Empfehlen

Autorenporträt

Gerhard Büttner


Gerhard Büttner
Dr. Gerhard Büttner ist Professor i.R. für Evangelische Theologie mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts (Universität Dortmund).
Mehr Infos zum Autor

Autorenporträt

Veit-Jakobus Dieterich


Veit-Jakobus Dieterich
Dr. Veit-Jakobus Dieterich ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Leiter des Instituts für Theologie und Philosophie an der PH Ludwigsburg.
Mehr Infos zum Autor

Abdruckrechte

Text oder Illustration aus diesem Titel verwenden?

Lizenz erwerben

Gerhard Büttner, Veit-Jakobus Dieterich

Entwicklungspsychologie in der Religionspädagogik

1. Auflage 2013
224 Seiten mit 52 Abb. kartoniert
ISBN 9783825238513
V&R UTB

19,99 €
PDF eBook 15,99 €  

Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind, und war klug wie ein Kind, als ch aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. (1Kor13,11)
Mit diesen Worten macht der Apostel Paulus auf den Unterschied zwischen dem Kinderglauben und dem von Erwachsenen aufmerksam.
Resümierend kann man sagen, dass viele Kinder bereits in einem viel früheren Alter bestimmte Dinge wissen oder können, als dies Piaget annahm. Auf der Grundlage seiner Beobachtungen hat er ein Stufenmodell der Entwicklung entworfen. Man spricht von Stufen, weil das jeweilige Stadium eine je eigene Form des Denkens markiert. Wer eine höhere Stufe erreicht hat, kann aber im Prinzip über die niederen verfügen. Für die Entwicklung des Kindes sind nach Piaget vier Entwicklungsstufen zu unterscheiden:
 

1. Die sensomotorische Entwicklung (0-2 Jahre): Hier findet das Kind allmählich heraus, dass Dinge deshalb geschehen, weil es sie selbst verursacht hat.
2. Die präoperatorische Phase (2-7 Jahre): Das Kind denkt egozentrisch, d.h. es sieht alle Dinge von seinem eigenen Standpunkt bzw. seiner Welt aus.Es kann nur kurze Argumentationsketten bilden.
3. Formale Operation (7-12 Jahre):Fähigkeit zur Dezentrierung, d.h. zur Möglichkeit, den anderen Standpunkt mitzudenken. Das Denken bleibt konkret und auf der Objektebene.
4. Formale Operation (ab12 Jahre): Jetzt sind abstraktes Denken, die Einnahme einer Metaperspektive und damit auch Multiperspektivität möglich.
Die Altersangaben bilden eine allgemeine Orientierung, wobei der Einzelfall nach oben oder unten abweichen kann. Grundsätzlich geht Piaget davon aus, dass die Stufenentwicklung sich auf alle Denkbereiche bezieht.
Es ist leicht nachzuvollziehen, dass diese Formen des Denkens auch religionspädagogisch relevante Inhalte betreffen. Z.T. gilt dies unmittelbar für Piagets eigene Entdeckungen, ganz gewiss aber für seine Nachfolger, die sich explizit moralischer und religiöser Entwicklung gewidmet haben und die wir hier im Einzelnen präsentieren.
Ein Großteil der Studien Piagets gilt der Entwicklung des naturwissenschaftlichen Denkens. Doch zwei Werke haben religionspädagogisch Beachtung gefunden: „Das Weltbild des Kindes“ (1928/1992) und “Das moralische Urteil beim Kinde“ (1932/1990). In dem erstgenannten Buch geht es vorrangig um die oben erwähnten spezifischen Denkweisen des Kindes und seine Weltbildkonstruktion – z.B. ein Verständnis von Himmel und Erde, das eher dem biblischen als dem modernen entspricht.
 
