18.09.2013

»Es gab nicht nur die Livingstones und Humboldts dieser Welt« (Rebekka Habermas)

Rebekka Habermas und Alexandra Przyrembel legen ein neues Überblickswerk über die Kolonial- und Globalgeschichte des Wissens vor. Es erzählt von Käfern, Märkten und Menschen.
Was das Neue an diesem Buch ist und von welchen Personen, Geschichten und Anekdoten es zu berichten weiß, sagt uns Rebekka Habermas im Interview:

Guten Tag, Frau Habermas.
»Von Käfern, Märkten und Menschen« heißt Ihr neues Buch, welches Sie gemeinsam mit Alexandra Przyrembel jetzt auf den Markt bringen. Warum dieser Titel?

In dem Band geht es um die auf den ersten Blick schlichte Frage, woher Europa im 19. Jahrhundert einen Großteil seines Wissens hatte. Bei dem Wissen ging es unter anderem auch um Käfer, etwa die Käfer, die Missionare in Indien sammelten, dort konservierten und dann an gelehrte Gesellschaften in Europa schickten. Bei dem Transfer des Wissens spielten wiederum auch Märkte eine Rolle, etwa insofern als manche europäischen Reisenden ihre dann im Ethnologischen Museum von Berlin aufgestellten Ethnologica auf ganz gewöhnlichen Märkten gekauft hatten. Und schließlich wäre ohne die Hilfe von Dutzenden von Menschen, Kolonialbeamten, Kaufleuten, Missionaren, einheimischen Übersetzern, lokalen Chiefs oder Sklaven, weder die ersten Landkarten Australiens noch der Flusslauf des Kongos entdeckt worden. Folglich handelt ein Band der nach den Wurzeln unseres europäischen Wissens fragt auch von Käfern, Menschen und Märkten.
 
Sie sprechen von einer »Globalisierung des Wissen«. Erklären Sie uns diesen Terminus ein wenig näher?
Wir haben den Begriff des Wissens mit Bedacht gewählt, weil wir uns nicht nur für Wissenschaft interessieren, sondern für vielfältige Formen des Wissens. Zumal manches, was  zu Beginn des 19. Jahrhunderts  beispielsweise in Australien gesammelt wurde, etwa von der Amateurbotanikerin Amalie Dietrich, erst im weiteren Verlaufe des 19. Jahrhunderts dann zum Reich der Wissenschaften gerechnet wurde. Wenn wir nach der Globalisierung von Wissen fragen, wollen wir herausfinden, wie bestimmte Wissensbestände aber auch Materialien, etwa ausgestopfte Tigerköpfe oder getrocknete Gräser, von einem Ort etwa in Indien nach Europa, beispielweise nach London, zur Royal Geographical Society, kamen. Mit der Frage Wieetwas wohin kam steht auch die Frage auf der Tagesordnung, wie sich dieses Wissen veränderte: Mag eine Statue in Kamerun vor allem politische Bedeutung gehabt ha
ben, so wurde sie in Moskau in der Akademie der Wissenschaften plötzlich zu einem Objekt, was angeb-lich über besonders magische Ritualpraktiken Auskunft gibt. Kurzum, unter Globalisierung des Wissens verstehen wir den Prozess des Transfers von Wissen, welches von ganz unterschiedlicher Materialität sein kann, an dem sehr viele mit sehr unterschiedlichen Interessen beteiligt sind, und in dessen Verlauf sich die Bedeutung dieses Wissens wandelt.

Um welche Kolonien geht es denn in Ihrem Buch?
Unter anderem geht es um Missionare in Deutsch-Ostafrika, um einen Schweizer Kaufmann in Indien, einen Kolonialbeamten in Deutsch-Togo, aber auch um Diakonissen in anderen englischen Kolonien und um Archäologinnen in Ägypten und schließlich auch um Länder, die im 19. Jahrhundert gar keine Kolonien mehr waren, etwa Peru oder Nordamerika. Es geht aber auch um das Deutsche Kaiserreich, England, Frankreich, die Schweiz, China und viele andere Länder.

Was Sie vorlegen, hat den Anspruch, ein neues Überblickswerk auf diesem Gebiet zu sein.
Was ist neu daran?

