Wellen rund um den Islam
Was ist religiöses Fühlen und Denken?
Mohammeds religiöse Erleuchtungen und die Grundzüge des Islams
Expansion, goldenes Zeitalter und Diversifikation des Islams – affektdynamische Motoren
Der Zusammenprall des Islams mit dem Westen – gegenseitige Feindbilder und Ambivalenzen
Die eskalierende westlich-islamische Emotionsspirale seit der israelischen Staatsgründung und die islamistische Radikalisierung
Zwei konträre affektiv-kognitive Eigenwelten – oder: Das Gute des Einen ist das Böse des Anderen und umgekehrt
Der emotionale Schock des »9/11« und der westliche »Krieg gegen den Terrorismus«
Reflexionen zum »9/11« – und eine überraschende Abschlussfrage

5 Die gemeinschaftsbildenden Wirkungen von positiven Gefühlen
Was sind prosoziale Gefühle?
Neuere emotionsbiologische Befunde und der Traum vom kollektiven Glück
Die Wirkung von gemeinschaftsbildenden Gefühlen in sozialen Kleingruppen
Staatenbildende Wir-Gefühle und die Folgen ihres Fehlens
Das Phänomen Obama – ein universaler Hoffnungsträger
Hitler versus Obama – zwei absolute Gegenpole

6 Ein neues Menschenbild: Der Homo sapiens emotionalis
Die Notwendigkeit einer Neuorientierung
Der Homo sapiens emotionalis als Produkt der Evolution
Vom Faustkeil zum Computer – eine »ganz natürliche Entwicklung«
Sprache, Bewusstsein und »freier« Wille
Religion, Wissenschaft und Philosophie
Das Menschenbild der kollektiven Affektlogik
Das Gute und Böse im Menschen
Zu viel Freiheit, zu wenig Grenzen?
Das Zeitalter der Entfesselung
Der Sinn für das Schöne

7 Praktische Konsequenzen
Was tun?
Sind Emotionen steuerbar?
Einstimmen, Zustimmen, Abstimmen, Umstimmen, Bestimmen
Krisenintervention und Mediation aus Sicht der kollektiven Affektlogik
Zwischenbetrachtung über Macht und Ohnmacht und die Bedeutung von positiven Leitaffekten
Die Bewältigung kollektiver Traumata
Praxis und Theorie aus Sicht der kollektiven Affektlogik

Ein Abschlussgleichnis: Die Schwarmintelligenz

Dank

Literatur

Register