Wir werden zeigen, dass viele Ergebnisse Piagets heute modifiziert werden müssen. Wir halten aber zumindest grundsätzlich an dem hier präsentierten Altersschema fest und sehen auch die Verstellung der Äquilibrierung und ein Stufenkonzept von Entwicklung für sinnvoll an. Dies gilt auch dann, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass sich die Entwicklung in den einzelnen Wissensbereichen – abweichend von Piaget – nicht parallel, d.h. zeitgleich, sondern in unterschiedlicher Weise und Schnelligkeit stattfindet.
Piagets Studie zum moralischen Urteil beim Kind war für den amerikanischen Psychologen Lawrence Kohlberg (1927-1987) der Anstoß zu einem komplexeren Modell. Kohlberg begnügte sich nicht mit der Zeit der Kindheit, sondern ging davon aus, dass sich die Moralität des Menschen auch in späteren Lebensphasen noch weiter entwickelt. Er ging dabei von drei typischen Vorstellungen des moralischen Urteils aus. Dies sah er – wie Piaget – im Wesentlichen kognitiv begründet. Wir erläutern dies an der Frage, ob man die Unwahrheit sagen darf. Eine präkonventionelle Sicht beantwortet diese Frage aufgrund der Überlegung, ob die Lüge wohl entdeckt wird und ob sie mittelbar oder unmittelbar Nutzen oder Schaden bewirkt. Eine konventionelle Sicht bezieht sich auf die gesellschaftliche Konvention und die Gesetzeslage. Dort kann man erfahren, was verboten ist und was erlaubt. Doch gibt es Situationen, in denen es wichtig ist, nicht nur den Regeln der Konvention zu folgen, sondern sich nach höheren Prinzipien zu orientieren. Um Leben zu retten, muss man manchmal auch lügen. Diese Perspektive nennt Kohlberg postkonventionell. Der Clou liegt darin, dass es Kohlberg nicht darum geht, ob jemand in einer Situation sich für Wahrheit oder Lüge entscheidet, sondern wie er seine Entscheidung begründet. Das könnte z.B. bei Heranwachsenden zu dem Fehlschluss führen, aus der Tatsache, dass ein Krankenwagen, um Leben zu retten, die Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht beachtet, zu schließen, dass man sich generell nicht daran halten muss. Hier würde eine postkonventionelle Sichtweise präkonventionell missverstanden. Kohlberg hat für seine Forschungsarbeit Dilemmata entworfen. Dies sind kleine Geschichten, die einen moralischen Konflikt zeigen, der nicht eindeutig lösbar ist, d.h., dass man sich auf Kosten einer Option für eine andere entscheiden muss. Insofern ist ein strenges Richtig versus Falsch nicht möglich. Entscheidend ist die jeweilige Begründung. Im Laufe seiner Forschung hat Kohlberg mögliche Antworten auf seine Dilemmata gesammelt und in einem Handbuch zusammengestellt (Colby & Kohlberg 1987).
 
Man kann hier immer im Sinne des jeweiligen Egoismus argumentieren, im Sinne der Rechtslage oder von höheren Prinzipien her. Die Dilemma-Diskussion übernahm bei Kohlberg mehrere Funktionen. Man kann mit ihnen den jeweiligen Stufenwert eines Probanden ermitteln. Tut man dies im zeitlichen Abstand, dann lässt sich ein möglicher Zuwachs messen. Jedoch ergibt sich auch ein Effekt aus der Dilemma-Diskussion selbst. D.h., dass Dilemma-Diskussion zu einem höheren moralischen Stufenwert führt. Damit ergaben sich für Kohlberg und seine Mitarbeiter pädagogische Optionen mit der Möglichkeit, durch solche Diskussionen zur Moralerziehung beisteuern zu können. Leider zeigte sich, dass der erworbenen moralischen Kompetenz nicht automatisch eine entsprechende Performanz entspricht – im Klartext heißt das, dass die Probanden im Alltag sich nicht entsprechend der erworbenen Kompetenz verhielten. Damit zeigten sich zumindest die Grenzen eines unmittelbaren pädagogischen Ansatzes.
 
