22.05.2015

»Amor altert nicht!«

Ein Interview mit Dr. Elisabeth Drimalla
Wie lust- und liebevolle Sexualität im Alter gelingen kann!


Guten Tag, liebe Frau Dr. Drimalla!
Wie kam Ihnen die Idee ein Buch über Paarbeziehung und Sexualität im Alter zu schreiben?


Vor einiger Zeit fragte mich in einem Abschlussgespräch einer Sexualtherapie ein älteres Paar nach einer Buchempfehlung. Nun gibt es zwar Ratgeberbücher zu Sexualität oder Paarbeziehung im Alter, doch diese betrachten entweder nur die psychischen oder seltener, nur die körperlichen Faktoren. Diese stehen jedoch in einem Wechselspiel und lassen sich nicht getrennt behandeln – gerade bei der Arbeit mit älteren Paaren. Ich zögerte also mit der Buchempfehlung und bevor ich dem Patientenpaar antworten konnte, sagte der Mann: »Schreiben Sie doch selbst mal eins für die vielen anderen älteren Paare.« Diese Idee hat mich nicht losgelassen. Denn in den letzten Jahren sind immer mehr ältere Paare in meine Praxis gekommen. Die Sexualität ist für diese Generation wichtig und sie fürchten oft, wenn sie ihre sexuelle Beziehung verlieren, auch einen Teil ihrer gemeinsamen Sprache und Intimität zu verlieren.

Mit welchen Problemen kämpfen Paare im Alter?

Der Körper verändert sich, funktioniert nicht mehr so selbstverständlich. Das gilt auch für die sexuellen Reaktionen. Diese körperlichen Veränderungen können sich auf das Selbstwertgefühl auswirken, können zu Verunsicherung führen, was wiederum das Verhalten gegenüber dem Partner beeinflussen kann. Die soziale Situation kann sich beispielsweise durch Pensionierung verändern. Im Alter treten vermehrt Schicksalsschläge wie eigene Krankheiten oder der Tod naher Angehöriger auf. All das wirkt sich auf das Wohlbefinden aus und beeinflusst die Paarbeziehung und Sexualität.

»Alt werden ist nichts für Feiglinge«, oder? Das klingt nach trüben Aussichten!? 

Das kommt darauf an, wie man mit den Herausforderungen des Alters umgeht. Wenn man sich den Herausforderungen stellt, kann es eine große Chance zur Weiterentwicklung sein, für jeden Einzelnen und gemeinsam als Paar. Das wird an vielen Patientenbeispielen aus dem Buch deutlich. Ich erinnere mich an ein Patientenpaar, bei dem der Mann einen leichten Herzinfarkt erlitten hatte. Er war immer sehr leistungsorientiert gewesen und durch den Infarkt in seinem Selbstwert sehr verunsichert. Es zog sich von seiner Frau zunächst körperlich und emotional zurück. Seine Frau fühlte sich dadurch glücklicherweise nicht abgelehnt, sondern versuchte ihm zu vermitteln, wie wichtig er für sie war. Die beiden begannen wieder ins Gespräch zu kommen, auch in Form von körperlichen Berührungen ohne feste Erwartungen an den anderen. Der Mann begann sich in der Beziehung zu seiner Frau wieder sicherer zu fühlen, musste nicht mehr wie früher immer der Starke sein. Beide sagten schließlich, was zunächst ein schwerer Schicksalsschlag gewesen sei, habe dazu geführt, dass jeder sich dem anderen mehr geöffnet hätte und beide neue Seiten an sich und dem anderen kennen gelernt hätten.

Muss man nicht vielleicht akzeptieren, dass es im Bett mit 65 nicht mehr läuft wie mit 25?

