18.09.2014

»Fasse Dich kurz!«

Dr. Ilko-Sasche Kowalczuk und Arno Polzin haben Quellen zur Telefonüberwachung der DDR erstmals veröffentlicht und ausgewertet. Im Zentrum stehen die MfS-Dokumente zur Berliner Opposition der 1980er Jahre.
Hier erläutern sie die Entstehung, Hintergründe und Ergebnisse der Edition »Fasse Dich kurz!«

Ein Interview
mit Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk und Arno Polzin



Guten Tag, Herr Kowalczuk, Herr Polzin.
Was ist neu an Ihrem Buch über das Abhören von Telefongesprächen durch das MfS?
 
Wir haben es hier mit einer Tabu-Quelle zu tun, von deren Existenz zwar jeder Interessierte weiß, die aber de facto nur in Ausnahmefallen verfügbar ist. Eine systematisch-wissenschaftliche Nutzung dieser Quellenart war bisher praktisch nicht möglich. Historiker haben dieses Dilemma immer wieder beklagt. Juristisch gab es dafür kaum einen Ausweg. Solche unter besonders offenkundiger Verletzung der allgemeinen Menschenrechte, der DDR-Gesetze und der bundesdeutschen Gesetze zustande gekommenen Stasi-Unterlagen unterliegen zu Recht einem besonders strikten Verwendungsverbot mit wenigen Vorbehalten.
Der Fakt als solcher ist natürlich hinlänglich bekannt: die Stasi hörte Telefone ab, öffnete Briefe oder belauschte Privaträume. Aufgrund datenschutzrechtlicher Bestimmungen aber sind solche Hinterlassenschaften der Stasi nur unter sehr restriktiven Bedingungen für die Betroffenen einsehbar, für die Forschung fast gar nicht. Deshalb ist das wissenschaftlich Besondere an unserem Buch zunächst der Umstand, dass wir überhaupt mit der Zustimmung von hunderten Betroffenen einen Teil der schriftlich überlieferten Abhörprotokolle wissenschaftlich analysieren und dokumentieren durften. Der hinlängliche Fakt des Telefonüberwachens wird so empirisch fassbar und anschaulich. Außerdem können wir zeigen, dass es nicht nur aufgrund des unterentwickelten Telefonnetzes in der DDR keine flächendeckenden Abhöraktionen gab, sondern auch deswegen, weil die Stasi dazu technisch nie in die Lage versetzt worden ist. Am Ende der DDR konnte sie maximal 4.000 Telefonleitungen in der gesamten DDR gleichzeitig abhören. Nicht einmal das schaffte sie. Der Aufwand für die Auswertung war enorm und überforderte selbst die personell aufgeblähte Staatssicherheit in der DDR. Telefonanschlüsse wurden nur in ganz konkreten Vorgangskontexten abgehört, neben Oppositionellen betraf dies nicht wenige Systemstützen, die in Verdacht der Spionage oder unbefugter Westkontakte geraten waren. Aber auch Stasi-Offiziere, IM oder Polizisten sind abgehört worden, um deren »Ehrlichkeit« zu überprüfen.

 Wann ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
 
Wenn man sich mit Geheimpolizeien und Geheimdiensten beschäftigt, stößt man fast automatisch auf solche Quellen bzw. auf Hinweise auf solche Quellen. Das sind ja alles wahrlich keine Erfindungen der SED-Geheimpolizei. Das Besondere an den MfS-Akten besteht nicht zuletzt in dem simplen Umstand, dass sie uns, der Forschung, zur Verfügung stehen. Auch über Abhöraktionen in der bundesdeutschen Geschichte wird zum Beispiel viel debattiert, nur dass hier die Forschung kaum über empirische Massenbelege verfügt. Für die DDR liegen sie vor, sind aber ohne Zustimmung der Betroffenen nicht für die Wissenschaft verfügbar. Insofern war es ein Glücksfall, dass uns Betroffene, Personen aus der früheren DDR-Opposition, 2006 mit einer entsprechenden Projektidee ansprachen und nachdem wir erste konzeptionelle Überlegungen vorstellten, ihre Bereitschaft erklärten, an einem solchem Projekt mitzuwirken. Für uns war die Vorbedingung, dass wir als Wissenschaftler mit diesen Quellen arbeiten dürfen und keinerlei Zielvorgaben zu erfüllen hatten. Dies ist ebenso akzeptiert worden wie wir selbstverständlich allen Beteiligten zusicherten, dass sie alle sie persönlich betreffenden Dokumente nach dem Stasi-Unterlagen-Gesetz vor der Veröffentlichung zu sehen bekämen und entscheiden dürften, ob wir das publizieren können. Wir haben übrigens bei über 150 Dokumenten nur in drei Fällen Passagen anonymisiert, weil die Betroffenen das wünschten.

Welche Menge an Material sahen Sie sich in ihrer Forschungsarbeit gegenüber?
 
Wir haben an diesem Buch etwa acht Jahre lang gearbeitet. Auch wenn man in Rechnung stellen muss, dass wir in dieser Zeit auch an anderen Projekten arbeiteten und mehrere Bücher zu anderen Themen publizierten, so hängt die lange Entstehungszeit mit folgenden Faktoren zusammen: wir haben alles in allem für dieses Projekt zehntausende MfS-Dokumente aus den 1980er Jahren ausgewertet, wir mussten hunderte Personen um Zustimmung bitten, wir mussten ein historisch plausibles Konvolut von Akten für die Dokumentation zusammenstellen und wir mussten diese ausgewählten Dokumente nach wissenschaftlichen Grundsätzen kommentieren. Im Laufe der Forschung stießen wir zudem auf immer neue Akten und Kontexte. Insofern konnten wir froh sein, ein wissenschaftliches Projekt realisieren zu können, das nicht auf Drittmittel angewiesen war. Wir denken, dieses Projekt ist neben anderen ein schönes Beispiel dafür, warum es solche Forschungseinrichtungen wie jene, in der wir arbeiten, auch geben sollte.

Die Studie ist sehr umfangreich geworden, über 1.000 Seiten, auch weil sie die ausgewählten Abhörprotokolle komplett gedruckt beinhaltet. Warum war Ihnen das wichtig?
 
Die Studie ist aus mehreren Gründen umfangreich geworden. Zunächst nehmen die einleitenden und einführenden Texte für sich insgesamt einen Raum ein, den ein ansehnliches Buch ausmachen könnte. Dabei war uns wichtig, die historischen Kontexte präzise darzulegen und zu analysieren. Uns kam es darauf an, die Staatssicherheit, die SED-Diktatur und die Opposition genau in diesem Zusammenhang von Telefonabhöraktionen einzuordnen. Zweitens schien es uns sinnvoll zu sein, diese Dokumentation in einen umrissenen historischen Raum und in einer abgegrenzten Zeit anzusiedeln, so dass sich alle Dokumente letztlich in einem historischen Kontext befinden. Schließlich war es uns wissenschaftlich wichtig, die Dokumente so zu kommentieren, dass sie für die Leserinnen und Leser verständlich sind. Das führte zu einem nicht unbeträchtlichen Anmerkungsapparat. Wer einmal Telefonate nachlesen konnte, weiß, dass vieles schon in einem »normalen« Telefongespräch nur angedeutet wird, erst recht aber in Telefonaten von politischen Akteuren, die wissen, dass sie höchstwahrscheinlich abgehört werden. Denn dies war bei den Oppositionellen in der DDR durchgängig der Fall. Insofern ist der Erklärungsaufwand ziemlich groß und ergab letztlich auch ein umfangreiches Buch, das nicht nur allein ohne Hilfe steht, sondern auch möglichst lange, wie wissenschaftliche Editionen eben, als Grundlagenforschung Bestand haben soll.

Wer sind die Betroffenen, um die es in Ihrem Buch geht?
 
Wir mussten die Perspektive mehrfach fokussieren: zeitlich, räumlich, personell und nicht zuletzt der Materialfülle wegen. Letztlich haben wir uns auf die zweite Hälfte der 1980er Jahre, auf die Opposition in Ost-Berlin sowie deren grenzüberschreitenden Telefonverkehr konzentriert. Der große Vorteil bestand darin, dass wir hier systematisch über einen längeren Zeitraum Material fanden. Denn jene Oppositionelle, die einen Telefonanschluss besaßen und diesen für politische Telefonate nach West-Berlin, in die Bundesrepublik bzw. nach Polen, in die ČSSR oder UdSSR nutzten, standen unter ganz besonderer Telefonkontrolle, oft viele Jahre lang.
Hinzu kam, dass diese Abhöraktionen relativ gut in den Archiven überliefert sind, während gerade Abhöraktionen innerhalb der DDR nicht selten größere Bestandslücken durch Vernichtungen, oft vor 1989 geschehen, aufweisen. Insofern steht in diesem Buch ein Teil der Ostberliner Opposition und ihre Unterstützer und Freunde in West-Berlin, der Bundesrepublik und dem Ostblock im Zentrum.

Kann man also tatsächlich nachvollziehen, wie sich durch Abhören Informationen ergeben, die in geheimpolizeiliches Handeln münden?
 