Nun ist es für ein entwicklungspsychologisches Konzept selbstverständlich, dass die skizzierten Stufen in etwa der Altersentwicklung entsprechen. Kohlberg hat in mehreren Ländern seine Untersuchungen gemacht und dabei bei grundsätzlicher Gültigkeit seines Modells Unterschiede nach Sozialschicht, Geschlecht und Land festgestellt (ebd., 58ff).
Kohlbergs Studien beginnen mit der Altersgruppe der Zehnjährigen. Damit wird die differenzierte Entwicklung der Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen der ersten Lebensdekade, wie sie William Damon (1990) untersucht hat, nicht berücksichtigt. In der Kohlberg-Diskussion gab es ausführliche Überlegungen über die höchste Stufe 6 und die Frage, ob es nicht eine 7. Stufe geben müsse. Empirisch trug dies nichts aus. Es zeigt aber, dass Kohlbergs Modell – trotz oder vielleicht auch wegen seiner universalistischen Orientierung – sehr wohl moralische Entwicklung so beschreibt, dass die ethischen Prinzipien einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft den Maßstab bilden, an dem die Entwicklung des je Einzelnen gemessen wird. Wir werden zeigen, dass dieser Ansatz nicht unproblematisch ist.
Der bleibende Wert von Kohlbergs Forschungen liegt in der Tatsache, dass er mit seinen Mitarbeiter/innen ein umfassendes Konzept einer empirisch nachvollziehbaren Entwicklung in einem Wissensbereich vorgelegt hat. Bis heute orientieren sich z.B. auch fachdidaktische Kompetenzmodelle an diesem Ansatz. Er bildet zudem die Grundlage für die Ansätze zur religiösen Entwicklung, wie sie Fritz Oser und James Fowler vorgelegt haben, die wir in diesem Buch ausführlich behandeln.

Mehr Infos zum Buch

Inhalt    Alles anzeigen
  1. Die kognitive und moralische Entwicklung – Von Piaget zu Kohlberg
  2. Religion als Domäne – Gegenstandsbezogene Entwicklungspsychologie
  3. Das „Übernatürliche“ denken – Magie, Wunder, Gebet
  4. Vom moralischen zum religiösen Urteil – Fritz Oser
  5. Stufen oder Stile der religiösen Entwicklung? – James Fowler und Heinz Streib
  6. Gegensätzliches zusammenbringen – Das komplementäre Denken
 
II.                 Thematische Konkretionen
 
  1. Die Entwicklung der Vorstellungen vom Menschen / Theologische Anthropologie
  2. Die Entwicklung der Spiritualität
  3. Die Anbahnung einer Gottesbeziehung – Bindungstheorie und Gottesglaube
  4. Die Entwicklung von Gottesvorstellungen (Theologie i.e.S.)
  5. Die Entwicklung der Frage nach Gott und dem Leid (Theodizee)
  6. Die Entwicklung des Christologiekonzepts
 
 

Mediathek

Pressestimmen    
»Insgesamt ist das Buch eine echte Fundgrube neuerer entwicklungspsychologscher Erkenntnisse in Sachen Religion und war wirklich schon lange überfällig. Es gibt einen informativen und profunden Überblick über gegenwärtige Entwicklungen und Erkenntnisse, wie Kinder und Jugendliche mit Gott, Glaube und Religion zurechtkommen. Das Material ist ansprechend aufbereitet, teilweise mit Bildern und Schaubildern, immer jedoch auf einem hohen sprachlichen und wissenschaftlichen Niveau.«
Pastoraltheologie (Volker Linhard), Heft: 1/2014


»Insgesamt ist das Buch eine echte Fundgrube neuerer entwicklungspsychologischer Erkenntnisse in Sachen Religion und war wirklich schon lange überfällig. Es gibt einen informativen und profunden Überblick über gegenwärtige Entwicklungen und Erkenntnisse, wie Kinder und Jugendliche mit Gott, Glaube und Religion zurechtkommen. Das Material ist ansprechend aufbereitet, zum Teil mit Bildern und Schaubildern ausgestattet und ist immer auf einem hohen sprachlichen und wissenschaftlichen Niveau gehalten.«
Theologie und Philosophie (V. Linhard), Heft: 3-2014


»[...] eine echte Fundgrube neuerer entwicklungspsychologischer Erkenntnisse in Sachen Religion und war wirklich schon lange überfällig.«
Praktische Theologie (Volker Linhard), Heft: 2 (2015)


Leserstimmen  


Eigene Leserstimme abgeben


Eigene Leserstimme abgeben

Ihr Name:*
Ihre E-Mail:*
Ihr Kommentar:*
Sicherheitscode:* Bitte Sicherheitscode eingeben

Im Kommentar sind keine HTML-Formatierungen und URLs erlaubt. Die Leserstimme wird nach Prüfung durch den Verlag hier veröffentlicht.