08.09.2015

Gibt es eigentlich noch Tabus?

Hartmut Kraft über Tabus - und die Lust, sie zu brechen

Guten Tag Herr Professor Kraft, gerade ist Ihr neues Buch erschienen »Die Lust am Tabubruch«. Wie wird ein Tabu eigentlich zu dem, was es ist? Oder anders: Was macht das Tabu zum Tabu?


Wenn Sie falsch parken, bekommen Sie ein Knöllchen, bezahlen es – und fertig. Selbst wenn jemand im großen Stil Steuern hinterzieht, erscheint vielen dies eher als Kavaliersdelikt denn als schwere Straftat. Als Uli Hoeneß seine Haftstrafe zügig antrat, konnte er sogar Sympathiepunkte sammeln.
Damit ein Verhalten zum Tabu, zum »no go«, erklärt wird, muss also mehr auf dem Spiel stehen – und das ist der Angriff auf die Identität einer Person, einer Gruppe und gar der ganzen Gesellschaft. Mit Hilfe von Tabus regeln Personen und Gruppen, »was zu uns gehört – und was auf jeden Fall bei uns zu meiden ist«, da es den eigenen Überzeugungen, Wertvorstellungen massiv widerspricht. Das bedeutet zugleich, dass wir in Diskussionen über Tabus immer die Gruppe definieren müssen, für die ein bestimmtes Tabu Geltung hat.

Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Etwas befremdet hat mich die Beobachtung, dass ich selber immer wieder Gefahr laufe, konkrete Beispiele »zu vergessen« – in der Sicht der Psychoanalyse also doch eher zu verdrängen. Dieses Grenzgebiet ist eben voller Sprengsätze, die Ängste auslösen können. Leider trifft dies auch im wahrsten Sinne des Wortes zu, wenn wir an den aktuellen religiösen Fundamentalismus denken, gerade auch an den Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Diese professionellen Tabubrecher mussten ihre Arbeit mit dem Leben bezahlen. Ich habe zwar bei meinen Vorträgen zum Tabu keine Morddrohungen erhalten, war aber öfter mit wütenden Reaktionen konfrontiert. Ich erinnere mich hier insbesondere an einige Situationen während meiner Recherche zu dem Begriff »Judensau«, dessen Erfindung christlichen Ursprungs im Mittelalter und früher Neuzeit ist.

Sie sprechen davon, dass es schon immer Tabus gegeben hat. Aber wie sieht es in unserer heutigen Gesellschaft aus? Es gibt doch eigentlich immer mehr Freiheiten, aber gibt es trotzdem noch Tabus?

Und ob es Tabus gibt! »Negerküsse« sind aus unseren Cafés verschwunden und andere entwertende Begriffe wie »Krüppel« oder »Penner« gelten zu Recht als vollkommen unakzeptabel. Es gibt also sehr sinnvolle Tabus, die unter dem Oberbegriff »Political Correctness« als moderne Sprachtabus bezeichnet werden können. Andererseits haben wir gerade in jüngster Zeit erlebt, wie notwendig die Aufhebung von Tabus ist. Das Leid der sexuell missbrauchten Kinder in Familien sowie in Institutionen durch pädophile Erzieher – ein Stichwort unter vielen: Odenwaldschule – konnte erst nach Überwindung massiver Widerstände aufgedeckt werden. Die Täter und die sie schützenden Institutionen haben so lange als irgendwie möglich die schändlichen Tatsachen geleugnet, sogar Zeugen unter Druck gesetzt, ihre Aussagen zurück zu ziehen. So betrieben sie eine Tabuisierung der Tabubrüche.

In Ihrem Buch gehen Sie dem Tabu in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen und Funktionen auf den Grund. Was hat Sie bewogen, sich so intensiv mit diesem Thema auseinander zu setzen?

Ende der 1990er Jahre wurde mir für ein Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe die Bearbeitung des Stichworts »Tabu« angeboten. Das war ein höchst arbeitsames Unterfangen – und unbefriedigend. Ich fand keine mich überzeugende Darstellung und Interpretation dieses Phänomens in unserer Kultur. So habe ich weitergeforscht, in vielen Gruppen über die Bedeutung von Tabus diskutiert und nicht zuletzt auch eifrig Zeitung gelesen, um der umgangssprachlichen Verwendung des Begriffs hier und heute auf die Spur zu kommen. Ich fand es wichtig, diesen viel verwendeten Begriff klarer zu definieren und vor allem auch in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen zu verstehen. Es zeigte sich auch, dass Tabus, um wirksam zu sein, sogar nonverbal oder unbewusst vermittelt werden können. Das sehen wir zum Beispiel in der Psychotherapie bei sexuell traumatisierten Patientinnen und Patienten, die unbewusst dem Schweigegebot der Täter folgen.

Sie beschäftigen sich konkret nicht nur mit dem Tabu, sondern auch mit dem Tabubruch. Was passiert mir, wenn ich ein Tabu breche?

Es gibt in der Südsee, von wo das Wort »Tabu« stammt, einen Begriff, der eng mit dem des Tabus verflochten ist: »Mana«. Das ist die Macht oder Kraft, die hinter einem Tabu steht. Um ein Tabu zu brechen und den Kampf nicht zuletzt gegen seine »Tabuwächter« mit ihrem Mana zu gewinnen, bedarf es entsprechender eigener, möglichst größerer Kräfte. Wenn Sie also ein Tabu brechen möchten, sind Sie hoffentlich stark genug, mit den Reaktionen derer umzugehen, deren Tabu sie gebrochen haben. Sie werden aus Gruppen, wie zum Beispiel einer Partei, ausgeschlossen, oft verbal, gegebenenfalls sogar tätlich angegriffen. Hier sollte man es vielleicht mit dem Schriftsteller und Politiker Machiavelli halten: Er hat empfohlen, nur in einen Kampf zu ziehen, wenn man auch Chancen hat zu gewinnen.

Das hört sich aber gar nicht nach einer »Lust am Tabubruch« an!

Na ja, kämpfen kann auch lustvoll sein. Aber Sie haben Recht: »Die Angst vor dem Tabubruch«, so hätte der Titel des Buches auch lauten können. Bei einem spannungsvollen, hoch ambivalenten Geschehen den positiven Aspekt im Titel in den Vordergrund zu rücken, erschien mir interessanter. Ein wichtiger Aspekt der »Lust am Tabubruch« sind in meinen Augen Witze; diesem Thema widme ich ein ganzes Kapitel. Gerade in politischen Diktaturen waren Witze ein Ventil des Widerstands – lustvoll, aber eben doch auch gefährlich in Hinblick auf das Verhalten der Person, der man den Witz erzählte.

Und welche Bedeutung hat ein Tabubruch für eine Gemeinschaft?

Tabus sichern Identität – Tabubrüche ermöglichen Entwicklung. Durch die sexuelle Revolution der 68er Generation wurde der Mief, die Scheinmoral und Verlogenheit in sexuellen Fragen überwunden. Hierhin gehört auch die Entkriminalisierung der Homosexualität. All das wirkt bis heute fort und führt zu den gegenwärtig intensiv diskutierten Fragen in vielen Ländern, ob homosexuelle Paare heiraten dürfen, gar den Segen der Kirche erhalten sollen. Diese Tabubrüche, aber auch die Neuerrichtung von Sprachtabus im Sinne der Political Correctness, zeigen, wie sich eine Gesellschaft entwickelt.

Lieber Herr Professor Kraft, vielen Dank für das Gespräch!

© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Gespräch führte Maren Döpke. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke!
 


Titel zur News

  (1 Titel)
Thema:
Produktform:
Sortieren nach: