03.01.2018

Ausgezeichnet!

Der Offermann-Hergarten-Preis 2017 wurde sowohl an Dr. Michael Homberg für seine Arbeit »Reporter-Streifzüge« als auch an Dr. Stefanie Coché für »Psychiatrie und Gesellschaft« verliehen. Wir gratulieren unserer Autorin und unserem Autor!

Die Offermann-Hergarten-Stiftung sieht ihre Aufgabe darin, Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zu fördern, indem wissenschaftliche Abhandlungen, die besondere geisteswissenschaftliche Leistungen darstellen und veröffentlicht und damit stiftungsgemäß der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind, mit einem Geldpreis ausgezeichnet werden, der sowohl als Belohnung für Geleistetes und zugleich als Grundlage für weitere Arbeit angesehen werden kann.

Die Preisträger


Stefanie Coché legt mit ihrer geschichtswissenschaftlichen Dissertation »Psychiatrie und Gesellschaft. Psychiatrische Einweisungspraxis im Dritten Reich, in der DDR und der Bundesrepublik 1941-1963« die erste vergleichende Studie zu den Verfahren der Einweisung von Patienten in psychiatrische Anstalten in der späten NS-Zeit, der DDR und der frühen Bunderepublik vor. Dabei ist ihr wissenschaftlicher Ansatz im doppelten Sinne innovativ. Erstens erweist sich der Vergleich dieser drei, höchst unterschiedlichen politischen Systeme als außerordentlich fruchtbar. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass auch der Zeitraum der Betrachtung klug gewählt ist: Im »späten« Dritten Reich wusste die Bevölkerung bereits von Krankenmorden in den Anstalten; die DDR und die Bundesrepublik werden im Zeitraum des Wiederaufbaus noch vor dem Beginn der Reformpsychiatrie untersucht. Zweitens bezieht Cochés Studie methodisch erstmals den weiteren gesellschaftlichen Kontext explizit mit ein, also gesellschaftliche und psychiatrische Vorstellungen von Normalität, Sicherheit und Krankheit sowie die Korrespondenz zwischen Ärzten und den Familien der Betroffenen. Im Herzstück der Arbeit wird die Einweisungspraxis vergleichend unter vier leitenden Gesichtspunkten untersucht:
1. Welchen Einfluss hatte der Staat auf die Einweisungen?
2. Wie erfolgten Zwangseinweisungen konkret?
3. Wie verlief der ärztlich-medizinische Diskurs im Hintergrund?
4. Welche Rolle spielten Arbeitsunfähigkeit und die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit in der begleitenden Argumentation?

Frau Coché kommt zu sehr überraschenden und hochinteressanten Ergebnissen. Für alle drei Systeme lässt sich festhalten, dass Einweisungen häufig nicht nach formell-exakten Spielregeln erfolgten, sondern das Resultat einer Aushandlung mit dem sozialen (oft familiären) Umfeld der Betroffenen auf Grundlage gesellschaftlich akzeptierter Argumentationsmuster waren. Auf der anderen Seite zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen den Systemen: In der späten NS-Zeit wurden die Anstalten trotz der offenkundigen Gefahr für die Patienten häufig von Angehörigen zur Einweisung gedrängt. Während in der DDR der starke Einfluss des sozialen Umfeldes auf die Einweisungen in einem rechtlichen Vakuum erhalten blieb, suchte man in der frühen Bundesrepublik nach einer dezidierten Verrechtlichung der Einweisungspraxis.

Stefanie Coché gelingt es in ihrer Studie meisterhaft, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen und Dynamiken der Ausgrenzungen und Abschiebungen in die Psychiatrie am Beispiel der Einweisungspraxis zu beleuchten. Dabei entsteht eine glänzend geschriebene und über weite Strecken spannend erzählte Geschichte, die immer wieder an konkreten und lebendigen Fallerzählungen exemplifiziert wird. Das Buch ist thematisch und methodisch hoch innovativ, sodass es zu einem Meilenstein der Fachdiskussion werden dürfte.
Das Buch »Reporter-Streifzüge. Metropolitane Nachrichtenkultur und Wahrnehmung der Welt 1870-1918.« von Michael Homberg befasst sich mit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, aber wenn man auf den Untertitel schaut, kann man unschwer seine Gegenwartsbedeutung erkennen: »Nachrichtenkultur und die Wahrnehmung der Welt« – In einer Zeit, in der professioneller Journalismus mit der »Schwarmintelligenz« und »Schwarmdummheit« des Internets konkurrieren muss, in der »alternative Wahrheiten« und »fake-news«-Verdächtigungen systematisch das Vertrauen in die Medienberichterstattung unterminieren und in der ein amerikanischer Präsident Politik mit 140 Zeichen-Nachrichten macht, ist eine Studie, die sich mit der Entstehungsgeschichte der journalistischen Reportage beschäftigt, von hoher Aktualität. Hier werden gravierende Unterschiede erkennbar, aber auch Ähnlichkeiten, handelt es sich doch um die Zeit, in der die Massenmedien erstmals in systematischer Weise begannen, Anlass und Gegenstand ihrer Berichterstattung selbst zu kreieren.

Michael Hombergs Arbeit widmet sich einer ambitionierten Fragestellung: Es geht um den Aufstieg der literarischen Reportage und der Sozialfigur des »Reporters« zwischen 1870 und 1918, also in der Zeit der Entstehung moderner Massenkommunikationsmittel und der Entfaltung einer metropolitanen Kultur. Dieses große Thema erschließt der Autor aus einer breit entfalteten interdisziplinären Perspektive, die literatur-, medien- und geschichtswissenschaftlichen Methoden aufgreift und gekonnt verbindet. Auch die Betreuung der Arbeit durch einen Literaturwissenschaftler und einen Historiker spiegelt das interdisziplinäre Konzept. Imponierend ist aber nicht allein die Beherrschung eines komplexen methodischen Instrumentariums, sondern vor allem der breite vergleichende Blick und die quellengesättigte Darstellung des Neuen Journalismus in der Formationsphase des globalen Nachrichtenwesens. Homberg nimmt den Leser mit auf Reporter-Streifzüge in immerhin vier Metropolen des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts: Berlin, Paris, London und New York sind die Orte, in denen er verfolgt, wie die Figur des »Reporters« und das neue Textgenre der literarisch ambitionierten Reportage Konturen gewannen. Überaus anschaulich stellt er heraus, in welchem Maße solche Augenzeugenberichte literarischen Modellen verpflichtet waren und wie sehr sie im Spannungsfeld von Dokumentation und Sensationalismus standen. Seine klar aufgebaute, schön illustrierte und gut lesbare Arbeit bietet einen akribisch recherchierten, doch immer wieder auch unterhaltsamen Überblick über eine im internationalen Vergleich noch wenig erforschte Gattung.

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