22.03.2015

Gerald Hüther im Interview

»Etwas mehr Hirn, bitte« 
Gerald Hüther im Interview
 
Guten Tag, lieber Herr Hüther, schön, dass Sie da sind! Wieder da, muss man sagen: Ein Jahr
lang haben wir wenig von Ihnen gesehen oder gehört; ein Jahr lang hatten Sie sich aus allen
öffentlichen Aktivitäten zurückgezogen. Wie haben Sie das letzte Jahr verbracht?

Ich kam mir in all diesen öffentlichen Aktivitäten ein bisschen wie in einem Hamsterrad vor. Deshalb
die Auszeit, ich wollte endlich wieder einmal einigen Fragen auf den Grund gehen, wirklich
eintauchen statt oben herumzuschwimmen. Dass ein Buch dabei entsteht, war nicht beabsichtigt.
Aber ich bin froh, dass ich es geschrieben habe.

Sie bezeichnen dieses Buch als ›das schwierigste‹, das Sie je geschrieben haben. Warum?

Weil ich darin nicht auf der Ebene der Beschreibung stehengeblieben bin, sondern nach den Ursachen
gesucht habe, die all die vielen Missstände hervorbringen, die auch in Büchern immer wieder beklagt
werden. Und weil ich auch gemerkt habe, dass es nichts nützt, den Lesern zu sagen, was sie anders
machen sollen, damit es zu Hause, in Schulen, an Universitäten oder in anderen Lebensbereichen
besser wird. Bevor jemand etwas in seinem Leben oder im Zusammenleben mit anderen verändern
kann, müsste sie oder er doch zunächst einmal verstanden haben, weshalb es so geworden ist, wie es
ist. Und das hat eben immer sehr viel mit uns selbst zu tun, mit unseren Gewohnheiten, unseren
Überzeugungen, unseren Vorstellungen, unseren Selbst- und Weltbildern. Die sitzen sehr tief und an
die wagen wir uns alle nicht so gern heran. Deshalb ist es sehr schwer, Leser dazu einzuladen, sich
selber anzuschauen, über sich selbst nachzudenken und zu erkunden, wo »der Hase im Pfeffer liegt«,
wie es so schön heißt. Es geht in diesem Buch um zentrale Fragen unseres Selbstverständnisses und
unseres gegenwärtigen Zusammenlebens. Das alles liebevoll zu beschreiben, war nicht leicht.

Könnte man also so weit gehen zu sagen, dieses Buch ist ›die Essenz‹ ihres gesamten bisherigen
Wirkens?

Weniger meines bisherigen Wirkens, eher meines bisherigen Nachdenkens. Ja, das stimmt schon.
Aber es geht ja weiter. Ich habe noch nicht die Absicht, mit dem Nachdenken aufzuhören.

Zugleich ist es Ihr vielleicht persönlichstes Buch, scheint mir. Wir erfahren darin etwas über
Gerald Hüther, wie er als Baby die Welt erlebt hat, über Gerald Hüther und warum er Biologie studiert hat, etwas über Gerald Hüther, den Hirnforscher und warum er sich heute zuweilen von seinen Fachkollegen distanziert – und schlussendlich auch etwas über Gerald Hüther, wer er heute ist.
Ihren Lesern geben Sie folgende Leitfragen mit auf den Weg: Wofür will ich leben? Wie
wollen wir unser Zusammenleben künftig gestaltet? Haben Sie diese Fragen für sich im Lauf
Ihres Lebens beantworten können?

Wie soll ich meinen Lesern etwas sehr Kompliziertes verständlich machen, ohne mich dabei selbst zu
zeigen? Wenn ich nur etwas beschreibe, also beispielsweise wie das Gehirn aufgebaut ist und wie es
funktioniert, brauche ich das nicht. Auch nicht, wenn es darum geht, gute Ratschläge zu erteilen.
Aber wenn ich Lesern helfen will, sich selbst und unsere Art des Zusammenlebens zu verstehen, muss
ich mich auch selbst zeigen. Anders geht es nicht.