Wir haben in unserem Band versucht einen Überblick über sehr viele Aspekte der Globalisierung von Wissen zu geben: Es ist genau diese Vielzahl von Aspekten, die wir hier erstmals in  einen Gesamtzusammenhang stellen, der zusammengenommen die Dynamik und Vielschichtigkeit der Globalisierung von Wissen beleuchtet – das ist neu. Wir beleuchten exemplarisch die Akteure und Akteurinnen, von denen viele bisher nicht die Beachtung erhalten haben, die ihnen gebührt, da wir allzu lange nur auf die schließlich berühmt gewordenen Forscher wie Alexander von Humboldt oder Robert Koch geschaut haben. Genauso beleuchten wir die vielen Räume, die über den Transfer von Wissen miteinander in Kontakt kamen und sich dadurch veränderten: Afrika, Indien, aber auch Lateinamerika werden besonders intensiv untersucht. Es geht uns aber auch darum zu zeigen, welche neuen Disziplinen im 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgrund dieses Transfers entstanden, zu nennen  ist  hier die Archäologie, die Afrikanistik, natürlich die Ethnologie, aber auch die Geographie  und Orientalistik. Es geht uns weiterhin darum zu zeigen, welche Medien hier eine wichtige Rolle spielten, Fotographie, Objekte, aber auch Poesie. Und schließlich geht es um eine sehr wichtigen und häufig unterschätzten Aspekt, nämlich die Frage, wer hat diese großen Forschungsunternehmen, die Expeditionen aber auch die Amateurwissenschaftler, die lokalen Übersetzer und einheimischen Informanten eigentlich bezahlt, und zu welchem Zwecke flossen da welche nicht nur materiellen Ressourcen? Warum etwa förderte Kaiser Wilhelm archäologische Ausgrabungen? Daran schließt sich aber auch die bis heute aktuelle Frage an, was alles nicht bezahlt wurde, und auch im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbar ist: Die ausgestopften Menschenschädel, die bis heute nicht beerdigt wurden oder die für bestimmte religiöse Rituale unersetzlichen Objekte, die noch immer in europäischen Museen lagern, obschon sie Raub- und Beutekunst avant la lettre sind.

Das entscheidend Neue an dem Band ist, dass die Globalisierung von Wissen nicht auf einen dieser Aspekte reduziert wird, sondern entlang vieler Beispiele aus vielen Regionen als ein Phänomen verstanden wird, dass sich erst zur Gänze erschließt, wenn all diese Aspekte in den Blick genommen werden und zwar, weil sie sich gegenseitig bedingen.

Wer waren denn die Männer und Frauen, die Wissen sammelten, aufbereiteten, austauschten?
Neben den Livingstones und Humboldts gab es unzählige andere, ohne die es im 19. Jahrhundert nicht zu dieser Explosion von Wissen gekommen wäre, die wir gewöhnlich als Fortschritt, als die Geburt der modernen Wissenschaften und als die großen technischen Erfindungen feiern. Viel von dem verdankt sich einem Wissen, das von außerhalb Europas kam. Die afrikanische Sprachwissenschaft wäre ohne die afrikanischen Übersetzer nicht entstanden. Die Ausgrabungsstätten Nordafrikas wären ohne lokale Expertise nie gefunden worden. Die Karten Indiens hätten ohne Kaufleute nicht gezeichnet und die Rituale australischer Völker ohne Missionare nicht aufgezeichnet werden können. Mehr noch, die ethnologischen genauso wie die zoologischen Museen wären ohne die Kolonialbeamte, die nicht müde wurden halbe Krokodile und ganze Schwertsammlungen auf die Schiffe nach Europa zu  verladen, leer geblieben. Aber auch an Einzelforschungen etwa zur Tropenmedizin waren Kolonialbeamte und Missionare, Reisende und Diakonissen vor Ort genauso beteiligt wie die einheimische Bevölkerung mit ihren Experten und Expertinnen.