Das ist leider eine Ansicht, die zum Teil sogar von Ärzten und Therapeuten vertreten wird. Vor kurzem erzählte mir eine 63-jährige Patientin, sie habe ihren Frauenarzt darauf angesprochen, dass sie darunter leide, keine Lust mehr auf Sex zu haben. Diese Patientin war sehr enttäuscht, als der Frauenarzt ihr antwortete, das sei in ihrem Alter normal und damit müsse sie sich abfinden.
Dass unser Körper sich verändert, dass die körperlichen sexuellen Reaktionen sich im Alter verändern, das muss man akzeptieren. Das bedeutet aber nicht, deswegen resignieren zu müssen, sondern man kann Lösungen finden, damit umzugehen. Oft tun sich auch auf einmal neue Möglichkeiten und Wege auf, wenn man bestimmte eigene Grenzen akzeptiert und nicht verleugnet oder nur dagegen anrennt. Für die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs ist übrigens die Beziehungsdauer viel entscheidender als das Alter. Eine sechzigjährige Frau, die seit zwei Jahren mit ihrem Partner zusammen ist, hat – statistisch gesehen – häufiger Geschlechtsverkehr als ein dreißigjähriger Mann, der in einer zehnjährigen Beziehung lebt.

Jede Liebe schläft eben irgendwann ein, ein ganz normaler Prozess, leider – das könnte man daraus folgern. Was halten Sie dagegen?

Das ist mir zu defensiv! Wir haben es in der Hand zu gestalten, uns weiterzuentwickeln, die Herausforderungen anzunehmen, die das Leben uns stellt – und sogar Chancen darin zu erkennen. Wo die Liebe einzuschlafen beginnt, wäre es doch einen Versuch wert, sie aufzuwecken, solange sie nicht gestorben ist! Und »die Liebe stirbt nie eines natürlichen Todes«, möchte ich mit Anais Nin antworten. Sie stirbt, weil wir ihr nicht genug Nahrung geben, weil wir sie verdursten und erfrieren lassen. Sie stirbt an den Verletzungen, die wir ihr zufügen. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass wenn man sich nur genügend anstrengt, eine lebenslange Liebe garantiert ist. Ein Paar kann sich beispielsweise hinsichtlich Interessen und Werten auseinander entwickeln.

Müssen wir nun auch noch im Alter stets Lust haben?

Das müssen wir natürlich in keinem Alter. Es geht darum, uns gerade nicht nach »sexuellen Mythen«, nach »Heldengeschichten« über Sexualität zu richten, wie sie von der Werbung und den Medien erzählt werden. Gerade im Alter könnten wir die Freiheit nutzen, eigene Maßstäbe zu setzen, in dem wir uns die Frage stellen: »Was fühle ich? Und was will ich deswegen tun?« Und wenn ein Paar für sich entscheidet, wir wollen und brauchen keine Sexualität mehr zu leben, dann sollten sie es sich auch zugestehen. Und wenn ein anderes Paar feststellt, wir vermissen etwas, wenn das sexuelle Zusammensein für uns ganz wegfällt, auch wenn der Geschlechtsverkehr nicht mehr so möglich ist wie früher, dann können sie sich auch über medizinische Hilfen informieren und die gemeinsame sexuelle Aktivität nach ihren Möglichkeiten und Vorstellungen gestalten. Wenn für ein drittes Paar hauptsächlich Zärtlichkeit und körperliche Berührungen wichtig sind ohne, dass daraus sexuelle Aktivitäten entstehen müssen, dann können sie das leben. Es ist wichtig, sich als Paar immer wieder über die eigenen Wünsche und Grenzen auszutauschen.

Müssen wir dafür auch noch im Alter attraktiv aussehen?

Das wirft die Frage auf, was attraktiv ist. Die Generation, die jetzt ins Rentenalter kommt hat schon einmal – als »68er«-Normen und Ideale in Frage gestellt und verändert. Vielleicht lässt sich diese Generation ihr Leben im Alter, egal ob es um Sexualität, Aussehen, Kleidung oder Unternehmungen geht, genauso wenig vorschreiben wie damals in ihrer Jugend.

Sie nennen Ihren Ratgeber auch einen »Reiseführer«. Wohin soll denn die Reise gehen?

Zum Partner, in das fremde, unbekannte Land, das wir vielleicht so gut zu kennen glauben. Dort gibt es viel zu entdecken, wenn wir diesem Land mit Respekt und Neugier begegnen, wenn wir keine festen Vorstellungen und Erwartungen von dem Land haben, wenn wir uns bewusst sind, dass es sich ständig etwas weiter entwickelt und verändert, je nachdem mit welchen Herausforderungen das Land konfrontiert wird. Gleichzeitig lernen wir natürlich auf dieser Reise auch immer uns selbst besser kennen, in den Gemeinsamkeiten und in den Unterschieden zum Partner.

Und was sollen Ihre Leser auf dieser Reise entdecken?