»Etwas mehr Hirn, bitte« ist ein provokanter Titel. Sie waren Mitte der 90er Jahre ja einer
der ersten Neurowissenschaftler in Deutschland, die sich aus ihrem Elfenbeinturm
herausgewagt haben, um ihre Forschungsergebnisse in allgemein verständlicher Form einer
breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und immer wieder auch gesellschaftliche
Debatten anzustoßen. Dem sind Sie sich treu geblieben, bis hin zu diesem Buch. Phänomene
wie »kognitive Kohärenz« oder »erfahrungsabhängige Neuroplastizität« erklären Sie Ihren
Lesern auch darin wieder mit Leichtigkeit ganz nebenbei. Insofern sind Sie sicher nicht als
jemand bekannt, der für eine fortschreitende Akademisierung und eine Anhäufung von
Wissen eintreten würde. Dass nun ausgerechnet von Ihnen der Appell ergeht »Etwas mehr
Hirn, bitte!« macht neugierig: Wie ist es zu verstehen?

Die fortschreitende Akademisierung und die Anhäufung von Wissen sind ja auch wieder nur Phänomene. Weshalb machen wir das? Wozu führt das alles und was nützt es uns? Das sind die für mich entscheidenden Fragen als Wissenschaftler. Bisher habe ich versucht, neurobiologische Erkenntnisse so darzustellen, dass sie ein normaler Mensch begreifen kann. Jetzt möchte ich die Leserinnen und Leser einladen, darüber nachzudenken, was das alles für sie und für unser Zusammenleben bedeutet. Das kann niemand allein, dazu muss man sich mit anderen austauschen, Erfahrungen teilen; sich gemeinsam auf den Weg machen. Wenn nur zwei Menschen all ihr Wissen und ihre Erfahrungen zusammenführten, hätten sie bereits doppelt so viel Gehirn wie jeder allein. Je mehr sich daran beteiligen, desto riesiger wird das Potential, das diese Art des miteinander Denkens und voneinander Lernens hervorbringt. Wie das innerhalb einer Gemeinschaft gelingen kann, davon handelt dieses Buch. Und das ist mit dem Titel »Etwas mehr Hirn, bitte« gemeint.

Sie werben in Ihrem Buch für eine neue Beziehungskultur – und dafür, bei sich selbst und in
seinen eigenen kleinen Gemeinschaften damit anzufangen. Können Sie uns das ein oder
andere Beispiel erzählen, wo sich Menschen gemeinsam auf den Weg gemacht haben und
vielleicht auch, ob und wo sie heute angekommen sind? Gibt es schon Erfolgsgeschichten?

Wenn es keine solchen ermutigenden Beispiele gäbe, hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen beispielsweise hat es geschafft, sich zu solch einer Potentialentfaltungsgemeinschaft zu entwickeln. Die machen nicht nur weltweit ausgezeichnete Beethoven-Einspielungen. Die können auch ohne Dirigenten sehr gut zusammenspielen. Und die kümmern sich auch noch um benachteiligte Schulen und Stadtteile, betreiben sogar ein Zukunftslabor für innovative Bildungsprojekte.

Wenn Sie von einer neuen Beziehungskultur sprechen – was meinen Sie damit genau?

Wie sieht denn unsere bisherige Beziehungskultur aus? An der Arbeit, in unseren Bildungseinrichtungen, an unseren Wohnorten, ja oft genug sogar zu Hause erleben die meisten Menschen, dass sie von anderen zu Objekten gemacht werden. Zu Objekten von Bewertungen, Belehrungen, von Erwartungen und Vorstellungen anderer Personen, oft sogar zu Objekten von Maßnahmen und Anordnungen.
Das erleben wir tagtäglich und die meisten von uns haben sich daran gewöhnt und finden es ganz
normal. Aber wie kann jemand die in ihm angelegten Potentiale entfalten, sich für irgendetwas
interessieren oder gar begeistern, wenn er ständig erleben muss, dass er von anderen und dann ja
meist auch von sich selbst unter Druck gesetzt wird und sich ständig verbiegen muss, um es den
anderen recht zu machen? Wieso ist es nicht möglich, dass wir einander als Subjekte begegnen, unser Wissen und unsere Erfahrungen, unser Können und unsere Fertigkeiten teilen, einander einladen, ermutigen und inspirieren, über uns selbst hinauswachsen statt uns gegenseitig zu frustrieren und unglücklich zu machen?
Für unsere Gehirne wäre das allemal besser. Wenn sich nur zwei in dieser Weise zusammentun, hat
jeder gleich doppelt so viel Wissen und Kompetenzen wie jeder allein. Wie das gelingen kann und
worauf es dabei ankommt, darum geht es in diesem Buch.

