20.11.2014

Ausgezeichnet!

V&R-Autor Dr. habil. Stefan Litt ist gemeinsam mit Prof. Dr. Edward Fram mit dem Rosl und Paul Arnsberg-Preis der Stiftung Polytechnische Gesellschaft ausgezeichnet worden. Die mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Auszeichnung ehrt herausragende Forschungen zur Geschichte der Juden in Frankfurt am Main.
 
Die Pressemitteilung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft:

Edward Fram ist Assistenz-Professor für Jüdische Geschichte an der Ben Gurion Universität des Negev (Beer-Sheva, Israel). Er wurde für sein Buch „A Window on their World: The Court Diaries of Rabbi Hayyim Gundersheim Frankfurt am Main, 1773-1794” geehrt. Dieses bietet Einblicke in die Selbstorganisation der Frankfurter jüdischen Gemeinde zur Zeit der Aufklärung. Fram übersetzte und editierte dazu erstmals Aufzeichnungen, die Gundersheim zu seiner Arbeit am rabbinischen Gerichtshof zwischen 1773 und 1794 verfasste. Die Schriften befinden sich heute im Besitz des Frankfurter Jüdischen Museums. „Die Tagebücher sind handschriftlich in rabbinischem Hebräisch verfasst und mit jiddischen und deutschen Wörtern, Abkürzungen und Namen gespickt. Ihre Übersetzung ist deshalb bedeutsam, weil die offiziellen Aufzeichnungen über die Gerichtsfälle verloren gegangen sind“, so der Juryvorsitzende, Prof. Dr. Raphael Gross. Die Tagebücher liefern offizielle, private und subjektive Daten und vermitteln so ein detailreiches Bild der juristisch anhängigen Streitfälle in der jüdischen Gemeinde der damaligen Zeit. Dadurch entsteht ein ungewohnt intimes Bild des Alltags der rund 700 im Tagebuch aufgeführten jüdischen Bewohner Frankfurts. Die Analyse der rund 200 im Tagebuch erwähnten Fälle liefert Informationen etwa über die Stellung und das Verhalten unverheirateter, verheirateter, verwitweter und geschiedener Frauen oder über Grundbesitzfragen, die besonders häufig an das Gericht herangetragen wurden. Immer wieder wird so deutlich, dass dem Gericht neben der Rechtsprechung eine wichtige Rolle bei der Organisation der jüdischen Gemeinschaft Frankfurts zukam. Eine Kurzbiografie Gundersheims, Informationen über die Regeln und Zustände des rabbinischen Gerichtswesens in Frankfurt am Vorabend der Aufklärung und die Einordnung der Frankfurter Situation in den europäischen Vergleich runden Frams Arbeit ab.
 
Stefan Litt (Israelische Nationalbibliothek Jerusalem) forschte ebenfalls über die Frankfurter Jüdische Gemeinde, genauer über ihre Statuten. Seine Ergebnisse veröffentlichte er in dem Buch „Jüdische Gemeindestatuten aus dem aschkenasischen Kulturraum 1650-1850“ und erschloss so eine weitere Quellengattung, die detaillierte und vielfältige Einblicke in das einstige jüdische Gemeindeleben gewährt. Neben Worms und Friedberg gehören die Frankfurter Statuten zu den ältesten im Heiligen Römischen Reich. Litts Edition und Übersetzung dokumentiert die Anpassung der Gemeinde an gesellschaftliche und politische Veränderungen. Inhalte der 97 Paragraphen sind Fragen der Gemeindemitgliedschaft, die Wahl der Funktionsträger, Gewerbevorschriften und Besteuerung, Synagogen-Angelegenheiten, soziale und sozialmoralische Themen. Geregelt wurde auch, welche Leistungen die Mitglieder für die Gemeinde zu erbringen hatten, sowie der Umgang mit Christen. Litt setzt diese Aufzeichnungen in Bezug zu Statuten aus sechs Ländern, 15 Gemeinden und zwei Jahrhunderten. Sie erweisen sich dabei als bemerkenswert demokratisches Beispiel der Ordnungsfindung. War die Normfindung traditionell Angelegenheit der Rabbiner und Religionsgelehrten, wurden die Frankfurter Statuten von einer 15-köpfigen Kommission entworfen. Eine Besonderheit ist auch ihre eher weltliche Grundhaltung: An vielen Stellen geht es um Themen des Alltags sowie der Berufspraxis der Krämer und Kleiderhändler. „Insgesamt ist der Charakter der Frankfurter Statuten eher zivilrechtlicher Natur. Dies macht einen Teil ihrer Bedeutung aus, zeigen sie doch klar Tendenzen einer Säkularisierung der Gemeindeführung auf, die anderswo so nicht greifbar sind“, so der Juryvorsitzende, Prof. Dr. Raphael Gross.
 
„Rosl und Paul Arnsberg, denen zu Ehren der Preis benannt wurde, stehen in vorbildlicher Weise für die Vergegenwärtigung des jüdischen Erbes Frankfurts“, betonte der Vorstandsvorsitzende der auslobenden Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Dr. Roland Kaehlbrandt. Unermüdlich habe Paul Arnsberg (1899-1978) Forschungen über die Rolle der Juden in Frankfurt und Hessen angestellt und dazu Standardwerke von hohem wissenschaftlichem Rang verfasst. Seine Frau Rosl (1908-2010) unterstützte ihn dabei nachhaltig. „Jüdische Bürger haben traditionell eine herausragende Rolle bei der Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung in Frankfurt gespielt, das Mäzenatentum geprägt und den Fortschritt der Stadt gefördert“, so Kaehlbrandt weiter. Das Bewusstsein dafür zu schärfen und die Kenntnis darüber zu mehren, sei der Zweck des Preises, der 2014 zum vierten Mal vergeben worden ist. Auf Anregung von Prof. Dr. Arno Lustiger wurde er anlässlich des 100. Geburtstags von Rosl Arnsberg 2008 gestiftet und seitdem alle zwei Jahre vergeben.
 
Die ausgezeichneten Arbeiten im Jahr 2014:
Edward Fram: A Window on their World. The Court Diaries of Rabbi Hayyim Gundersheim Frankfurt am Main, 1773-1794. 660 Seiten, Hebrew Union College Pr. 2012. ISBN-13: 978-0878202539.
Stefan Litt: Jüdische Gemeindestatuten aus dem aschkenasischen Kulturraum 1650-1850. 562 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht 2013. ISBN-13: 978-3525310151.
 
Die Jury im Jahr 2014:
Dr. Gad Arnsberg (Historiker, Tel Aviv), Dr. Evelyn Brockhoff (Direktorin des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt am Main), Prof. Dr. Raphael Gross (Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt am Main und Geschäftsführer der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden; Vorsitzender), Dr. Roland Kaehlbrandt (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft), Prof. Dr. Klaus Ring (Präsident der Polytechnischen Gesellschaft e.V.).


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