Wir sind Forscher und wollen nicht dramatisieren. Das Abhören von Telefongesprächen war eine Form für die Geheimpolizei, an Informationen heranzukommen. Die Inoffiziellen Mitarbeiter waren in aller Regel wichtiger. Aber abgehörte Telefongespräche konnten auch Informationen der IM bestätigen. Insofern war das auch eine interne Überprüfungsform. Zum Teil gelangte die Stasi durch Telefonabhören tatsächlich an Informationen, die sie anderweitig nicht erlangt hatte. Dies betraf aber eher selten die Opposition. Im Zusammenhang der Opposition war für die Stasi weitaus wichtiger, die Ost-West-Kontakte zu entschlüsseln und so der Opposition in der DDR »nachzuweisen«, dass sie von westlichen Diensten gelenkt und geführt würde. Dieser Nachweis freilich gelang nicht, weil es solche Lenkung und Führung nicht gab. Aber Stasi und SED saßen dieser Fiktion auf, wie sie einprägsam 1987/88 zeigte. Als ein Teil der prominentesten Oppositionellen wie Bärbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch, Freya Klier, Stephan Krawczyk oder Wolfgang Templin Anfang Februar 1988 aus der DDR flog, geschah dies genau mit der Begründung, sie seien vom Westen gesteuert worden. Als Beweise dafür dienten abgehörte Telefongespräche. In diesem Fall können wir nun als Historiker teilweise nachvollziehen, wie es zu Entscheidungen kam, welche Rolle dabei abgehörte Telefonate spielten und wie letztlich solche abgehörte Gespräche schließlich als eine Entscheidungsgrundlage auf den Schreibtischen von Mielke und Honecker landeten. Das zum Beispiel lässt sich nun mit Hilfe des Buches en Detail nachvollziehen. Im Übrigen zeigt unsere Edition, dass die Mehrzahl der geheimdienstlichen Abhöraktionen selbst unter DDR-Bedingungen ungesetzlich war und nur ein winziger Bruchteil auf der Grundlage staatsanwaltschaftlicher Verfügungen erfolgte.

Sie sprechen in Ihrem Buch vom Telefon als ›öffentliches Kommunikationsmittel‹. Können Sie das näher erläutern?
 
In unserem Buch versuchen wir in einer langen Einleitung einen größeren historischen und politischen Kontext herzustellen. In der Literatur wird seit der Erfindung des Telefons darüber debattiert, ob es ein öffentliches oder nichtöffentliches Kommunikationsmittel ist. Am Anfang war es das schon deshalb, weil Telefone nur in öffentlichen Räumen existierten. Bald setzte die wechselvolle Geschichte ein, an deren Ende wir noch längst nicht angelangt sind und von der wir nicht wissen, ob nicht doch noch Dystopien zur unbehaglichen Wirklichkeit mutieren. Was die DDR nun anbelangt, so glauben wir, dass die meisten Menschen das Telefon als »öffentliche Einrichtung« ansah, erstens weil es eine private Mangelware darstellte und zweitens weil fast alle, egal wie jemand sonst zum System stand, davon ausgingen, dass die Telefone überwacht würden. Diese Annahme bestimmte bei vielen dann auch das Telefonverhalten. Hier zeigt sich übrigens nebenbei, dass eine Geheimpolizei vor allem als omnipräsent in den Augen der Betroffenen gelten muss, um einen ihrer Zwecke zu erfüllen; tatsächlich omnipräsent muss sie nicht sein, sie kann es übrigens auch nicht sein, auch die Stasi war es nie.

Sie untersuchen in Ihrem Buch die Zeit der 1980er Jahre. Welche neuen Erkenntnisse über die Spätphase der DDR könnte man aus der Beschäftigung mit den Quellen dieser Zeit ziehen?
 
Wir denken, der Blick auf die Opposition einerseits wird schärfer. Obwohl wir vieles kannten, ja auch selbst aus Ost-Berlin vor 1989 kommen, hat sich für uns die Opposition durch diese Edition nochmals konturiert. Denn ein Teil der Dokumente geben sehr authentisch die Debatten innerhalb der Opposition wieder. Zweitens veranschaulicht diese Dokumentation, dass das MfS einfach an seine Grenzen bei der Unterdrückung der Opposition gelangt war, weil es keine politische Rückendeckung mehr gab und weil zugleich innerhalb der Stasi die Zweifel an dieser Strategie wuchsen. Drittens zeigt sich, dass es in den Apparaten sowie zwischen SED und Stasi Kontroversen und Widersprüche gab. Das alles sind wichtige Faktoren, die bei der Frage, warum der Kommunismus 1989 durch eine Revolution beseitigt werden konnte, neben anderen (internationale Kontexte, Wirtschaft, Fluchtbewegung) eine zentrale Rolle spielen.