Ist das nicht sehr optimistisch?

Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht optimistisch. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher,
bleibt auch alles so, wie es bisher war. Und dann werden irgendwann die Reibungsverluste so groß,
dass unser Überleben auf diesem Planeten ernsthaft gefährdet ist. Ich versuche, in diesem Buch zu
zeigen, dass wir auch günstiger zusammen leben, lernen und arbeiten könnten als bisher.
Das ist nicht optimistisch, das ist die einzige Chance, die wir noch haben. Alternativlos, wie unsere
Bundeskanzlerin das immer wieder nennt.

Ihre »Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am
gemeinsamen Gestalten«, setzt im Grunde ja eines voraus: Die Bereitschaft zur Selbstkritik.
Wie schätzen Sie das ein: Ist ein Klima dafür da?

Um Selbstkritik geht es nicht. Was ich in diesem Buch versuche, ist eine Hinterfragung der Ideen und
Vorstellungen, aber auch der Art und Weise, wie wir bisher unterwegs waren. Vielleicht passt dafür
der Begriff »Selbsterkenntnis«. Und zu dieser Selbsterkenntnis gehört vor allem die Erkenntnis, dass
wir uns mit der Art und Weise unseres gegenwärtigen Umganges miteinander nicht glücklich
machen. Im Gegenteil. Vielleicht ist es ein brauchbarerer Ansatz, wenn wir uns zu fragen beginnen,
was wir brauchen, um glücklich zu sein.
Das Klima, um solche Fragen zu stellen, ist jedenfalls da. Und vielleicht ist es eine Voraussetzung
dafür, die globale Klimaerwärmung aufzuhalten, dass es uns gelingt, unser soziales Klima etwas
weniger »aufzuheizen«.

Wie können wir unsere Potenziale am besten entfalten – und vor allem: was hindert uns
daran?

Unter Druck und indem wir einander ständig sagen, was wir machen sollen, geht es jedenfalls nicht.
Die Entfaltung individueller Potentiale kann nur gelingen, wenn es der betreffenden Person gut geht,
wenn sie Lust darauf hat und sie sich ermutigt und inspiriert fühlt, sich weiterzuentwickeln, Neues
auszuprobieren, selbst nachzudenken und sich umzusehen, was es noch alles zu entdecken gibt.
Und weil es niemandem wirklich gut geht, wenn er Zoff mit anderen hat, sich ausgenutzt und
bevormundet fühlt, brauchen Menschen Gemeinschaften, in denen sie sich nicht nur wohl fühlen. Sie
müssten sich durch die anderen in einer solchen Gemeinschaft inspiriert fühlen, etwas zu tun, über
sich hinauszuwachsen.
In dem Buch habe ich das mit dem Begriff »Kohärenzgefühl« beschrieben. Das entsteht nur dann,
wenn alles passt. Da sich aber alles, was lebt, ständig weiterentwickelt, können wir uns nur kohärent
fühlen, indem wir diesen »Entwicklungsstrom« folgen, uns also fortwährend selbst weiterentwickeln.
Je besser uns das gelingt, desto besser, gesunder und offener fühlen wir uns. Wer in diesem Prozess
stehenbleiben und das Erreichte faul auf der Couch genießen will, den bestraft das Leben. Er ist dann
nicht mehr Teil dieses lebendigen Entwicklungsprozesses, erlebt sich als inkohärent, und das macht
ihn über kurz oder lang unglücklich oder gar krank.

Das macht Mut. Der Untertitel des Buches lautet: »Eine Einladung zur Wiederentdeckung der
Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten«. Lieber Herr Hüther,
vielen Dank für die Einladung! Und für dieses Gespräch.

Bitte sehr. Das habe ich gern gemacht.
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© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach
Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke! (Stand: 27.02.2015)
 
 
  


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