22.01.2016

Buchtipp zur Göttinger Kinder- und Jugendbuchwoche: Lesen ist cool!

Wer nicht vorliest, verpasst spannende Fantasiereisen und Glücksmomente mit seinem Kind! – sagt Arne Ulbricht. Sein neues Buch »Lesen ist cool!" ist ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Vorlesen und Lesen.

Es erscheint gerade zur rechten Zeit: Am 23. Januar startet die Göttinger Kinder- und Jugendbuchwoche. Viel Spaß beim Lesen!


Eine Kostprobe von Arne Ulbrichts »Lesen ist cool«
Eine Szene aus dem Familienalltag von Arne Ulbricht


„Papa!“, dröhnt es aus dem Nachbarzimmer.
5:43 Uhr. Vielleicht schläft Lotta, seit vier Jahren meine Tochter, ja einfach weiter. „Papa … PAPA … ich habe eingepullert!“
Na klasse. Meine Frau schläft so tief wie Lasse (7) und wundert sich eine Stunde später darüber, dass Lotta, die zu ihr ins Bett gekrochen ist, einen neuen Schlafanzug anhat. Während ich Kaffee koche, kommt Lasse in die Küche gewankt. Seine Augen brennen, und seine Nase ist verstopft. Er putzt sie … sieht Blut … und beginnt zu heulen. Na wunderbar. Er beruhigt sich erst, als er anfängt zu essen. Dann kommt Lotta reingewankt. Kaum sitzt auch sie, schüttet sie sich selbst Müsli ein. Die Schüssel läuft fast über. Trotzdem möchte sie sich auch selbst Milch einschenken. Das klappt gar nicht, was nicht weiter schlimm ist, denn sie hat sowieso keinen Hunger mehr auf Müsli, und dass die Milch nun alle ist, ist ihr egal. Dann kommt meine Frau in die Küche gewankt. Warum ich am Tag zuvor keine frische Milch gekauft habe, möchte sie wissen. Nach dem Frühstück bringe ich die Kinder in den Kindergarten beziehungsweise in die Schule und als ich zurückkomme, ist es geradezu gespenstisch still, weil auch meine Frau inzwischen zur Arbeit gefahren ist. Herrlich.

Aber das Chaos macht nur eine Pause. Als ich Lotta abhole … schläft sie erstens noch und hat zweitens, nachdem sie geweckt worden ist, keine Lust mitzukommen, und drittens schon wieder eingepullert und viertens ihr Brot nicht aufgegessen, weshalb sie fünftens beim Bäcker leer ausgeht und daher sechstens einen Wutanfall bekommt. Ich selbst überlege, ob ich sie nicht doch mal kräftig am Arm ziehen soll. Oder … nein, natürlich denke ich nicht daran, ihr eine Ohrfeige zu geben. Inzwischen haben wir gemeinsam meinen Sohn beziehungsweise den großen Bruder abgeholt. Während der Schlacht um den einzigen Fensterplatz in der Schwebebahn tue ich so, als ob die Kinder nicht zu mir gehören. Selbst als sie mich rufen, reagiere ich nicht. Lotta hat Turnen und schimpft, weil ich ihr die falschen Socken eingepackt habe. Anschließend hat Lasse Tae-Kwon-Do und schimpft, weil ich vergessen habe, sein Getränk aufzufüllen.

Nach dem Sport müssen wir noch einkaufen gehen. Die Kinder streiten sich, wer die Ware auf das Band legen darf. Ich schnauze sie an, woraufhin ein älterer Herr einer älteren Dame – beide stehen hinter mir in der Schlange – erklärt, dass so etwas früher nicht passiert wäre, denn früher hätte man Kinder noch richtig erzogen. Abends kommt meine Frau nach Hause. Sie ist erschöpft, setzt sich an den gedeckten Tisch und fragt, wie es sein könne, dass ich schon wieder vergessen habe, Milch einzukaufen.

Eine Stunde später: Die Kinder haben einen Schlafanzug an. Lasse liest der Mutter vor. Ich lese Lotta vor. Die Steinsuppe. Zum gefühlt achtzigsten Mal. Aber es bringt immer wieder Spaß. Den Wolf, der die Steinsuppe kochen will, lese ich mit ganz tiefer Stimme und gucke Lotta dabei so an, wie ich glaube, dass ein Wolf gucken könnte. Manchmal erfinde ich auch was. Mache zum Beispiel aus der Henne eine Taube. Lotta merkt es immer und protestiert und sagt: Lies das noch mal, und jetzt richtig! Es ist … einfach schön, wie meine Tochter da neben mir sitzt und mir zuhört und sich manchmal an mich klammert. Haben wir uns wirklich den ganzen Tag gezankt? Eigentlich unmöglich.

Die eigentliche Party beginnt aber erst, als mein Sohn kommt. Er klettert aufs obere Bett und guckt zu mir rüber. Ich sitze inzwischen nicht mehr auf Lottas Bett, sondern auf einem Stuhl. Ich greife zum Buch, das wir momentan lesen. Es ist fast schon ein feierlicher Moment. Mein Sohn strahlt mich an. Und ich strahle zurück. Wir wissen, dass wir uns nun eine halbe Stunde lang nicht streiten werden. Denn ich werde ihm vorlesen. Nichts anderes werde ich tun. Und er wird zuhören und mich lediglich manchmal unterbrechen. Mit einem Ausruf der Begeisterung. Oder mit einer wilden Theorie, wie es weitergehen könnte. Oder mit einer Frage nach einem Wort, das er nicht verstanden hat. Momentan lesen wir Harry Potter. Band V. (Zu Harry Potter später mehr.) Der Text ist spannend. Das Vorlesen selbst bringt Spaß. Und man ist seinem Kind so nah wie in keiner anderen Stunde am Tag. Den einzigen Streit gibt es, wenn ich aufhöre zu lesen. Dann heißt es:
„Bitte, noch zwei Seiten.“
„Nein“, sage ich.
„Dann noch eine Seite!“
„Nein, sage ich, ich habe schon eine halbe Stunde gelesen!“
Und einen trockenen Mund habe ich auch.
„Bitte, bitte, wenigstens noch einen Absatz.“
„Na gut“, sage ich. Und lese noch zwei Seiten.
Anschließend sagt Lasse, dass er sich wünscht, dass ich ihm mal einen ganzen Tag von morgens bis abends vorlese. Und … kommen mir in diesem Moment etwa fast die Tränen? Nein … Blödsinn. Oder doch?
Ich habe mal ausgerechnet, dass ich meinem Sohn in den zurückliegenden Jahren knapp sechs Wochen beziehungsweise über tausend Stunden am Stück vorgelesen habe. (Sieben Jahre lang, mindestens 300 Tage im Jahr, in der Regel eine halbe Stunde.) Nach den Sommerferien 2014, er war zehn Jahre alt, hörte ich auf, ihm vorzulesen. Es war ein seltsamer, trauriger Moment. Lasse sagte einfach, dass ich ihm nun nicht mehr vorlesen müsse. Mehr sagte er nicht. Letztendlich ist es ein wenig wie mit einer langen Reise: Man kann nicht ein Leben lang ständig reisen. Aber von vielen Reisen zehrt man ein Leben lang. Das Vorlesen war nicht nur eine Reise, sondern es war eine Weltreise, auf der wir unglaublichste Abenteuer erlebt und unzählige Länder entdeckt haben.
Lasse ist übrigens ein ganz normaler Junge geworden, der wie fast alle Jungs eine Schwäche für Clash of Clans und für Minecraft hat und sich manchmal mit seinen Freunden die Zeit vertreibt, indem er YouTube-Videos glotzt. (Und oft streiten wir darüber.) Aber im Gegensatz zu vielen anderen Jungs liest er. Viel. Unglaublich viel.

Meine Tochter ist inzwischen acht. Ihr darf ich noch vorlesen. Aber wenn auch sie irgendwann diesen einen, fürchterlichen, aber allzu verständlichen Satz zu mir sagen wird, werde ich in ein Loch fallen. Denn das Vorlesen ist mir längst ebenso wichtig wie den Kindern geworden.

(zur Leseprobe)
S. 10-14 aus: Arne Ulbricht: Lesen ist cool! © Vandenhoeck & Ruprecht.

 


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