25.02.2014

Interview: Frank Zelko über Greenpeace und seine Geschichte

Greenpeace: Wir glauben, Greenpeace zu kennen.Das sind doch diese linken Umweltaktivisten! Oder?
 Frank Zelko kennt die Organisation »Greenpeace« wie kein anderer. Und erzählt uns die wahre Geschichte.
 
Ein Interview mit Frank Zelko:

***Der Koloss könnte ihn zerquetschen, und berührte ihn doch vorsichtig, fast zärtlich. Bob Hunter, der berühmteste Hippie-Intellektuelle von Vancouver, schwamm das erste Mal in seinem Leben mit einem Schwertwal. »Das Erlebnis änderte sein Leben« erzählt uns Frank Zelko in seinem Buch: Hunter quittierte seinen Job, trennte sich von seiner Frau und – heiratete nicht den Wal, aber widmete fortan sein Leben der Rettung der Meeresriesen. Für ihn war klar: Die abscheuliche Praxis des Walfangs musste ein Ende haben!***

Guten Tag, Herr Dr. Zelko. In Ihrem Buch »Greenpeace« erzählen Sie uns die Geschichte von Greenpeace, wie Greenpeace wurde, was es ist. Sie eröffnen Ihr Buch mit der obigen Szene, dem Initiationserlebnis von Bob Hunter zur Rettung der Wale. Wenn Sie solche Szenen schildern, und davon gibt es ja viele im Buch, blitzt immer wieder Humor auf. Ich muss es Sie daher als erstes fragen: Hat es Ihnen Spaß gemacht, das Buch zu schreiben?

Ja! In der Geschichte wimmelt es von couragierten Charakteren, Intrigen und Liebschaften, aber auch Verwirrung, interne Kämpfe und Dolchstöße fehlen nicht. Allein schon wegen der Menge an Dramen, an Pathos und an absurden Momenten komischer Erleichterung lohnt es sich, die Geschichte von Greenpeace zu erzählen. Doch jenseits davon ermöglicht sie viele Einblicke in die Umweltschutzszene, in soziale Bewegungen und in die Geschichte des Protests im 20. Jahrhundert.

Wenn wir in Deutschland ›Greenpeace‹ hören, entsteht das Bild des ›linken Umweltaktivisten‹ in unserem Kopf. Was sagen Sie dazu?

Aus deutscher Perspektive ist diese Sichtweise verständlich. Greenpeace stieß in Deutschland auf eine Aktivistenszene, die seit über einem Jahrzehnt von basisdemokratischen Bürgerinitiativen geformt worden war. Sie waren Ende der 1960er Jahre entstanden, um sich bei lokalen Umweltangelegenheiten, insbesondere gegen Atomkraftwerke und Umweltverschmutzung durch Chemie, zu engagieren. Die Bundesregierung ermutigte diese zivilen Proteste, erinnern wir uns z. B. an die Parole von Willy Brandt in seiner Regierungserklärung 1969 »Wir wollen mehr Demokratie wagen«, die ja bis heute nachwirkt.

Vergessen wird aus dieser deutschen Perspektive jedoch zumeist, dass dies in keinster Weise dem Leitbild von Greenpeace International entsprach. Als David McTaggart, der Chef von Greenpeace International, von der Gründungsinitiative der Deutschen hörte, reagierte er sehr skeptisch und bezweifelte, dass es in Deutschland eine reine, unpolitische Umweltbewegung geben könne. Sämtliche Gruppen mit ökologischer Zielsetzung seien doch politisch längst festgelegt. Greenpeace aber müsse als unabhängiger Elitekader von Aktivisten operieren. »Greenpeace legt sich politisch nicht fest«, stellte auch Gerhard Dunkel, das erste offizielle deutsche Mitglied, klar. Die einzige Massenbeteiligung, die sich McTaggart wünschte, war das massenhafte Spenden von D-Mark. Allein dieses Argument bewog ihn, der Gründung von Greenpeace Deutschland schließlich doch zuzustimmen.

Wie ging es dann weiter?

Er hat es nicht bereut. Auch wenn McTaggarts Entschluss, eine deutsche Zweigstelle zu eröffnen, ursprünglich vielleicht nur von der Aussicht auf Millionen von D-Mark bestimmt worden war, wurde ihm doch rasch klar, dass die deutschen Aktivisten zu den engagiertesten, fähigsten und am besten organisierten Mitgliedern der Greenpeace-Familie gehörten. Ihre optisch so eindrucksvollen Kampagnen machten sie zu Lieblingen der Medien und vermittelten das gute Gefühl, dass da jemand existiert, der Industrie und staatliche Kontrollbehörden dazu bringt, auf dem Pfad der Tugend zu bleiben. Und sie spülten enormes Geld in die Kassen.
 
