22.09.2015

»Ein oftmals höchst unglücklicher Mensch«

Gustav Stresemann: Sein Leben – eine Erfolgsgeschichte?
Die neue Biografie von Karl Heinrich Pohl rückt Gustav Stresemann in ein neues Licht

 
Gustav Stresemann gilt als »Weimars größter Staatsmann« (Jonathan Wright); der große europäische Politiker war ehrgeizig und erfolgreich. Doch stimmt dieses Bild? Erstmals sensibilisiert die Biografie von Karl Heinrich Pohl dafür, dass Stresemann sehr krank war, sich zeitlebens zerrissen fühlte. Seine erstaunliche, tief sitzende Unsicherheit machte ihn stark vom Urteil anderer abhängig. Stresemann sah sein Leben nicht als ein erfülltes Leben. »Er war ein politisch höchst erfolgreicher, zugleich aber auch ein oftmals höchst unglücklicher Mensch«, urteilt Pohl.
 
Der Biograf Karl Heinrich Pohl hat das bis vor einigen Jahren gesperrte Privatarchiv von Gustav Stresemann im Auswärtigen Amt ausgewertet. Seine hier vorgelegten Ergebnisse dekonstruieren und hinterfragen, inwiefern die verbreitete Auffassung der Erfolgsstory von Gustav Stresemann – der geradlinig von der Berliner Bierschwemme ins Reichskanzleramt gegangen und in Weimar zum großen europäischen Politiker aufgestiegen sei – überhaupt Bestand hat.
 
In den Fokus rückt dabei ein bislang vernachlässigtes Kapitel der Lebensgeschichte Gustav Stresemanns: Seine Zeit als junger Mann in Sachsen als Wirtschaftsführer, als Syndikus des Verbandes Sächsischer Industrieller. 1912 stand er auf dem Höhepunkt seiner politischen, ökonomischen und kulturellen Entfaltung, fühlte sich als Bürger in einem starken Kaiserreich. In dieser Zeit erfuhr Stresemann entscheidende Prägungen für seine Zeit als nationalliberaler Parteimann, als Reichskanzler und als Reichsaußenminister. Bis zu seinem Tod arbeitete er daran, diese frühen Erfahrungen lebendig zu erhalten, seine unterbürgerliche Herkunft zu überwinden und als Bürger Anerkennung zu finden.
 
Dies wird zu einem der Leitthemen der Biografie: Wie ist Stresemann als exemplarischer Vertreter eines liberalen erfolgshungrigen Bürgertums im 20. Jahrhundert zu bewerten? In diesem Zusammenhang sieht Pohl auch Stresemanns »›positives Verhältnis‹ zur Machtausübung«.
 
Eine andere Frage lautet: War Stresemann ein ›kranker Mensch‹? Diese psychologisierende Deutung wird in einigen Biografien (Kosyk, Wright) punktuell angedeutet. Pohl stellt sich ihr: Seine Sicht auf Stresemann als einem ›Grenzgänger‹ wird zum tragenden konzeptionellen Element seiner Biografie.
 
Der Autor
Karl Heinrich Pohl hat das bis vor einigen Jahren gesperrte Privatarchiv von Gustav Stresemann im Auswärtigen Amt ausgewertet. Er ist Historiker und lehrte bis 2010 Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Kiel.
 


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