14.08.2014

»Die Jugend hat immer recht« – Philippe Wampfler über die »Generation ›Social Media‹«

Ein Interview:

Philippe Wampfler ist Lehrer und Blogger – und somit ganz nah dran an der »Generation ›Social Media‹«.
Wie verändert die digitale Kommunikation das Leben Jugendlicher?
Während von den Risiken stets viel die Rede ist, spricht kaum jemand über die Chancen! Philippe Wampfler tut's – in seinem neuen Buch und im Interview.


Guten Tag, Herr Wampfler, braucht es wirklich ein weiteres Generationenbuch? 
 
Es braucht vor allem ein Buch über die Auswirkungen Neuer Medien auf Jugendliche. Liest man darüber Medienberichte, so erfährt man eine Reihe von Schauergeschichten, die ein verzerrtes Bild hinterlassen. Wer genau hinsieht und einen wissenschaftlichen Zugang wählt, bemerkt, dass die Jugend ein Labor betreibt, in dem sie erforscht, wie Social Media sinnvoll gesellschaftlich genutzt werden können.
 
Das klingt reichlich unkritisch.
 
Jugendliche zu kritisieren ist für Erwachsene einfach. Dabei geht schnell vergessen, was denn die Entwicklungsaufgaben von Teenagern sind: Eigene Beziehungsnetzwerke bauen und die eigene Identität finden. Das sind enorm schwierige Aufgaben, die mit vielen Fehlern, Verletzungen und Unfällen verbunden sind. Aber letztlich hat die Jugend immer Recht: Weil sie versucht, mit den aktuellen Rahmenvoraussetzungen ein gutes Leben zu führen.
 
Werden wir etwas konkreter: Was verändert sich denn im Leben Jugendlicher durch die Verwendung von Social Media?
 
Ich habe das Buch in drei Teile gegliedert, die sich mit Körper und Geist, den Beziehungen und dem Lernen von Jugendlichen befassen. Neue Medien wirken dabei meist so, dass sie einerseits das Handlungsrepertoire von jungen Menschen erweitern, gleichzeitig aber auch oft schon bestehende Probleme verschärfen.
 
Wie meinen Sie das genau?
 
Lassen Sie mich ein Beispiel machen: Wer sich verliebt, sucht den Kontakt mit der geliebten Person. Das ist meist nicht ganz einfach. Social Media ermöglichen nun, in ein schriftliches Gespräch zu treten, ohne sich stark zu exponieren. WhatsApp oder Kommentare auf Instagram enthalten viel Small Talk, der die Möglichkeit bietet, eine Beziehung zu bekräftigen und vertiefen. Wer aber aufgrund dieses Angebots darauf verzichtet, auch offline Gespräche zu initiieren, wird schüchtern und sich immer mehr zurückziehen. Das Ziel, eine Beziehung eingehen zu können, kann nicht erreicht werden.
 
Wie können solche Fragestellungen wissenschaftlich untersucht werden?
 
Einerseits messen viele Studien Auswirkungen von kleinen Veränderungen auf Plattformen, indem vor allem amerikanische Studierende befragt werden. Wie glücklich fühlen Sie sich, wenn Sie Facebook nutzen? Wie narzisstisch fühlen Sie sich, wenn Sie viele Bilder von anderen Menschen anschauen? Dieser quantitative Zugang hat starke Beschränkungen, weil er oft nur misst, aber nicht erklärt. Deshalb sind Untersuchungen aufschlussreich, bei denen mit Jugendlichen Gespräche geführt werden. Das tue ich selbst im Rahmen von Workshops und im Unterricht oft.
 
Wer profitiert von der Lektüre Ihres Buches?
 
Da das Buch in viele thematisch orientierte Abschnitte gegliedert ist, ist es ein ideales Nachschlagwerk. Es gehört – so finde ich – in jede Schul- und Lehrerbibliothek. Wer mit Jugendlichen arbeitet, sollte zur Kenntnis nehmen, was Fachleute über die Auswirkungen ihrer Mediennutzung herausgefunden haben. Das betrifft auch Eltern, für die eine Lektüre einen großen pädagogischen Mehrwert hat.
 
Wagen Sie zum Schluss einen Blick in die Zukunft: Wie gehen junge Menschen in 20 Jahren mit Medien um?
 
Denken Sie mal 20 Jahre zurück: Wer hätte 1994 Facebook beschreiben können? Der Wandel in diesem Bereich ist enorm schnell. Er führt aber zum Aufbau von Kompetenzen in der visuellen und schriftlichen Kommunikation, so dass ich von einer Normalisierung ausgehe: Social Media werden Telefone und die Briefpost ablösen und letztlich normierte Formen der Interaktion werden. Nur exhibitionistisch veranlagte Menschen werden sich selbst im Netz inszenieren – aber das ist schon heute weit gehend so. Viele Jugendliche gehen sehr pragmatisch mit Online-Aktivitäten um.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
Es ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Stand: 14.08.2014.


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