Ein Interview mit Yuri Slezkine
Der Text ist ein kurzer Auszug aus einem längeren Interview, das Russell Schoch mit Yuri Slezkine für die Ausgabe November 2004 des California Magazine führte.
Was ist allgemein für den jüdischen Erfolg verantwortlich?
Slezkine: Die Juden gehören zu einer Gruppe von Völkern, die sich für bestimmte Aufgaben auf ähnliche Weise spezialisieren – und ähnliche Ablehnung provozieren. Bei einem vergleichenden Überblick stellt man fest, dass diese Spezialisierung sehr alt und weit verbreitet ist.
Worin besteht diese Spezialisierung?
Slezkine: Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gab es Stämme – ethnische Gruppen –, die sich ausschließlich darauf spezialisierten, den umgebenden Gesellschaften, die Nahrung produzierten, Dienste zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören die Roma und verschiedene sogenannte »Fahrende« oder »Reisende«, die Fuga in Äthiopien, die Scheich Mohammadi in Ägypten und natürlich die Armenier, die Überseechinesen, die Inder in Ostafrika, die Libanesen in Westafrika und Lateinamerika und so weiter. Sie alle nenne ich in Abhebung von ihren »apollonischen« Umgebungen »Merkurianer«.
Was bezeichnen Sie mit diesen Begriffen?
Slezkine: Apollo war der Gott sowohl der Tierzucht als des Ackerbaus. »Apollonische« Gesellschaften, so wie ich den Begriff verwende, organisieren sich über die Produktion von Nahrung und bestehen überwiegend aus Bauern, dazu verschiedenen Kombinationen von Kriegern und Priestern, die sich bäuerliche Arbeit aneignen, indem sie den Zugang zu Land oder Seelenheil steuern.
Merkur oder Hermes war der Gott der Boten, Händler, Übersetzer, Handwerker, Führer, Heiler und anderer Grenzgänger. »Merkurianer« sind nach meinen Begriffen ethnische Gruppen, demografisch geschlossene Gesellschaften, die sich nicht um das Erzeugen von Nahrung kümmern, sondern von Diensten leben, die sie den umgebenden Apolloniern anbieten.
In der modernen Welt müssen Apollonier zunehmend zu Merkurianern werden – zu Juden, wenn man so will; dennoch leben apollonische Werte, bäuerliche und kriegerische Werte, natürlich fort. Die beiden Grundhaltungen zeigen sich idealtypisch noch heute, und die Juden spielen als mustergültige Merkurianer nach wie vor eine ganz besondere Rolle in der modernen Welt – als Musterbild für den Erfolg wie für die Unterdrückung.
Es gibt frappierende Ähnlichkeiten darin, wie alle Merkurianer über sich selbst und ihre nichtmerkurischen Nachbarn denken und darin, wie sie sich tatsächlich verhalten.
Können Sie veranschaulichen, was Sie meinen?
Slezkine: Im Wesentlichen geht es darum, dass für herkömmliche apollonische Gesellschaften gewisse Dinge zu gefährlich oder zu unsauber sind, als dass ihre Mitglieder sich damit befassen würden: mit anderen Ländern, anderen Welten, anderen Stämmen zu kommunizieren; Geld zu verwalten; den Körper zu behandeln; mit Feuer zu hantieren, zum Beispiel im Schmiedehandwerk. All das sind typisch merkurische Spezialitäten. Die meisten reisenden Handwerker haben als Blechschmiede angefangen. Mein Urgroßvater war ein jüdischer Grobschmied.
Die Welt ist ja sehr unübersichtlich mit ihren Krankheiten, Tauschhandeln, Verhandlungen, Reisen, Begräbnissen, Lesungen. Und mit genau diesen Dingen haben sich jene dauerhaften inneren Fremdlinge befasst, aus freien Stücken, gezwungenermaßen, weil sie die Voraussetzungen mitbrachten – oder weil sie sehr gut darin waren.
