18.03.2013

»Gefühle machen Geschichte« – über die Macht der Emotionen

»Als wir die Arbeit an unserem Buch im Herbst 2010 abgeschlossen hatten, ahnten wir nicht, welche Aktualität unsere Thesen mit dem Beginn des Arabischen Frühlings wenig später erlangen sollten: Zeitgleich mit dem Erscheinen unseres Buches im März 2011 wurde die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi zum Auslöser von sozialen Revolutionen in Tunesien, Ägypten, Libyen und anderen arabischen Ländern.« (Luc Ciompi und Elke Endert)

Wie sind solche gesellschaftliche Ereignisse zu erklären? In ihrem Buch »Gefühle machen Geschichte« argumentieren die beiden Autoren affektlogisch:

»Versteht man [...] Emotionen als biologisch verankerte Energien, so wird sofort klar, dass sich ganz analoge Vorgänge ebenfalls im psychosozialen Raum abspielen: Auch beim unvermittelten Umschlag von Liebe in Hass, bei der plötzlichen Eskalation eines zunächst bloß verbalen Streits in handgreifliche Tätlichkeiten und überhaupt beim Ausbruch von Gewalt ist es immer wieder ein Übermaß an emotionaler Spannung, die ein eingeschliffenes Fühl-, Denk und Verhaltenssystem unvermittelt zum Kippen bringt. An einem kritischen Punkt der kollektiven emotionalen Spannung schlägt eine prekäre „Logik des Friedens“ plötzlich in eine „Logik des Kriegs“ um oder es entstehen soziale Krisen und Revolutionen.«

Die Untersuchung zeigt, wie Emotionen das kollektive Denken und Handeln beeinflussen, und führt Erkenntnisse aus Psychologie, Soziologie, Politik und Geschichte zusammen.

Besondere Beachtung finden dabei:

– der Nationalsozialismus
»Eine solche massenpsychologische Explosion ist, affektlogisch gesehen, einzig in einem Moment der maximalen kollektiven Verunsicherung möglich, wo große Mengen an emotionaler Energie sozusagen frei flottieren. Da letztlich von einem einzelnen Menschen gezündet, entspricht diese Explosion zugleich einem psychosozialen Schmetterlingseffekt – der riesigen Wirkung einer unverhältnismäßig kleinen Ursache - von spektakulärem Ausmaß.«

– der Israel-Palästina-Konflikt
»Der Israel-Palästinakonflikt ist nicht nur ein Schulbeispiel für eine tragische Eskalation zwischen zwei völlig unverträglichen affektiv-kognitiven Eigenwelten. Er zeigt auch mit einmaliger Klarheit, dass unterschiedliche emotionale Gestimmtheiten selbst bei außenstehenden Beobachtern zu einer anderen Erfassung der gleichen „objektiven Fakten“ und damit zu einer andersartigen Wirklichkeitskonstruktion zu führen vermögen.«

– der Konflikt zwischen der westlichen Welt und dem Islam
»Periodisch branden rund um Themen wie Salman Rushdies „Satanische Verse“, die dänischen Mohammedkarikaturen oder das islamische Kopftuch weltweite emotionale Wellen auf und verebben wieder. Die westliche Welt ist vom Islam fasziniert, irritiert und, wie wir noch sehen werden, affektlogisch verängstigt. Aber auch die Welt des Islam ist emotional aufgewühlt wie noch nie und zwischen einer Logik der Wut und Angst, des Stolzes und der Demütigung hin- und hergerissen.«

Gedanken darüber, welche Konsequenzen sich daraus für unser Menschenbild, für die Krisenintervention, Mediation und die Bewältigung von kollektiven Traumata ergeben, beschließen die scharfsichtige Analyse.


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