26.06.2014

»Für eine giftfreie Fußball-WM!«

Dr. Frank Zelko, Autor von ›Greenpeace‹, kommentiert die Sportbekleidungskampagne der Organisation Greenpeace anlässlich der Fußballweltmeisterschaft.

Alle vier Jahre gibt das FIFA-Fußball-Fest den Konzernriesen der Geschäftswelt die Möglichkeit, ihre Produkte vor einem globalen Publikum zu vermarkten. Werbespots für Kreditkartenunternehmen, Bier und Autos bombardieren Millionen von Fernsehbildschirmen, in der Hoffnung, wankelmütige Konsumenten vom Glanz und Wert ihrer Produkte zu überzeugen. Aber die Weltmeisterschaft ist nicht nur eine Chance für FIFA-Manager und Firmenwerbetrommler, sondern sie ist gleichzeitig auch Bühne für nichtstaatliche Organisationen, die hier ihre Bedenken öffentlich machen können – besonders wenn diese Bedenken durch einige der Hauptsponsoren der Veranstaltung hervorgerufen werden.
 
Ein gutes Beispiel ist die aktuelle Greenpeace-Kampagne, welche auf die Gleichgültigkeit globaler Sportbekleidungsfirmen wie ›adidas‹ oder ›Nike‹ gegenüber toxischen Bestandteilen in vielen ihrer Produkte aufmerksam macht. Chemische Analysen, durchgeführt von Greenpeace-Wissenschaftlern und unabhängigen Laboren, zeigen, dass beliebte Sportartikel wie zum Beispiel Fußballschuhe, Torwarthandschuhe und Trikots giftige Chemikalien wie Nonylphenolethoxylate (NPE), Phthalat und Dimethylformamid (DMF) enthalten. Zwar sollte man die potentielle Gefährdung, der man sich durch das regelmäßige Tragen solcher Produkte aussetzt, nicht ignorieren, jedoch lauern die weitaus deutlicheren Gefahren am Herstellungsort. Es überrascht kaum, dass die Fabriken häufig dort zu finden sind, wo reichlich billige Arbeitskräfte und wenige Vorschriften vorhanden sind, wie zum Beispiel in China und Indonesien, aber auch in Vietnam, Argentinien, Bosnien und der Ukraine. Gifte aus dem Herstellungsprozess gelangen in die örtliche Wasserversorgung und somit in die Blutbahn von Arbeitern der Fabriken und Anwohnern, wo sie besonders bei Kindern eine ganze Reihe an Gesundheitsproblemen hervorrufen.
 
Natürlich macht die chemische Verschmutzung durch die Produktion von Waren nur einen Bruchteil des globalen Problems aus.  Jeden Tag erfinden Wirtschaftschemiker weltweit neue chemische Zusammensetzungen, welche die Basis von Dünger, Pestiziden, Kunststoffen und Medikamenten bilden. Für Aufsichtsbehörden und die Allgemeinheit ist es fast unmöglich mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten und ihre gesundheitlichen und ökologischen Konsequenzen vollständig zu erfassen. Die Sache wird noch weiter kompliziert durch die vielgestaltige globale Natur der Industrie sowie durch die enormen behördlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Nationen. So hält sich die EU zum Beispiel generell an das Vorsorgeprinzip, welches Hersteller zumindest  in der Theorie zwingt nachzuweisen, dass ihre Produkte sicher sind, bevor sie grünes Licht zum Verkauf bekommen. In den USA hingegen stehen die Aufsichtsbehörden in der Pflicht zu beweisen, dass eine Chemikalie gefährlich ist. In vielen ärmeren Ländern werden bestehende Vorschriften kaum durchgesetzt, so sie denn überhaupt existieren.
 
All dies macht das Einführen und Durchsetzen von globalen Vorschriften zu einem äußerst komplexen und schwierigen Unterfangen.
 
Industrielle Chemie ist ein Grundpfeiler der Moderne. Ohne sie könnten die meisten Produkte und Prozesse, welche besonders in reicheren Ländern unseren Lebensstil erleichtern, nicht existieren. Zahllose entscheidende Durchbrüche in der Medizin sind den Bemühungen von Chemikern zu verdanken. Nichtsdestotrotz hat sich der Großteil der industriellen Chemie heutzutage eher dem Profitstreben der Konzerne verschrieben – besonders im Bereich der Produktdifferenzierung und kostengünstiger Produktion – und weniger der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten des menschlichen Wohlbefindens. Der Preis der daraus resultierenden Verschmutzung ist hoch. Eine Verschlechterung der Umweltsituation, steigende Krebs-Raten und andere Gesundheitsprobleme sowie damit verbundene soziale Auswirkungen sind nur einige der Folgen.
 
Die Umweltschutzbewegung entstand zum großen Teil als Reaktion auf die Folgen toxischer Verschmutzung durch die moderne Industrie. Rachel Carson schlug in den frühen 1960er Jahren Alarm mit ihrem Buch ›Der stumme Frühling‹, ihrer enorm erfolgreichen Kritik von Pestiziden und anderen landwirtschaftlichen Chemikalien. In den frühen 1980er Jahren erlangte der deutsche Zweig von Greenpeace Berühmtheit durch seine Proteste gegen die Verschmutzung von Flüssen durch Firmen wie Bayer oder Hoechst. Kampagnen wie diese trugen vor allem in westlichen Demokratien zweifellos zur Einführung von strengeren Vorschriften für Chemikalien bei, doch die stetige Entwicklung neuer chemischer Verbindungen überschwemmt weiterhin Aufsichtsbehörden und nichtstaatliche Organisationen.
 
Indem sie die Möglichkeit nutzt, welche die Fußballweltmeisterschaft bietet, erinnert uns die Sportkleidungskampagne von Greenpeace außerdem an die konstante – und in vielen Fällen unnötige – Präsenz toxischer Chemikalien in jedem anderen Aspekt unseres täglichen Lebens. Und obwohl Greenpeace lediglich ein kleiner Fisch verglichen mit den Walen der globalen Konzernwelt ist, so können solche Kampagnen doch sehr effektiv sein. Zum Beispiel wurden Zeitschriften im Deutschland der frühen 1990er Jahre auf Papier gedruckt, welches mit großen Mengen an Chlor hergestellt wurde. Die Verlage sträubten sich gegen einen Materialwechsel, bis Greenpeace eine Version des ›Spiegels‹ auf Chlor-freiem Papier produzierte. Ebenso können Fußballschuhe und Trikots ohne NPE und DMF produziert werden, und ihre Hersteller können veranlasst werden, höhere Standards für die menschliche Gesundheit und die Umwelt einzuhalten. Bekannte Kampagnen helfen zu verhindern, dass die Bürger weiterhin im Dunkeln darüber tappen, was die Folgen ihrer Entscheidungen als Konsumenten für Mensch und Umwelt bedeuten. Aber weder Greenpeace noch andere nichtstaatliche Organisationen können Wunder wirken. Am Ende liegt die Verantwortung bei uns, den Konsumenten, Konzerne wie adidas oder Nike dazu zu bewegen, von innen heraus Veränderungen in Gang zu bringen. Für den Anfang könnten gewissenhaftere Herstellungsmethoden entwickelt werden und gefährliche und unnötige Chemikalien aus der Produktion entfernt werden.
 
 
Das Copyright liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).


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