25.03.2015

Auftrag: Menschenraub!

Dr. Susanne Muhle hat die Entführungen von Westberlinern und Bundesbürgern durch die Stasi untersucht.
Im Interview erzählt sie uns, was Sie herausgefunden hat.

EINFÜHRUNG:

»Ich habe immer noch Angst, daß mir etwas zustoßen könnte. Diese Leute sind ja nicht von der Bildfläche verschwunden und ich befürchte daher, daß sie immer noch eine Gefahr für mich darstellen.«
(Marianne Berger, Entführungsopfer, 1992)

Etwa zur selben Zeit leugnete Werner Großmann, der ehemalige Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit und letzter Chef der Hauptverwaltung A die Taten der Stasi:
»Es ist einfach unwahr, dass es in unserer Tätigkeit ›Entführungen, Anschläge und Morde‹ gegeben hat.«
Erst zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR, als die erdrückende Beweislast kein gänzliches Verleugnen mehr zuließ, korrigierte er sich: »wenige Fälle« habe es gegeben.

DAS INTERVIEW

Guten Tag, liebe Frau Dr. Muhle. Wie viele Fälle gab es denn?
 
Die genaue Zahl verschleppter und entführter Personen ist unbekannt. Mehrere hundert Menschen aus West-Berlin und in der Bundesrepublik wurden in den Jahren 1949 bis 1989 in die DDR verschleppt oder entführt. Meine Schätzung beläuft sich auf etwa vierhundert.
 
Wie gingen solche Entführungen vor sich?
 
Bei einem Großteil der Entführungen und Verschleppungen wandte die Stasi Täuschungsmanöver an. Mit Hilfe von Telegrammen, Anrufen oder Besuchern  wurden die Opfer unter Vorwänden auf DDR-Gebiet gelockt, wo sie  festgenommen und unter rechtswidrigen Umständen festgehalten wurden. Bei etwa hundert Fällen handelte es sich um gewaltsame Entführungen, das heißt, es kam zu brutalen Überfällen, zum Einsatz körperlicher Gewalt ebenso wie zur Anwendung von Betäubungsmitteln. Derartige Entführungsaktionen waren oftmals von langer Hand geplant und vorbereitet – in manchen Fällen über mehrere Jahre. Die Stasi schickte inoffizielle Mitarbeiter (IM) in den Westen, die das Wohnumfeld, den Tagesablauf und die Gewohnheiten der zu entführenden Person auskundschafteten. Auf Grundlage dieser Informationen wurden sodann Entführungspläne entwickelt, die oft mehrmals überarbeitet wurden. Nachdem die Stasi-Führungsspitze einem Entführungsplan zugestimmt hatte, wurden sodann IM mit der Durchführung beauftragt.

Würden Sie uns ein Beispiel erzählen?
 
Ich beleuchte verschiedene Fälle in meinem Buch und erzähle die Geschichten der Opfer. Nur wenige Schicksale sind ja heute noch bekannt, wie z. B. Alfred Weiland, Walter Linse, Karl Wilhelm Fricke, Robert Bialek oder Heinz Brandt.
Zu den bekanntesten Entführungsfällen gehört der Rechtsanwalt Walter Linse, der im Sommer 1952 auf dem Weg zur Arbeit auf offener Straße brutal niedergeschlagen und entführt wurde. Er ist in die DDR gebracht worden, wurde dann jedoch von der Stasi an den sowjetischen Geheimdienst übergeben. So ist er von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und im Dezember 1953 in Moskau erschossen worden. Walter Linse war Mitarbeiter einer antikommunistischen Organisation in West-Berlin, dem Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen. Seine Entführung sorgte für großes öffentliches Aufsehen, zumal es viele Tatzeugen gab. Es gab zahlreiche Proteste – auch auf politischer Ebene. Der Schaden für das SED-Regime und den kommunistischen Machtblock waren immens. Fortan versuchte die Stasi, die Entführungen besser zu verschleiern. Als Tatorte wurden möglichst abgelegene oder nicht-öffentliche Plätze gesucht, es wurden Betäubungsmittel eingesetzt, Hinterhalte konstruiert. So entführte die Stasi 1958 beispielsweise einen Mitarbeiter eines westlichen Geheimdienstes aus einem Forst in Berlin-Gatow. Durch einen IM wusste die Stasi, dass der Betroffene dort spazieren geht. Als Forstarbeiter verkleidete IM lauerten ihm dort auf, überfielen ihn und brachten ihn im Kofferraum eines Autos über die Grenze nach Ost-Berlin. Erst im September 1972 wurde er nach einem Freikauf durch die Bundesrepublik aus der DDR-Haft entlassen.

Ist »Auftrag: Menschenraub« nicht ein wenig reißerischer Buchtitel?
 
Der Titel umreißt die beiden Schwerpunkte des Buches: das Phänomen der Entführungen im geteilten Deutschland und die Personen, die im Auftrag der Stasi die Entführungen durchführten. Der Begriff »Menschenraub« verweist dabei auf die öffentliche Wahrnehmung in den 1950er Jahren. In der damaligen westlichen Berichterstattung und öffentlichen Diskussion wurden die Entführungs- und Verschleppungsfälle im geteilten Berlin genau so, als »Menschenraub« betitelt.