Welcher bislang vergessene Akteur hat Sie persönlich besonders beeindruckt? Erzählen Sie uns kurz seine Geschichte?Amalie Dietrich, die – wie ich nach einigen Recherchen feststellen musste – zumindest unter den Botanikern Australien gar nicht so unbekannt ist: Die Tochter einer sächsischen Kräutersammlerin und eines Handschuhmachers, die sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts von ihrem Mann trennt (was an sich schon sehr ungewöhnlich war) und dann als alleinerziehende Mutter versucht, ihr Auskommen als Sammlerin von Pflanzen zu finden. Diese Pflanzen verkauft sie als Heilpflanzen an medizinische Experten und Apotheker weiter, aber auch an wissenschaftliche Interessierte. So wird der Hamburger Großkaufmann Godeffroy auf sie aufmerksam, der wiederum Handelsniederlassungen in Australien hat. Sie überzeugt ihn von ihren botanischen Kenntnissen und wird nach Australien geschickt, wo sie einige Jahre bleibt und mehr als 20.000 botanische Specimen sammelt,  aber auch Gräser, Schädel und Ethnologica, die nach Hamburg verschifft werden und dort im Museum des Kaufmanns ausgestellt bzw. der Forschung zur Verfügung gestellt werden.
Zu erinnern ist aber auch an Ludwig Adzaklo, der aus Deutsch-Togo kam, dort in die Missionsschule gegangen war und sich anscheinend so hervortat, dass der Missionar Jakob Spieth ihn mitnahm nach Tübingen, wo er bei der Übersetzung der Lutherbibel ins Ewe helfen sollte. Was Adzaklo wohl dachte als er das erste Mal in die schwäbische Universitätsstadt kam und dort auch sogleich Klavierunterricht erhielt, werden wir leider nie erfahren. Ohne ihn aber wüsste die Sprachwissenschaft weniger über Lexikographie, Grammatik und Semantik der Ewesprache.

Und welches Schicksal hat Sie am meisten erschüttert?
Während meiner Recherchen bin ich auf einen Arzt, Claus Schilling,  gestoßen, der in Togo um 1900 Experimente an Rindern vornahm, weil die deutsche Kolonialwirtschaft unbedingt Zugtiere brauchte, die nicht nach kürzester Zeit an der Tsetse-Fliege starben. Diese Tiere sollten im Baumwollanbau, auf den man große Hoffnungen setzte, eingesetzt werden. Genau der gleiche Arzt, der anscheinend aus dem Umkreis von Robert Koch kam, ist dann im ersten Dachauer Prozess 1945 zum Tode verurteilt worden, weil er Experimente mit Malaria-Erregern an mehr als 1000 Häftlingen unternommen hat.

Kann man eine Aussage darüber treffen, welches Wissen besonders begehrt war?
Gewiss war wirtschaftlich verwertbares Wissen von großer Wichtigkeit – so war es unerlässlich zu wissen, welche  Flüsse schiffbar waren und welche nicht, wie gegen Malaria vorgegangen  werden konnte und wo welche Bodenschätze zu vermuten waren. Es gibt aber auch Wissen, das vielleicht noch wichtiger war, weil es den Besitzer zu einer besonderen Person, mit weniger materiellen als kulturellen Kapital machte: Ein Kaiser etwa, der Ausgrabungen in Auftrag gibt, die es erlauben, ihn und seine Nation in eine Genealogie mit den sogenannten alten Griechen zu stellen, ist zweifellos auch recht wertvoll.  Und fast unbezahlbar ist das Wissen, was einen legitimiert, Herrschaft über andere auszuüben: Wenn Missionare,  unter Zuhilfenahme der lokalen intermediaries aber auch früher Ethnologen und Amateurreligionswissenschaftler glaubten herausgefunden zu haben, dass die christliche Religion die höchste Stufe der Zivilisation markiere und andere Glaubensformen weniger wert seien, dann war das zweifellos für viele Argumentationszusammenhänge von unschätzbarem Wert.
Vielleicht ist aber das wertvollste Wissen das, was auf dem Weg des Transfers verloren ging, oder auch das, was manche Einheimische haben verheimlichen können, oder das Wissen, das auf dem Weg von Lateinamerika über Afrika nach Europa seine Gestalt vollkommen verändert hat – darüber allerdings wissen wir kaum etwas.

