12.08.2015

»Die Einheit«: Im Interview stellt Andreas Wirsching die Edition vor

Guten Tag, Herr Professor Wirsching!
Warum hat das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) diese Edition angeregt?

 
Die Edition »Die Einheit« stellt ein seit langem notwendiges Gegengewicht zu der bereits 1998 erschienenen Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramts »Deutsche Einheit« dar.
 
Zusammen mit dem Kanzleramt war das Auswärtige Amt (AA) diejenige Instanz, die am intensivsten mit der außenpolitischen Sicherung der Einheit befasst war. Es setzte dabei nicht nur die Beschlüsse der Politiker um, sondern brachte auch eigene Konzeptionen ein, insbesondere im Verhältnis zu Polen wie auch in der Frage der NATO-Mitgliedschaft.
 
Hinzu kommt, dass die IfZ-Edition »Die Einheit« auch Dokumente aus dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR veröffentlicht. Insofern kommt auch »der Osten« zu Wort – mit teilweise deutlich abweichenden Konzepten!
Ergänzend wurden dazu Dokumente aus dem Bundesarchiv Berlin (Bestand Hans Modrow und Lothar de Maizière), dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und dem Archiv der Stiftung Aufarbeitung, sowie dem Archiv von Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl in Oggersheim herangezogen. Interviews mit Zeitzeugen (Genscher, Ney, Jansen, Kastrup, Sudhoff, Meckel, Lambach, von Fritsch) dienten zur Hintergrundinformation.
 
Wie kam es dazu?
 
Anreiz für diese Edition war der 25. Jahrestag des 2+4-Vertrags, der seitens des IfZ als ein publikumswirksames Datum für die Veröffentlichung der Dokumente angesehen wurde. Das AA hat sich dieser Sichtweise angeschlossen und dankenswerterweise das Projekt finanziert.
  
Was beinhaltet diese Edition?
 
170 Dokumente aus dem Zeitraum Juli 1989 bis November 1990, kommentiert und erschlossen durch Personen- und Sachregister. Dazu 37 in den Text eingestreute schwarz-weiß-Fotografien und 25 z.T. farbige Fotografien im Mittelteil. Bei den Dokumenten handelt es sich größtenteils um Aufzeichnungen über diplomatische Gespräche und Verhandlungen, Telegramme von Auslandsvertretungen an die Zentrale des AA in Bonn bzw. des MfAA in Ost-Berlin oder auch um Weisungen der Außenämter in Bonn und Ost-Berlin an die Auslandsvertretungen. Dazu kommen aber auch Briefe, persönliche Vermerke und Aufzeichnungen, Tagebucheinträge etc.

Welche Geschichte erzählen die Dokumente? Haben Sie ein Beispiel?
 
Den besten Einblick in den »Maschinenraum« der Diplomatie geben sicherlich die Aufzeichnungen über die Konsultationen auf Außenminister- und Beamtenebene, in denen die Absprachen auf höchster politischer Ebene in Vertrags- und Gesetzestexte überführt wurden. So wurden z.B. die wichtigsten Beschlüsse des Kaukasus-Treffens zwischen Kohl und Gorbatschow, nämlich die Herstellung der vollen Souveränität für Deutschland, die NATO-Mitgliedschaft für das vereinte Deutschland, die Streitkräftestärke des vereinten Deutschland und der Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR nur mündlich getroffen.

Weitere thematische Schwerpunkte waren die Regelung von Grenzfragen, Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle, das Problem der Fortgeltung der völkerrechtlichen Verpflichtungen der DDR sowie auch ihrer Wirtschaftsverpflichtungen gegenüber dem RGW sowie ihre künftige Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft. Hinzu kommt die Festschreibung bestimmter Eigentumsverhältnisse in der DDR (Stichwort Bodenreform) und auch die Frage von Reparationen. Diese Dokumente zeigen, dass der Weg zum 2+4-Vertrag verstanden werden kann als ein kontinuierliches Gespräch zwischen verbündeten und benachbarten Staaten. Der 2+4-Vertrag war eingebunden in ein Geflecht von Abkommen und Vereinbarungen.
 
Neben diesen Zeugnissen enthält die Edition aber auch Dokumente, die einen Blick erlauben auf die menschliche Seite. Hierzu gehören die Berichte und Aufzeichnungen bundesdeutscher Diplomaten vom Herbst 1989 aus Prag, Warschau und Budapest über die Botschaftsflüchtlinge. Zu zwei entscheidenden Ereignissen – Genschers Auftritt auf dem Balkon der Prager Botschaft und dem Mauerfall – werden jeweils Tagebuch-Aufzeichnungen von unmittelbar beteiligten Zeitzeugen publiziert, die die ganze Dramatik der Ereignisse deutlich werden lassen. Weiterhin enthält die Edition einen Bericht des letzten DDR-Botschafters in Paris, Stephan Steinlein, heute Staatssekretär des Auswärtigen Amts, den Erfahrungsbericht eines westdeutschen Austauschdiplomaten im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) und den Bericht über den Abgang des verbitterten DDR-Botschafters in Stockholm von der diplomatischen Bühne. Die Dokumente zeigen, wie stark selbst erfahrene Diplomaten Gefahr liefen, von dem Tempo der Ereignisse und der schieren Menge bislang nicht vorhergesehener Aufgaben überwältigt zu werden und wie sie sich dieser Herausforderung eben doch gewachsen zeigten.
  
Verändert diese Edition den Blick auf die Ereignisse?
 
Grundsätzlich nicht, in bestimmten Aspekten allerdings schon. Die Edition zeigt, dass in einigen Punkten die Auffassungen zwischen Bundeskanzleramt und AA weiter auseinandergingen, als allgemein bekannt, z.B. hinsichtlich der Zukunft der NATO (Fortbestand oder Aufgehen in überwölbenden europäischen Sicherheitsstrukturen?) Ein Brief Kohls an Genscher, in der der Bundeskanzler den Minister für seine Äußerungen »rüffelt«, ist hier erstmals veröffentlicht. Gleichfalls gab es Differenzen in der Frage, wann mit Polen Gespräche über einen Grenzvertrag geführt werden sollten. Zudem zeigen zwei Dokumente, in welchem Ausmaß Genscher den Gedanken einer Nichterweiterung der NATO nach Osten austestete.  
  
Insgesamt handelt es sich um eine wichtige Quellenedition, mit der die Ereignisse von 1989/90 nunmehr umfassend dokumentiert werden. Es handelt sich um eine höchst beachtenswerte Leistung der beiden Bearbeiter Dr. Heike Amos und Dr. Tim Geiger, die in einem kurzen Zeitraum eine riesige Materialfülle sichteten und auswählten sowie diese kenntnisreich wissenschaftlich einleiten und kommentieren.

Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur einen Beleg an pr@v-r.de. Danke!


  


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