Die gemeinsame Sprache, mit Worten und mit dem Körper. In zwei verschiedenen Ländern wird nicht die gleiche Muttersprache gesprochen, was einzelne Begriffe oder Berührungen bedeuten, wird von den bisherigen Erfahrungen beeinflusst. Viele Übungen in dem Buch dienen dazu, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, den anderen bewusster wahrzunehmen, besser zu verstehen und dabei auch Neues am anderen und sich selbst zu entdecken. Sie können beispielsweise versuchen Ihren Partner nacheinander mit den fünf Sinnen wahrzunehmen. Oder Sie überlegen sich, welche Ingredienzien Sie verwenden würden, wenn Sie ein Parfüm kreieren sollten, dass nach Ihrem Partner riecht. Zum Beispiel: Holz, Geborgenheit, Meer...
Um etwas bewusster wahrzunehmen, beispielsweise erotische Augenblicke, können Sie sich auch vornehmen diese zu sammeln und aufzuschreiben. Das können ganz kleine Szenen im Alltag sein: eine Bewegung, eine Berührung, ein Lachen, ein Blick.

Sie empfehlen in Ihrem Buch auch Filme und Romane. Warum?

In den Therapien erlebe ich immer wieder, wie hilfreich Geschichten sind. Sie lassen Bilder und Gefühle in uns entstehen. Wir können uns mit den Protagonisten identifizieren, uns überlegen, ob wir genauso oder anders handeln würden. Können so vielleicht noch andere Sicht- und Erlebnisweisen kennen lernen, mit der sich eine schwierige Situation leichter bewältigen lässt. In Filmen oder Büchern erkennen wir möglicherweise Eigenes wieder, können mit dem Abstand des Zuschauers darüber lachen und dadurch auch in der Beziehung mehr Humor entwickeln. In dem Film »Le Weekend« beispielsweise, fährt ein Paar um die 60 übers Wochenende nach Paris, der Stadt in der sie als junges Paar eine glückliche Zeit hatten. Nach kurzer Zeit taucht aber schon das übliche Konfliktthema »Geiz und Verschwendung« wieder auf. Einige der Paare, die ich in Therapie hatte, konnten in dem Umgang des Paares miteinander Eigenes wiederentdecken und darüber schmunzeln. Andere Paare regte der Film zu einem Austausch darüber an, welche Werte ihnen im Leben wirklich wichtig sind, denn darum ging es auf sehr humorvolle Weise im zweiten Teil des Filmes.

Ihr Buch richtet sich an Menschen ab Mitte 50. Was ist denn mit den jungen Paaren?

Das haben mich einige junge Kolleginnen auch schon gefragt, als ich ihnen von dem Buch erzählte. Der Teil des Buches mit den körperlichen Veränderungen und Erkrankungen hat natürlich für die jungen Paare nicht die Relevanz und auch die spezifischen psychischen und sozialen Herausforderungen der älteren Paare sind bei den jungen andere. Aber das Handwerkszeug, wie man mit Herausforderungen umgehen kann, wie man miteinander ins Gespräch kommen, wie Lust entsteht, das Verstehen von Paardynamik und der Einfluss der Lebensgeschichte, alles das trifft genauso für junge Paare zu. Deshalb können auch junge Paare von diesen Kapiteln und auch von den Übungen und Fragebögen profitieren. Es wäre sicherlich aber auch noch mal eine spannende Aufgabe, ein Buch für ganz junge Paare zu schreiben. Über die normalen körperlichen sexuellen Reaktionen und mögliche Störungen, bei denen auch andere dazu kommen, die bei den älteren nicht mehr die Rolle spielen wie Vaginismus oder Orgasmushemmung und über die spezifischen psychischen und sozialen Herausforderungen der jungen Paare, die durch die gesellschaftlichen Veränderungen entstehen. Beispielsweise die räumlicheMobilität, das Kennenlernen über die neuen Medien, »Tinder« etc.

Warum altert Amor nicht?

Weil er neugierig, fantasievoll und kreativ, voller Ideen ist, weil er das Spielerische liebt, weil er immer wieder für Überraschungen gut ist. Das hält jung und lebendig – auch die Liebe natürlich.

Liebe Frau Dr. Drimalla, vielen Dank für das Gespräch.


© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke!


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