02.05.2014

Brauchen wir die Liebe noch?

Der Paar- und Familientherapeut wagt es, einmal quer zu denken und entzaubert die Liebe als Beziehungsideal.
Der wichtigste Stabilitätsfaktor einer Beziehung ist für ihn…? Die Freundschaft!
Ein Interview mit Frank Natho


Guten Tag, Herr Natho. »Die Entzauberung eines Beziehungsideals« heißt der Untertitel Ihres neuen Buches. Hat die Liebe keinen Zauber für Sie?
 

Von der Liebe träumen wir alle. Die Liebe – für viele Partnerschaften und Ehen ist sie die wichtigste Grundlage des Zusammenlebens und einer erfüllten gemeinsamen Sexualität. Sie soll ein ganz besonderes Gefühl sein, welches Menschen zueinander führt, aneinander bindet und die Partnerschaftszufriedenheit erhöht. Viele Paare glauben an dieses Gefühl, an dessen Kraft und magische Wirkung – und so wird die Liebe zum Ideal für Ehe und Partnerschaft.
 
Doch Ideale haben auch Nachteile, sie setzen Maßstäbe, intensivieren den Druck, erhöhen die Erwartungen an die Beziehung und verstärken die Sensibilität für das Vorhandensein oder das Fehlen von Liebe.
 
Darum wird man doch einmal fragen dürfen: Hängen wir dem richtigen Ideal an – oder jagen wir einem vermeintlichen Glück nach, dass es dauerhaft womöglich gar nicht gibt?
 
Nun sind wir von der ›Liebe‹ zum Stichwort ›Glück‹ gekommen. Was ist Glück?
 

Leider definieren die meisten Menschen ihr Glück nicht über das, was sie haben oder sind, sondern über das, was sie nicht haben oder nicht sind.
 
Jugendliche verlieben sich in ihre Stars, besuchen deren Face­book-Seiten und Konzerte, um ihren Idolen näher zu sein. Man­che Frauen schwärmen vielleicht für Johnny Depp und einige Männer träumen von Scarlett Johansson. Welche emotionalen Energien werden da verschwendet!
 
Die Realität bringt nur äußerst selten das ganz große erträumte Glück hervor.
Dabei fehlt uns oft die Wahrnehmung und Wertschätzung für ein Glück, das wir längst haben!
 
Was war der Antrieb, dieses Buch zu schreiben?
 

In meiner jahrelangen Arbeit als systemischer Paartherapeut habe ich erfahren, dass sich viele Menschen mit diesen Problemen herumschlagen. Die Liebe ist Paaren verloren gegangen, das gemeinsam erträumte Glück scheint unerreichbar.

Eine Grundhaltung von Systemikern, zu denen ich mich zähle, ist Neugier. Und der Versuch, einmal eine andere Perspektive einzunehmen.
 
Wenn ich meinen Klienten so zuhöre, frage ich mich manchmal: Kann man diesen Paaren die Aussage zumuten, dass es auch ohne Liebe eine erfüllte und glückliche Partnerschaft und Ehe geben kann? Dass die Freundschaft zwischen Mann und Frau mit einem gemeinsamen Lebensmittelpunkt, einer gemeinsamen Familie und gemeinsamen Freizeitunternehmungen möglicherweise ein viel natürlicheres und zeitgemäßeres Beziehungsverständnis ist? Es war mir ein Bedürfnis diese Frage einmal gründlich zu durchdenken – und so ist dieses Buch entstanden.
 
Können Sie uns kurz ein paar Sätze zum Inhalt des Buches verraten?
 
Im Buch versuche ich, verschiedene Facetten der Konstruktion Liebe durch die Geschichte hindurch zu skizzieren. Ich möchte aufzeigen, warum Liebe kein Grundgefühl, sondern ein Produkt des jeweiligen Zeitgeistes in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen und Epochen ist!

Liebe ist vielleicht allenfalls eine Form des Glaubens und dabei sehr individuell. Mich interes­siert die Antwort auf die Frage, warum viele Menschen, Paare an diesem Glauben, an dieser Konstruktion festhalten, obwohl die Liebe eines der flüchtigsten Erlebniszustände überhaupt ist. Wie glaubt man an etwas, das nicht greifbar ist, und welche Vor- und Nachteile hat es, wenn man den Glauben an die Liebe aufgibt?
 
Sie werben in Ihrem Buch für ein Beziehungsideal der Freundschaft. Warum?
 
Liebe ist kein genetisch determiniertes Grundgefühl. Angeboren ist vielleicht der Wunsch nach Sexualität und Bindung für die Zeit der Familiengründung, weil es ohne Zweifel einfacher ist, Kinder zu zweit aufzuziehen und zu versorgen. Dafür ist die partnerschaftliche Liebe jedoch nicht unbedingt notwendig. Der Wunsch nach verlässlicher, vertrauter Beziehung und gegenseiti­ger Seelsorge bis ins hohe Alter lässt sich ohne romantisches Liebeskonstrukt verwirklichen. Als Alternative steht die Freundschaft zur Verfügung, die sowohl emotionale und körperliche Nähe als auch gegenseitige soziale Unterstützung ermöglicht. Freundschaf­ten sind qualitativ nicht minderwertiger als Liebesbeziehungen.
 
Paare, deren Beziehung auf Freundschaft gegründet ist, könnten ganz entspannt das genießen, was vorhanden ist: Sympathie, Freundschaft, gemeinsame Hobbys oder gegenseitige Unterstüt­zung bei der Bewältigung eines ohnehin manchmal nicht leich­ten Lebens. Wer nicht mehr sucht, kommt vielleicht viel eher im Hier und Jetzt an und lernt, den Partner oder die Partnerin so zu nehmen, wie er oder sie ist.
 
Die Liebe dagegen gibt sich damit meist nicht zufrieden, sie fordert alles: Harmonie, Treue, Gleichberechtigung, Dauer, sexuelle Lust, emotionales Verstehen und Umsorgen. Sie soll ein Garant für die fortwährende Entwicklung des Partners, für persönliche Reife, Verlässlichkeit, soziale Sicherheit, Vertrauen und Zukunft sein. Das ist einfach zu viel für nur eine Beziehung!
 
Mit Freundschaft kommen wir auf diesem Weg viel weiter. Würden wir so etwas wie Liebe nicht konstruieren, könnten wir viel ehrlicher zueinander sein und uns mit dem begnügen, was wir haben.

Schon wieder ein Buch über Liebe und Paarbeziehung – werden manche sagen. Was antworten Sie denen? Was macht Ihr Buch so besonders?
 
Die wissenschaftliche Betrachtung der Liebe als facettenreiches partnerschaftliches Beziehungs­phänomen kann noch nicht auf eine so lange Forschungsgeschichte zurückblicken. Zwar ist schon viel über die Liebe geschrieben worden, doch die begriffliche Unschärfe und Komplexität des Forschungsgegenstandes selbst machen es äußerst schwierig, Aussagen und Theo­rien darüber miteinander zu vergleichen.
In diesem Buch will ich mir erlauben, einmal gegen den Strich zu bürsten und querzudenken: Das Infragestellen, die Dekonstruktion, das Spiel mit den Unterschieden und Ambivalenzen, das Erfinden neuer Möglichkeiten kommt auch in folgendem Satz zum Ausdruck, der Niklas Luhmann zugeschrieben wird:
 
»Wie es ist, ist es gut – nur dass es auch ganz anders sein könnte.« 



Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
Es ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung. Wir bitten nur um einen Beleg (Link/PDF reicht aus) an pr@v-r.de.



  


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