Und diese Tätigkeiten waren nicht auf Juden beschränkt.
Es gab viele Gruppen, die solche Funktionen ausübten. Und überall haben sie gewisse Züge gemeinsam und werden ähnlich angesehen. Nehmen Sie etwa Juden und Zigeuner. Beide wurden traditionell als gefährliche innere Fremdlinge betrachtet, heimatlos aufgrund göttlicher Strafe und mit schädlichen, moralisch verdächtigen Tätigkeiten beschäftigt. Stets wurden sie als Spiegelbilder der umgebenden Gesellschaften betrachtet: Ihre Männer waren keine Krieger, ihre Frauen wirkten aggressiv (und vielleicht deshalb attraktiv); sie blieben unnahbare Fremde, heirateten nicht ein, kämpften nicht, teilten keine Mahlzeiten; sie verfertigten Dinge und Ideen, tauschten sie, verkauften sie – womöglich stahlen sie sie. Dementsprechend wurden sie gefürchtet und gehasst, und der Holocaust war der Gipfel dieser langen Geschichte von Furcht und Hass.
Und ich meine, sie wurden ähnlich eingeschätzt, weil sie auf manche Art tatsächlich ähnlich waren. Beide waren zurückgezogene, nomadische Dienstleister; beide hatten strenge Tabus hinsichtlich unreinen Essens und Fremdheirat; beide konnten nur dadurch überleben, dass sie fremd blieben – daher die Verbote, Essen und Blut mit den Nachbarn zu teilen, und die Reinheitsbesessenheit.
Aber Zigeuner hatten doch in der Moderne nicht den gleichen Erfolg wie die Juden.
Slezkine: Ich unterscheide zwischen der Mehrheit der Merkurianer, die Zigeuner inbegriffen, die sich als Geächtete mit schriftlosem Kleingewerbe beschäftigen, und denen, die sich (wie die Juden) unter anderem auf die Interpretation geschriebener Texte spezialisieren. Als die Moderne entstand, haben sich die Zigeuner weiterhin auf ihre Nische in einer schwindenden Welt mündlicher Volkskultur zurückgezogen, während die Juden sich aufmachten, die Moderne zu definieren.
Jedenfalls betrachten Merkurianer und Apollonier einander immer auf ähnliche Weise, wohin man auch schaut. Was für die Juden und ihre bäuerlichen Nachbarn im russischen Reich gilt, gilt meines Erachtens genauso für die Zigeuner und ihre Wirtsvölker, für Inder und die ortsansässigen Vöker in Ostafrika und so weiter.
Auch für die Überseechinesen in Südostasien?
Slezkine: Ja. Auch die Überseechinesen gelten als schlau – vielleicht als zu schlau. Man kann sich auf das beim Antisemitismus übliche Repertoire verlassen: sie sind unnahbar, verschlagen, unmännlich und so weiter. So beschreiben Apollonier die Merkurianer überall.
Und natürlich kann man diese Eigenschaften auch in positivem Licht beschreiben. »List« und »Verschlagenheit« können dann zu »Klugheit« und »grundsätzliche Hingabe ans Geistige« werden. Zigeuner sind stolz, scharfsinniger als die Nicht-Zigeuner zu sein, mit denen sie zu tun haben, ebenso Juden, zumindest in der früheren jüdischen Welt. Auch der merkurische Blick auf die Apollonier neigt zum Negativen: »Gemüt«, »Tapferkeit« und »Bodenständigkeit« können zu »Dummheit«, »Streitsucht« und »Unsauberkeit« werden.
Anders gesagt: Die Gegenübersetzungen Geist – Leib, Intellekt – Körperlichkeit, Flüchtigkeit – Dauerhaftigkeit, Friedfertigkeit – Kampflust bleiben gleich und werden von allen Beteiligten akzeptiert. Alle wissen, welche Züge sich mit welcher Gruppe verbinden; der Unterschied liegt in der Auslegung.
Zum vollständigen Interview in englischer Sprache
Was ist allgemein für den jüdischen Erfolg verantwortlich?
Slezkine: Die Juden gehören zu einer Gruppe von Völkern, die sich für bestimmte Aufgaben auf ähnliche Weise spezialisieren – und ähnliche Ablehnung provozieren. Bei einem vergleichenden Überblick stellt man fest, dass diese Spezialisierung sehr alt und weit verbreitet ist.
Worin besteht diese Spezialisierung?
Slezkine: Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gab es Stämme – ethnische Gruppen –, die sich ausschließlich darauf spezialisierten, den umgebenden Gesellschaften, die Nahrung produzierten, Dienste zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören die Roma und verschiedene sogenannte »Fahrende« oder »Reisende«, die Fuga in Äthiopien, die Scheich Mohammadi in Ägypten und natürlich die Armenier, die Überseechinesen, die Inder in Ostafrika, die Libanesen in Westafrika und Lateinamerika und so weiter. Sie alle nenne ich in Abhebung von ihren »apollonischen« Umgebungen »Merkurianer«.
Was bezeichnen Sie mit diesen Begriffen?
Slezkine: Apollo war der Gott sowohl der Tierzucht als des Ackerbaus. »Apollonische« Gesellschaften, so wie ich den Begriff verwende, organisieren sich über die Produktion von Nahrung und bestehen überwiegend aus Bauern, dazu verschiedenen Kombinationen von Kriegern und Priestern, die sich bäuerliche Arbeit aneignen, indem sie den Zugang zu Land oder Seelenheil steuern.
Merkur oder Hermes war der Gott der Boten, Händler, Übersetzer, Handwerker, Führer, Heiler und anderer Grenzgänger. »Merkurianer« sind nach meinen Begriffen ethnische Gruppen, demografisch geschlossene Gesellschaften, die sich nicht um das Erzeugen von Nahrung kümmern, sondern von Diensten leben, die sie den umgebenden Apolloniern anbieten.
In der modernen Welt müssen Apollonier zunehmend zu Merkurianern werden – zu Juden, wenn man so will; dennoch leben apollonische Werte, bäuerliche und kriegerische Werte, natürlich fort. Die beiden Grundhaltungen zeigen sich idealtypisch noch heute, und die Juden spielen als mustergültige Merkurianer nach wie vor eine ganz besondere Rolle in der modernen Welt – als Musterbild für den Erfolg wie für die Unterdrückung.
Es gibt frappierende Ähnlichkeiten darin, wie alle Merkurianer über sich selbst und ihre nichtmerkurischen Nachbarn denken und darin, wie sie sich tatsächlich verhalten.
Können Sie veranschaulichen, was Sie meinen?
Slezkine: Im Wesentlichen geht es darum, dass für herkömmliche apollonische Gesellschaften gewisse Dinge zu gefährlich oder zu unsauber sind, als dass ihre Mitglieder sich damit befassen würden: mit anderen Ländern, anderen Welten, anderen Stämmen zu kommunizieren; Geld zu verwalten; den Körper zu behandeln; mit Feuer zu hantieren, zum Beispiel im Schmiedehandwerk. All das sind typisch merkurische Spezialitäten. Die meisten reisenden Handwerker haben als Blechschmiede angefangen. Mein Urgroßvater war ein jüdischer Grobschmied.
Die Welt ist ja sehr unübersichtlich mit ihren Krankheiten, Tauschhandeln, Verhandlungen, Reisen, Begräbnissen, Lesungen. Und mit genau diesen Dingen haben sich jene dauerhaften inneren Fremdlinge befasst, aus freien Stücken, gezwungenermaßen, weil sie die Voraussetzungen mitbrachten – oder weil sie sehr gut darin waren.
Und diese Tätigkeiten waren nicht auf Juden beschränkt.
Es gab viele Gruppen, die solche Funktionen ausübten. Und überall haben sie gewisse Züge gemeinsam und werden ähnlich angesehen. Nehmen Sie etwa Juden und Zigeuner. Beide wurden traditionell als gefährliche innere Fremdlinge betrachtet, heimatlos aufgrund göttlicher Strafe und mit schädlichen, moralisch verdächtigen Tätigkeiten beschäftigt. Stets wurden sie als Spiegelbilder der umgebenden Gesellschaften betrachtet: Ihre Männer waren keine Krieger, ihre Frauen wirkten aggressiv (und vielleicht deshalb attraktiv); sie blieben unnahbare Fremde, heirateten nicht ein, kämpften nicht, teilten keine Mahlzeiten; sie verfertigten Dinge und Ideen, tauschten sie, verkauften sie – womöglich stahlen sie sie. Dementsprechend wurden sie gefürchtet und gehasst, und der Holocaust war der Gipfel dieser langen Geschichte von Furcht und Hass.
Und ich meine, sie wurden ähnlich eingeschätzt, weil sie auf manche Art tatsächlich ähnlich waren. Beide waren zurückgezogene, nomadische Dienstleister; beide hatten strenge Tabus hinsichtlich unreinen Essens und Fremdheirat; beide konnten nur dadurch überleben, dass sie fremd blieben – daher die Verbote, Essen und Blut mit den Nachbarn zu teilen, und die Reinheitsbesessenheit.
Aber Zigeuner hatten doch in der Moderne nicht den gleichen Erfolg wie die Juden.
Slezkine: Ich unterscheide zwischen der Mehrheit der Merkurianer, die Zigeuner inbegriffen, die sich als Geächtete mit schriftlosem Kleingewerbe beschäftigen, und denen, die sich (wie die Juden) unter anderem auf die Interpretation geschriebener Texte spezialisieren. Als die Moderne entstand, haben sich die Zigeuner weiterhin auf ihre Nische in einer schwindenden Welt mündlicher Volkskultur zurückgezogen, während die Juden sich aufmachten, die Moderne zu definieren.
Jedenfalls betrachten Merkurianer und Apollonier einander immer auf ähnliche Weise, wohin man auch schaut. Was für die Juden und ihre bäuerlichen Nachbarn im russischen Reich gilt, gilt meines Erachtens genauso für die Zigeuner und ihre Wirtsvölker, für Inder und die ortsansässigen Vöker in Ostafrika und so weiter.
Auch für die Überseechinesen in Südostasien?
Slezkine: Ja. Auch die Überseechinesen gelten als schlau – vielleicht als zu schlau. Man kann sich auf das beim Antisemitismus übliche Repertoire verlassen: sie sind unnahbar, verschlagen, unmännlich und so weiter. So beschreiben Apollonier die Merkurianer überall.
Und natürlich kann man diese Eigenschaften auch in positivem Licht beschreiben. »List« und »Verschlagenheit« können dann zu »Klugheit« und »grundsätzliche Hingabe ans Geistige« werden. Zigeuner sind stolz, scharfsinniger als die Nicht-Zigeuner zu sein, mit denen sie zu tun haben, ebenso Juden, zumindest in der früheren jüdischen Welt. Auch der merkurische Blick auf die Apollonier neigt zum Negativen: »Gemüt«, »Tapferkeit« und »Bodenständigkeit« können zu »Dummheit«, »Streitsucht« und »Unsauberkeit« werden.
Anders gesagt: Die Gegenübersetzungen Geist – Leib, Intellekt – Körperlichkeit, Flüchtigkeit – Dauerhaftigkeit, Friedfertigkeit – Kampflust bleiben gleich und werden von allen Beteiligten akzeptiert. Alle wissen, welche Züge sich mit welcher Gruppe verbinden; der Unterschied liegt in der Auslegung.
Zum vollständigen Interview in englischer Sprache