Wissen ist Macht, sagt der englische Philosoph Francis Bacon. Inwiefern trifft das auf die Kolonial und Globalgeschichte des Wissens zu?
Das kartographische Wissen hat die Eroberung des Raumes erleichtert, das zoologische und botanische Wissen hat der deutschen Baumwollindustrie sehr genutzt; das Wissen der Missionare von den Lebensformen mancher Völker hat es den Kolonialbeamten einfacher gemacht, ihre Herrschaftsstrukturen aufzubauen. Es ist aber auch zweifellos so, dass Wissen von vielen auf sehr unterschiedliche Art und Weise genutzt wurde – einmal von den Schokoladenfabrikanten im Kaiserreich und dann auch von den Händlern, die andere und vielleicht auch teuerere Waren halfen von Westafrika bis nach Ostafrika zu transportieren, wo sie dann vielleicht nach Indien weitergeleitet wurden, und in einem ganz anderem Kontext eine neue Bedeutung erhielten.
Jede wissenschaftliche Disziplin hat zweifellos über ihre je spezifische Art des Wissens auch immer Herrschaft ausgeübt: Andere Personengruppen und ihre wirtschaftlichen Praktiken, ihr Glauben und ihre Regeln des Zusammenlebens zum Gegenstand einer neuen Wissenschaft zu machen und sich damit das Recht zu nehmen, diese zu deuten, ist natürlich auch eine Art Herrschaft auszuüben. Es ist freilich eine ganz andere Frage, wie die, über die so Herrschaft ausgeübt wurde, damit mit diesem ethnologischen Wissen umgingen – manchmal konnte es auch hilfreich sein, neue Ursprungslegenden zu spinnen und über wieder andere auch Herrschaft auszuüben.

Welche wissenschaftsgeschichtlichen Konsequenzen hatte die Globalisierung von Wissen?
Hier lässt sich am besten aus dem Beitrag von Iris Schröder zitieren »Besonders um 1800 war es in Europa geradezu eine Mode, sich dem eigenen Wissenserwerb, ja, der allgemeinen Wissensvermehrung zu widmen: Anstelle eines Sonntagsspaziergang begaben sich wissenshungrige BürgerInnen auf botanische Wanderungen, und unter der Woche trafen sich die selbsternannten Naturforscher oftmals in geselligen Clubs. Um 1900 hatte sich diese Praxis grundlegend gewandelt: Im so genannten ›naturwissenschaftlichen Zeitalter‹ war wissenschaftliches Arbeiten vorrangig das Privileg einiger Weniger geworden. Denn neben den wohl etablierten Akademien, zu denen nur ausgewiesene Gelehrte Zugang besaßen, hatten sich die Wissenschaftler vor allem an den Universitäten gleichsam ihr eigenes Reich geschaffen. In den Fakultäten etablierten sich die so genannten Disziplinen, mithin die einzelnen, erst im Verlauf des
19. Jahrhunderts entstandenen Fächer, deren Vertreter sich sorgsam voneinander abzugrenzen.
Das hier entstandene Wissenssystem beeinflusst uns bis heute, auch uns ganz konkret beim Schreiben dieses Buches: Wir AkademikerInnen bewegen uns zunächst einmal in disziplinären Raumen. Wir mögen danach streben, diese Räume und Wissensareale interdisziplinar zu öffnen. Doch sind wir immer unter der Notwendigkeit, beim Verfassen unserer Arbeiten in unsere disziplinaren Räume zurückzukehren. Nur dort können und müssen wir uns positionieren.« (S. 147/148)

Dann wünschen wir Ihnen und allen AutorInnen des Buches viel Erfolg!
Haben Sie zum Abschluss noch eine Anekdote für uns?

Da muss man nun wirklich selber anfangen zu lesen – besonders empfehle ich hier den Beitrag von Barbara Buchenau, die ihnen erklärt, was Henry Wadsworth Longfellow, der erste Pop Poet Nordamerika, mit Modamin zu tun hat. Wissen und seine Globalisierung hat nämlich auch durchaus komische Seiten!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht. Es ist freigegeben für die Presse-Berichterstattung.
 


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