Mögen Sie uns ein Beispiel für eine Quelle, eine Betroffenengeschichte erzählen, die sie persönlich besonders beeindruckt hat, oder berührt hat, oder besonders aufschlussreich für Sie war?
 
Da müssen wir aufpassen, nicht ungerecht zu werden, zumal wir nach so vielen Jahren Beschäftigung damit auch einen Tunnelblick haben. Aber wenn wir etwas neben den vielfältigen politischen und historischen Aspekten und Überraschungen hervorheben sollen, dann sind es all jene Passagen, in denen die Abgehörten ganz persönliche Einsichten gestatten. Nun haben wir ohnehin solche Dokumente nur spärlich berücksichtigt. Aber die zwei dokumentierten Gespräche von Werner Fischer mit seiner Mutter sind für uns schon sehr bewegende Quellen. Hier kommt übrigens hinzu, dass wir zwei Dokumentenarten jeweils nebeneinander gestellt haben, so dass die Leserinnen und Leser genau nachvollziehen können, was 1:1 in dem Telefongespräch gesagt wurde und was dann die Stasi in einer Verdichtung daraus gemacht hat.
 
Wir kommen nicht umhin zu fragen, in welchem Licht Sie die jüngsten NSA-Enthüllungen im Kontext Ihrer Forschungen zum geheimpolizeilichen Telefonabhören sehen?
 
Die Telefonabhöraktionen des MfS waren keine singuläre Erscheinung. Sie fanden in einer Zeit statt, die sich technologisch grundlegend von unserer Gegenwart unterschied. Abhören, Mithören, Belauschen gehört zum technischen Kerngeschäft von Spitzel- und Denunziantentum, von Geheimdiensten und Geheimpolizeien jeglicher Couleur, zu jeder Zeit. Die relevante Frage ist die nach der Verwertung solcherart gewonnener Informationen: Was passiert mit ihnen, wofür werden sie benutzt, wer verfügt über sie, welche Folgen hat das für die Betroffenen? Natürlich sind die Bürger- und Menschenrechte in Gefahr, wenn staatliche Dienste am gläsernen Menschen arbeiten. Aber die Gefahr, dass nichtstaatliche Überwachungsinstitutionen uns beherrschen und steuern, erscheint uns noch stärker gegeben zu sein. »NSA« erscheint nur als Synonym für eine technologisch neuartige Überwachungsmöglichkeit, deren künftiges Ausmaß wohl kaum vorstellbar ist. Auch wenn die Stasi von solchen technischen Möglichkeiten nur träumen konnte, sie war unkontrollierbar und diente nur und ganz allein ihrem Auftraggeber. der SED. In der DDR war somit die Verknüpfung der realisierten Abhöraktionen mit den erfolgten Repressionen gegen Andersdenkende das Charakteristische. In den westlichen Demokratien stehen zahlreiche Instrumente zur Verfügung, dem staatlichen und nichtstaatlichen Überwachungswahn Einhalt zu gebieten, die stärkste Waffe ist die Öffentlichkeit und gerade diese unterscheidet nicht zuletzt ein freiheitliches Gemeinwesen von einer Diktatur. Alles was wir etwa über NSA oder BND wissen, wissen wir jetzt, in Zeiten ihrer Existenz, alles was wir über die Stasi wissen, wissen wir erst seit ihrem Untergang.

Gibt es für Sie ein persönliches Fazit?
 
Wir wünschen uns, dass viele Forschergenerationen so großzügig, aber verantwortungsbewusst mit diesen Akten arbeiten können, wie wir es selbst durften. Uns selbst sind während der Arbeit viele neue spannende Themen und Fragen förmlich zugeflogen, die sich sehr gut mit anderen Forschungstrends in der Historiographie verbinden lassen. Zudem glauben wir, dass unser Buch ganz nebenbei ein Beleg dafür ist, dass sich wissenschaftliche Forschungen, eine gewisse Erwartungshaltung an Forschungen, die von der öffentlichen Hand finanziert werden, sowie Aufklärungsbedürfnisse von Betroffenen seriös miteinander verbinden lassen.

Vielen Dank für das Gespräch.
 
© Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk (Projektleiter in der Forschungsabteilung des BStU), Arno Polzin (Sachbearbeiter in der Forschungsabteilung des BStU).
Das Interview ist freigegeben für die Presseberichterstattung!











       


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