Die Geschichten der Opfer kann man nicht oft genug erzählen, damit nicht in Vergessenheit gerät, was ihnen geschehen ist. Nun ist es ja aber auch ein Verdienst Ihres Buches, die Täter schärfer in den Blick zu nehmen und zu beleuchten, wie die Stasi vorging, wie die Entführungspraxis genau aussah. Können Sie uns hierüber etwas sagen?
 
Für den delinquenten und potenziell gewalttätigen Einsatz in West-Berlin und in der Bundesrepublik benötigte die Stasi spezielle Einsatzkräfte, die sie mitunter mehrfach mit Entführungen oder anderen Einsätzen im Westen beauftragte, und möglichst auch Personen, die sich bereits im Umfeld des Opfers bewegten oder dort eingeschleust werden konnten. Ich erforsche das in meinem Buch anhand einer mikrohistorischen Analyse: Ich konzentriere mich auf fünfzig Inoffizielle Mitarbeiter, die in verschiedenen Funktionen an Entführungen des MfS beteiligt waren. Oft wurden gezielt Leute aus dem kriminellen Milieu in West-Berlin angeworben. Die Stasi duldete das delinquente und gewaltsame Handeln dieser IM nicht nur, oder deckte und rechtfertigte es, sondern regte es sogar gezielt an.
Leider ist es aufgrund der Quellenlage unmöglich, die Gesamtzahl der vom MfS als Entführer eingesetzten IM exakt festzustellen. Sie kann unter Vorbehalt auf etwa fünfhundert IM geschätzt werden.

Was waren die Gründe der Stasi, Entführungen vorzunehmen?
 
Die Verschleppungen und – in erster Linie die gewaltsamen – Entführungen waren eine Machtdemonstration, die mit der Missachtung der staatlichen Grenzen und des Sonderstatus von West-Berlin begann. Entsprechend lässt sich die Hochphase der Entführungen in den 1950er Jahren ausmachen, also in einer Zeit, die vom Kalten Krieg mit seinen geheimdienstlichen Auseinandersetzungen geprägt war und in der die SED ihre Herrschaft in der DDR durchzusetzen versuchte. Nach dem Mauerbau 1961, der die SED-Diktatur stabilisierte, gab es nun noch wenige Entführungen. In der Theorie hielt die Stasi aber durchaus an dieser Methode fest. Der Untersuchungszeitraum meines Buches erstreckt sich deshalb bis 1989/90.
 
Die Entführungen richteten sich gegen westliche Geheimdienste, antikommunistische Organisationen und einzelne politische Gegner des SED-Regimes. Die Stasi-Entführungspraxis zielte aber nicht nur auf die Bestrafung der Entführten und die Enttarnung ihrer Verbindungen, sondern auch auf die Abschreckung und Diskreditierung. Das Resultat war der schizophren anmutende Effekt, dass das MfS einerseits Entführungsaktionen unter größter Geheimhaltung organisierte und bei Bekanntwerden vehement leugnete, andererseits aber durchaus als Urheber wahrgenommen werden wollte.
 
Noch ausgeprägter war diese Funktion der Abschreckung bei entführten DDR-Flüchtlingen, die vor ihrer Flucht der SED, der Volkspolizei, NVA oder dem MfS angehörten. Es gebe »keine Nachsicht mit Verrätern an der Sache des Friedens und des Sozialismus«, verkündete MfS-Chef Erich Mielke in einem Befehl im Juli 1960, nachdem der geflohene Grenzpolizist Manfred Smolka verschleppt und hingerichtet worden war. »Jeder Verräter – ganz gleich, wo er sich auch befinden möge – wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen.« Das »Zurückholen« – wie die Stasi  euphemistisch die Verschleppungen und Entführungen bezeichnete – dieser DDR-Flüchtlinge sollte verhindern, dass westliche Stellen sich die ehemaligen Funktionsträger und ihre Kenntnisse zu Eigen machten. Vor allem sollte es aber in den eigenen Reihen abschreckend wirken und Abtrünnigen vor Augen führen, dass sie sich dem Staatsapparat auch durch eine Flucht in den Westen nicht entziehen können.
 
Wir ordnen Sie die Ergebnisse Ihres Buches ein?
 
Tatsächlich zählten und zählen Entführungsaktionen weltweit zum Repertoire zahlreicher Geheimdienste.
Eine systematische Untersuchung dieser geheimdienstlichen Praxis ist in der Regel aber nicht möglich. Wir haben es hier mit einer historisch einmaligen Situation zu tun, dass ein geheimdienstliches Archiv zugänglich wurde und die Erforschung möglich war.
 
Liebe Frau Dr. Muhle, vielen Dank für das Gespräch.

© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke! (Stand: 25.03.2015)











  


Titel zur News

  (2 Titel)
Thema:
Produktform:
Sortieren nach: