06.03.2014

»Das Potenzial des Schreibens für Coaching und Therapie wird unterschätzt.« (Silke Heimes)

Silke Heimes betreibt ein Institut für kreatives und therapeutisches Schreiben und untersucht die Wirkungen des Schreibens wissenschaftlich. In ihrem neuesten Buch geht es um Schreiben als Selbstcoaching.
Ein Interview.

Frau Heimes, Sie beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit der Wirksamkeit des Schreibens. Können Sie Faktoren nennen, die das Schreiben zu einem sinnvollen Instrument für Therapie und Coaching machen?

 
Schreiben hat viele Auswirkungen. Obgleich es dazu weder eines Expertentums noch wissenschaftlicher Belege bedarf, sondern uns die Selbsterfahrung bereits alles verrät, haben sich die positiven Wirkungen auch in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen nachweisen lassen. An erster Stelle möchte ich hier erwähnen, dass das Schreiben als ungeheuer hilfreich erlebt wird, wenn es darum geht, Klarheit zu gewinnen. Es hilft beim Formen und Ordnen von Gedanken und Gefühlen und verschafft Distanz zu emotional schwierigen Themen. Durch das Schreiben entsteht ein neues Selbstbewusstsein, in dem Sinn, dass sich der Schreibende zunehmend seiner Selbst bewusst wird, Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen erkennt und diese im gelungenen Fall integrieren kann.
 
Können Sie sagen, bei welchen Krankheiten das Schreiben wirkungsvoll eingesetzt wird?
 
Es gibt fundierte Untersuchungen bei depressiven Erkrankungen (Heimes et. al. 2008), der Posttraumatischen Belastungsstörung (Baddeley und Pennebaker 2011) und bei Krebserkrankungen (Liebermann und Goldstein 2006). Über 200 solcher Untersuchungen finden sich in meinem 2013 erschienenen Buch »Warum Schreiben hilft. Die Wirksamkeitsnachweise zur Poesietherapie« (u.a.). Ich finde es plausibel, dass etwa bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung wie Krebs das Schreiben dazu verhelfen kann, sich neu zu positionieren, eine neue Selbstorganisation zu erlangen und zu klären, was wichtig ist im Leben.
 
Warum wird das Schreiben in Krankenhäusern und therapeutischen Praxen nicht viel mehr genutzt?
 
Eine gute Frage, der ich schon lange auf den Grund zu gehen versuche. Vielleicht ist es zu einfach und erscheint dadurch zu  banal? Das therapeutische Schreiben hat zudem keine Lobby, es gibt keine wirtschaftlichen Interessen, niemand verdient daran. Es führt zu unabhängigen, mündigen Patienten – auch das ist nicht immer erwünscht. Ein wenig ketzerische Antworten, an denen nichtsdestotrotz etwas Wahres ist. Das Problem ist, dass die Kassen das therapeutische Schreiben als Leistung nicht erstatten, weil keine ausreichenden wissenschaftlichen Daten vorliegen, im Sinne groß angelegter randomisierter und am besten doppel-verblindeter Studien, in denen weder Arzt noch Patient wissen, ob Sie das Medikament oder ein Plazebo erhalten. Wie wollen Sie das Schreiben doppel-verblinden? Natürlich wissen sowohl Therapeut als auch Patienten, dass sie schreiben!

Ihr neuestes Buch »Schreiben als Selbstcoaching« hat ja noch einmal eine andere Zielgruppe, nämlich vornehmlich ›gesunde‹ Menschen, die eine Art Selbsthilfe für den Alltag suchen.
 
Völlig richtig. Natürlich ist Schreiben nicht nur im therapeutischen Kontext eine wirksame Hilfe, sondern auch wenn es darum geht, eigenen möglicherweise ungünstigen Verhaltensmustern auf die Spur zu kommen. Schreiben schärft unsere Wahrnehmung und kann dazu beitragen, dass wir die Dinge klarer sehen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Sie hatten Streit mit ihrem Beziehungspartner und sind emotional aufgewühlt. Sie setzen sich hin und schreiben auf, was passiert ist und wie Sie sich fühlen. Das alles werden Sie wahrscheinlich im Präsens formulieren, weil es Ihnen nahe geht. Nun könnten Sie den auf diese Weise entstandenen Text nehmen und in die Vergangenheitsform umschreiben, schon rückt das Geschehen etwas weiter weg und Sie haben die Möglichkeit, anders darüber zu reflektieren. Oder Sie schreiben einen Brief an Ihren Partner, was in hitzigen Situationen oftmals hilfreicher ist als in ein Gespräch einzutreten.
 
Kann man sich denn wirklich selbst coachen?
 
Jeder Mensch besitzt Kompetenzen, wenn es um die Bewältigung des Lebens geht, sonst wäre er nicht mehr am Leben und könnte weder dieses Interview noch das Buch lesen. Also verfügt er bereits über wirksame Strategien. In emotional belastenden oder unübersichtlichen Situationen geraten wirksame Strategien und die eigenen Fähigkeiten oft aus dem Blick. Wir fühlen uns überwältigt und möglicherweise handlungsunfähig. Schreiben kann in solchen Situationen ein Gefühl der Selbstkontrolle vermitteln und damit als Gegengewicht zu Gefühlen wie Ohnmacht und Resignation fungieren.
 
Das klingt einfach. Wo ist der Haken?
 
Es gibt mehrere Haken. Mitunter mangelt es uns an Selbstvertrauen und Disziplin und meistens auch an Übung. Oft vertrauen wir anderen mehr als uns selbst, insbesondere wenn wir uns schlecht fühlen und unser Selbstwert nicht gerade im Zenit steht. Dann scheint es leichter, bei anderen Menschen Rat zu holen, als sich mühsam selbst zu befragen. Zum anderen ist es wie in allen anderen Disziplinen; auch im Schreiben brauchen wir ein gewisses Maß an Übung, um wirklich davon profitieren zu können. Das heißt, wenn wir in stabilen, guten Zeiten bereits mit dem Schreiben anfangen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es uns in schwierigen Zeiten als Selbsthilfe zur Verfügung steht.
 
Eine letzte Frage: Schreiben Sie regelmäßig? Und damit meine ich nicht Sachtexte oder Artikel...
 
Genaugenommen schreibe ich, wenn es darum geht, neue Übungen auszuprobieren. Dann habe ich selbst immer wieder eine Art Aha-Erlebnis und nehme mir vor, es regelmäßig zu tun. Wenn es mir allerdings gut geht, gerät dieser Vorsatz in Vergessenheit und ich erinnere mich erst wieder daran, wenn es schwierig wird. Doch in diesen Situationen hilft es meistens. Nicht, dass es mir durch das Schreiben sofort und auf revolutionäre Weise besser ginge, aber ich bin in der Lage, die Schwierigkeiten einzuordnen und eine akzeptierende Haltung zu gewinnen. Diese Aha-Erlebnisse, das Vermögen, sich selbst ein guter Berater zu sein, und die Freude am Schreiben möchte ich gern auch anderen vermitteln. Viel Spaß beim Schreiben und auf der Reise zu sich selbst!
 
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
Es ist freigegeben zum Abdruck/Teilabdruck für Ihre Presseberichterstattung! Stand: 13.02.2014. )






 


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