Zu den unvermeidlichen Streitigkeiten kam es natürlich trotzdem. Das strikte Festhalten der Organisation an parteipolitischer Neutralität, ihre zentralisierte, hierarchische und unternehmensähnliche Struktur behagte vielen deutschen Greenpeace-Mitgliedern nicht. Doch die Dissidenten mussten allmählich akzeptieren, dass es ihnen niemals gelingen würde, eine von der Bürgerinitiativbewegung inspirierte, grüne Politik deutschen Stils bei Greenpeace zu etablieren. Das war eine verlorene Schlacht, ein Kampf, den Greenpeace International schon längst ausgefochten und McTaggart für sich entschieden hatte. Während Soziologen Gruppen wie Greenpeace gern als Vehikel für die Verbreitung der Zivilgesellschaft und der partizipatorischen Demokratie sehen, betrachten die Organisationen selbst dies nicht unbedingt als ihre oberste Priorität. Die Wahrheit ist, dass Greenpeace nie die Idealversion einer demokratischen und partizipatorischen Graswurzelbewegung war, die den Gründern einst vorschwebte und von der so viele träumten. Und vielleicht immer noch träumen, besonders in Deutschland.

Wir erklären Sie das?

Die Träume von einer basisdemokratischenBewusstseinsrevolution mussten den praktischen Erfordernissen des organisatorischen Managements untergeordnet werden.
Der Proteststil der direkten Aktion hängt ganz an kleinen Gruppen von Leuten, die gefährliche Schaunummern in Szene setzen. Im Gegensatz zu Massenbewegungen, die versuchen, durch öffentliche Kundgebungen und Demonstrationen möglichst viele Teilnehmer zu mobilisieren, konnte Greenpeace realistischerweise nie erwarten, große Menschenmengen auf die Eisschollen vor Neufundland oder in die Walfanggebiete im Nordpazifik zu holen und einzusetzen. Zudem bedeutete die Notwendigkeit von Planung, Disziplin und Geheimhaltung, dass es schwierig gewesen wäre, viele Leute in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, ohne Gefahr zu laufen, vom Gegner infiltriert zu werden. Nicht zuletzt die Koordination und das Timing von Aktionen weltweit erforderten eine zentralistische Struktur.
Niemand spricht es gern aus, aber ich will es einmal zuspitzen: Die Massen, die bei Laune gehalten werden und sich beteiligt fühlen sollen, sind de facto vor allem »Scheckbuch-Mitglieder«.
Dass beides gelingt, eine straffe, schlagkräftig operierende Organisation zu sein und zugleich die Massen für sich einzunehmen und Mitglieder zu gewinnen, das macht die Erfolgsgeschichte Greenpeace aus.

Sie werten die Geschichte von Greenpeace also als Erfolgsgeschichte?

Seit Anfang der 1970er Jahre hat keine einzelne Organisation so viel wie Greenpeace für die Unterstützung und Formung des Umweltprotests rund um die Welt geleistet. Sie haben nachhaltig in einer Weise Schlaglichter auf Umweltprobleme geworfen, wie das keiner anderen Gruppe gelungen ist.
 
Sie sind einfallsreich, gehen ungewöhnliche Wege, betreiben sehr erfolgreiche Lobbyarbeit, und sind Meister im Umgang mit den Medien. Schon beim Namen fängt es an: Was immer Leute von Greenpeace als Organisation halten mögen, nur wenigen werden leugnen, dass sie einen brillanten Namen hat!
 
Und Sie haben handfeste Ergebnisse erzielt. Zum Beispiel hat Boehringer sein Werk in Hamburg 1984 schließen müssen, und die Hersteller von Titandioxid willigten ein, die Dünnsaureverklappung zum Ende des Jahrzehnts einzustellen. Auch wenn z. B. der Walfang und die Robbenjagd weiter ging – einzelne Lebewesen konnten gerettet werden. Vor allem aber hat Greenpeace ein Bewusstsein für Natur- und Umweltschutz geschaffen. Wale werden in den Weltmeeren immer noch mit Harpunen gejagt, aber die, die sie abschießen, müssen jederzeit damit rechnen, sich der Verachtung einer breiten Öffentlichkeit preiszugeben. Ab Mitte der 1980er Jahre wussten Regierungen und Unternehmen überall auf der Welt, dass man jederzeit mit einer spektakulären Protestaktion rechnen musste, sobald Greenpeace verkündet hatte, dass man sich mit einer bestimmten Angelegenheit beschäftige. Somit ist die Furcht vor einer potentiellen ›Gedankenbombe‹ inzwischen eine fast genauso wirksame Waffe wie die ›Bombe‹ selbst.
Und: Sie haben das Bewusstsein für Umweltschutz nicht nur geschärft, sie haben ihm darüber hinaus auch noch einen cooles Image verliehen!

Brigitte Bardot, die französische Schauspielerin und Tierschützerin, sagte über Greenpeace: »Ich bewundere sie. Welcher Mut und welche Hingabe… Das sind großartige Leute. Vivent Greenpeace!« Wer sind denn diese Leute?

Altgediente Greenpeacer scherzen gern, es sei egal, welche schmuddelige Fischerkneipe zwischen Anchorage in Alaska und San Francisco in Kalifornien man auch betreten mag, immer wurde man einen alten Knaben finden, der behauptet, Greenpeace-Gründer zu sein.
 
In den ersten Jahren war Greenpeace ein lockeres Netzwerk von Aktivisten und Journalisten, eher eine Sozialbewegung denn eine Organisation. Deshalb sollten die Ursprunge besser als Prozess verstanden werden und nicht als singuläre ›Geburt‹ oder ›Gründung‹.
 
Die Leute, die sich wohl am ehesten als ›Gründer‹ von Greenpeace bezeichnen können, Irving und Dorothy Stowe und Jim und Marie Bohlen, waren Veteranen der Friedensbewegung und Anti-Atombewegung. Bob Hunter erweiterte später Greenpeace zu einer allgemeinen Umwelt- und Naturschutzbewegung. Laut einer Studie erfuhr die Walschutzkampagne in den Vereinigten Staaten mehr Medienecho als alle Antiatomwaffen-Aktionen von Greenpeace in den vergangenen vier Jahren zusammen genommen. Ben Metcalfe und besonders David McTaggart, der Chef von Greenpeace International, trugen in erheblichem Maß zur Professionalisierung der Organisation bei.

Das Überraschende ist: Sie waren so wenig repräsentativ für Greenpeace-Aktivisten, wie man es sich nur vorstellen kann. Metcalfe war herrisch, geheimniskrämerisch, elitär und manipulativ. Mindestens drei dieser Eigenschaften teilte McTaggart, wobei man der Liste noch rücksichtslos opportunistisch und schamlos ausnutzend hinzufugen könnte. Weder Metcalfe noch McTaggart besaßen die eherne politische Überzeugung eines Irving Stowe, den gemäßigten Idealismus eines Jim Bohlen oder die gegenkulturelle Vision eines Bob Hunter. Graswurzeldemokratie, Konsensfindung und Egalitarismus interessierten sie beide ebenso wenig. Andererseits war keiner dieser Züge von besonderer Bedeutung für die Aufgabe, die vor ihnen lag. Sie waren die Hauptakteure der ersten Greenpeace-Crew, die gegen die französischen Atomwaffenteste protestierte. Die hierfür zweckdienlichen Eigenschaften waren Selbstvertrauen, Argwohn und Mut. In dieser Hinsicht waren beide bestens ausgestattet, um es mit den Franzosen aufzunehmen – und miteinander!
 
In meinem Buch sind biographische Skizzen all dieser die Organisation prägenden Persönlichkeiten zu finden. Ihre Portraits machen die Geschichte erst lebendig.
 
Zum Beispiel Metcalfe, dessen Sache die Teilnahme an plebejischen Märschen nie gewesen war, verbrachte seine Zeit mit den Mächtigen und Berühmten. Er saß bis spätabends in seinem im Obergeschoss seines Hauses gelegenen Büro, das er selbstironisch als ›Ego-Nest‹ bezeichnete, und entwickelte Ideen und Strategien. Um eine gewisse Geheimhaltung zu wahren, informierte er niemanden über mehr als Teile seines Gesamtplan, so dass er der Einzige war, der das ganze Bild kannte. Wenn er eine Genehmigung von anderen Gruppenmitgliedern brauchte, berief er ›umgekehrte Treffen‹ ein, das heißt, er fällte für sich eine Entscheidung und lies die Treffen dann so ablaufen, dass ihm eine Mehrheit zustimmte. Mit McTaggart geriet er gehörig aneinander – saßen sie zeitweilig buchstäblich in einem Boot, konnten sie sich nicht aufeinander verlassen und sprachen später kein Wort mehr mit- und schlecht übereinander!

Was erhoffen Sie sich von dem Buch?

Ich freue mich, mit diesem Buch nun auch deutschsprachige Leser ansprechen zu können und hoffe, dass sie mein Buch mit Gewinn lesen mögen. Wenn ich dazu beitragen kann, dass sie Greenpeace besser verstehen, soll mich das freuen. Nicht zuletzt möchte ich aber vor allem eins bieten: Gute Unterhaltung! Wie sich die Greenpeace-Männer Aug in Auge den traditionellen Robbenjägern auf deren ureigenstem Terrain entgegenstellen; wie sie über die Eisschollen Neufundlands kriechen, um sich als menschliche Schutzschilde über Sattelrobbenbabys zu werfen; wie sich die erste Greenpeace-Crew mit einem klapprigen Fischkutter aufmacht, um sich der stärksten Militärmacht der Welt in einer der abgelegenen und einsamsten Ecken des Planeten anzulegen; wie die Wale ihre Retter noch ein Stück des Rückweges eskortiert haben – all das sind packende Abenteuer und bewegte und bewegende Geschichten. Viel Spaß!
  
Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
Es ist freigegeben zum Abdruck im Rahmen Ihrer Presseberichterstattung! Stand: 07.02.2014. Bitte schicken Sie uns einen Beleg, danke!






         


Titel zur News

  (1 Titel)
Thema:
Produktform:
Sortieren nach: