13.09.2013

Burnout vermeiden durch Selbstmanagement

»Machen Sie sich klar: Erfolg ist nicht, wenn es den anderen gut geht – Erfolg ist, wenn es mir gut geht!«

Ein Interview mit Peter M. Wehmeier

Guten Tag, Herr Dr. Wehmeier. Sie behandeln in Ihrer Klinik Menschen mit Burnout. Was ist das denn eigentlich? Ist Burnout nicht nur eine Modediagnose?
 
Burnout ist keine Modediagnose. Burnout ist überhaupt keine Diagnose. Burnout ist ein Erschöpfungsprozess, an dessen Ende eine klinisch relevante Depression stehen kann.Psychische Erschöpfung kann jeden von uns treffen. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2012 zur Prävalenz von Burnout bei Erwachsenen in Deutschland zeigte, dass etwa 5 % der befragten Frauen und etwa 3 % der befragten Männer angaben, unter Burnout zu leiden. Diese Zahlen verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise die Größe des Problems und vermitteln eine Vorstellung von dem Ausmaß der Belastung, unter der die Betroffenen stehen.
 
Was sind denn die typischen Zeichen psychischer Erschöpfung?

Das Leben der Betroffenen kann auf vielfältige Weise beeinträchtigt sein. Die meisten haben das Gefühl, dass Ihnen alles zu viel wird. Sie sind gereizter als früher und haben weniger oder sogar überhaupt keine Freude an der Arbeit. Sie sind in der Regel niedergeschlagen, fühlen sich innerlich leer und sind meist zu erschöpft für Freizeitaktivitäten. Viele sind angespannt oder haben Ängste. Alles kommt ihnen sinnlos vor, so dass sie auch keine Pläne für die Zukunft haben. Sie ziehen sich zunehmend von Ihren Freunden zurück, auch für den Partner bleibt keine Zeit. Viele spüren keinen Rückhalt beim Partner oder bei Freunden. Manche haben Schlafstörungen und trinken häufiger als früher Alkohol oder nehmen Beruhigungsmittel ein. Bei manchen Betroffenen treten körperliche Symptome wie Kopf- oder Rückenschmerzen auf. Viele haben die Hoffnung aufgegeben, dass sie irgendetwas an ihrer Situation ändern könnten.
 
Wie erklären Sie sich die Zunahme von psychischer Erschöpfung?

Wir leben in einer Welt des Erfolges. Erfolg scheint in der heutigen Welt zum höchsten Wert und damit zum Maßstab aller Dinge geworden zu sein – jedenfalls für viele von uns. Alles geht höher, schneller, weiter. Grenzen lösen sich auf, alles ist möglich. Wer möchte in einer solchen Welt schon im Abseits stehen und nicht auch erfolgreich sein? Erfolg ist allerdings für viele Menschen in unendlich weite Ferne gerückt. Viele Menschen fühlen sich erschöpft, manche betrachten sich sogar als Gescheiterte. Zugleich sind unsere Handlungsspielräume sehr viel größer geworden. Damit haben sich auch unsere Entscheidungsoptionen bei der Lebensgestaltung vervielfacht. Die Vielfalt der Möglichkeiten stellt den Einzelnen allerdings unter hohen Entscheidungsdruck und damit unter zusätzlichen Stress. Unentschlossenheit und Versagensangst können die Folgen sein.
 
Wie würden Sie überhaupt Erfolg definieren?

Wahrscheinlich gibt es etwa so viele Definitionen von Erfolg, wie es Menschen auf der Erde gibt. Das ist auch gut so, denn wer wollte für sich beanspruchen, eine für alle Menschen gleichermaßen gültige Definition vorgeben zu können? Die Definition von »Erfolg« hängt allerdings immer von den Normen ab, die in einer Gesellschaft gelten, und den Werten, die uns als Menschen wirklich etwas bedeuten. Es geht mir darum, den Einzelnen dabei zu unterstützen, eigene Vorstellungen von Glück und Erfolg zu entwickeln. Aus meiner Sicht ist es an der Zeit, herkömmliche Definitionen von Erfolg zu hinterfragen. Jeder Mensch sollte eine eigene Vorstellung von Erfolg entwickeln. Erfolgreich sein kann doch nur heißen, dass es einem gut geht.
 
Warum sollte sich jemand für Selbstmanagement interessieren?

Die steigende Komplexität der Informationen, die wir laufendverarbeiten und bewältigen müssen, stellt immer höhere Anforderungen an unser Denken, Fühlen und Handeln. Um auf die vielfältigen Anforderungen reagieren zu können, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind, müssen wir ständig Mittel und Wege finden, uns in der Welt zu orientieren. Wir leben in einem Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen, durchlaufen Lernprozesse und müssen ständig Dinge planen und Entscheidungen treffen, um angemessen und zielführend handeln zu können. Das tut jeder Mensch jeden Tag mehr oder weniger erfolgreich. Insofern ist jeder sein eigener »Manager«. Selbstmanagement ist eine Möglichkeit, selbstwirksam zu denken und zu handeln.
 
Der praktische Nutzen Ihres Buches scheint Ihnen wichtig zu sein.

Ja, ich habe das Buch für die Menschen geschrieben, die sich der psychischen Erschöpfung nahe sehen oder die bereits in der Burnout-Falle sitzen. Ich möchte diesen Menschen helfen, aus dieser Situation herauszukommen und einen Weg nach vorne zu entwickeln. Mein Selbstmanagementansatz ist aus der Praxis hervorgegangen. Vor ein paar Jahren habe ich ein Selbstmanagementprogramm für Führungskräfte entwickelt und bei einem amerikanischen Unternehmen eingeführt. Der große Erfolg des Programms hat mich dann dazu ermutigt, die wesentlichen Inhalte des Programms einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen. So entstand dieses Buch...
 
Wie setzen Sie Ihr Selbstmanagementkonzept in der Praxis um?

Bei der Bewältigung von Veränderungen sollten wir immer bei uns selbst ansetzen. Es geht darum, nicht immer erst die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wir sollten achtsam sein und unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen. Ich empfehle jedem: Hinterfragen Sie die herkömmliche Definition von Er-folg. Scheitern Sie nicht an einem falschen Ideal. Sorgen Sie für sich und gehen Sie behutsam mit sich um. Das bedeutet aber auch, dass Sie Ihr Leben in die Hand nehmen und Dinge verändern. Daher enthält das Buch über 100 konkrete Handlungsempfehlungen für eine selbstwirksame Lebenspraxis.

Spielt die Vermeidung von Burnout in Ihrem Buch eine Rolle?
Ja, der präventive Aspekt war mir sehr wichtig. Es ging mir ausdrücklich darum, ein Buch zu schreiben, das dem Einzelnen dabei hilft, Warnsignale zu erkennen und gegenzusteuern, wenn er oder sie in eine Erschöpfungsspirale gerät. Dabei sollte das Buch leicht lesbar sein und dennoch eine systematische Hilfestellung geben.
 
Noch etwas, was Ihr Buch vielleicht von anderen unterscheidet: Sie machen Mut, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, selbst zu gestalten und auch die Verantwortung dafür zu tragen. Sie sagen, Sie haben Ihr Selbstmanagement in einem amerikanischen Pharmaunternehmen eingeführt. Ist Ihre Haltung daher möglicherweise amerikanisch geprägt?
 
Die verhaltenstherapeutischen Grundlagen meines Konzepts wurden von dem amerikanischen Psychologen Frederick H. Kanfer erarbeitet. Während meiner Weiterbildung zum Psychotherapeuten stieß ich auf sein Konzept der Selbstmanagement-Therapie, bei der es um die konkrete Veränderung im Leben des Einzelnen geht. Auf konkrete Veränderungen kommt es auch bei Menschen an, die unter Überforderung, psychischer Erschöpfung oder Burnout leiden. Sie können von der systematischen Formulierung konkreter Zielsetzungen profitieren.
 
Spielt positives Denken bei Ihrem Selbstmanagement-Konzept eine Rolle?

Auf jeden Fall! Unser Denken bestimmt unsere Gefühle und umgekehrt. Vieles ist nicht von vorne herein gut oder schlecht, erst unsere Bewertung macht es dazu. Wenn wir lernen, auf konstruktive Art und Weise unsere Gedanken und Gefühle zu regulieren, können wir eine positive Sicht auf die Dinge entwickeln. Dementsprechend konstruktiv ist dann auch unser Handeln. Oft sind wir zu streng mit uns selbst, haben überhöhte Ansprüche, nehmen die Dinge zu schwer, haben zu wenig Humor. Es sind die negativen Emotionen, die eine Belastungssituation oft ausmachen und diese noch verstärken können.
 
Können Sie Ihre wichtigste Aussage ganz kurz zusammenfassen?

Ich habe bei dem Philosophen Friedrich Nietzsche ein schönes Bild für die Verbindung von Gelassenheit und dem Guten gefunden. Er sagt: »Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.« Hier klingt übrigens auch ein Ideal des Taoismus an, das als eine Art Leitmotiv für effektives Selbstmanagement gelten kann: Zu sich selbst finden und gelassen das Leben hüten! Darauf kommt es aus meiner Sicht letztendlich an, und zwar beim Selbstmanagement wie im Leben.

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
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