04.03.2014

Interview: Peter Matheson über die Reformatorin Argula von Grumbach

Guten Tag Herr Professor Matheson! Mit Ihrem Buch über Argula von Grumbach legen Sie die erste wissenschaftlich fundierte Biographie dieser bedeutenden Reformatorin vor. Wie kommt es, dass ein Neuseeländer sich so intensiv mit einer Bayerin aus dem 16. Jahrhundert beschäftigt?
 
Deutsche Reformationsgeschichte ist immer schon mein Forschungsgebiet gewesen. Dann aber kam dieser herrliche Zufall! Ich suchte nach einer Schrift von Luthers radikalem Kollegen, des Reformators Andreas Karlstadt und stieß unvermutet auf das Gedicht einer mir unbekannten Autorin: Argula von Grumbach. Ich war hellauf begeistert und begann mich genauer mit ihr zu beschäftigen. Und da darf noch ein Glücksfall erwähnt werden: Viele wertvolle Bücher und Dokumente sind während des Zweiten Weltkrieges verloren gegangen; auch das Exemplar von Luthers bet buchlin (1522), das er eigenhändig »der edlen frawen Hargula von Stauffen tzu Grumpach« gewidmet hatte, sollte ein »Kriegsverlust« sein; »auf Hoffnung da nichts zu hoffen war«, wanderte ich in Berlin von Bibliothek zu Bibliothek, bis ich schließlich in einem veralteten Kartenkatalog einen Hinweis fand. Ohne große Erwartungen füllte ich den Bestellschein der Kunstabteilung der Berliner Staatsbibliothek aus. Am nächsten Tag wartete auf mich ein kleines Büchlein im Oktav-Format. Bald hielt ich das Büchlein in den Händen – wie vor fünfhundert Jahren Argula von Grumbach!
Argula wurde zu einer wichtigen Person meines Forscherlebens. Ich gab ihre gesamten Schriften in englischer Übersetzung heraus und nun war es auch einmal Zeit für eine ausführliche Biographie.
 
Sie haben in vielen Archiven geforscht und auch bisher unerforschte Quellen für Ihr Buch gesichtet, was an Argulas Leben hat Sie dabei am meisten berührt oder erstaunt?
 
Es gab so viel Tragik in ihrem Leben, so viel Tod und Krankheit: Ihr zweiter Sohn Hans-Jörg wurde ermordet. Argula hat entsetzlich gelitten, und jahrelang versucht, Gerechtigkeit zu erlangen. Vergebens. Ihre Eltern starben früh, beide Ehemänner auch, ihre Tochter und ihr erster Sohn starben in jungen Jahren. Als sie schon sehr alt war, in »Todesnöten«, wie sie schreibt, wurde sie aus ihrem Familiensitz mit brutaler Gewalt getrieben. Dann aber das Wunder: sie lässt sich nicht unterkriegen; ihr Leben, ihre Schriften zeigen uns Heutigen, was man auch unter widrigsten Umständen trotzdem erreichen kann. In das Gebetsbuch, das Luther ihr widmete, schrieb sie hinein: »Ich bitt gedenckht mein gegen gott, welchs ich gedenckh nÿmer zu vergeßen; euch hiemit mich befehlen« (Ich bitte Euch,  betet zu Gott für  mich;  ich selbst werde ihn nie vergessen; hiermit empfehle ich mich Euch.) Nehmen wir das als persönliche Anrede an! Wir haben derzeit die Luther-Dekade und im Vorfeld des fünfhundert jährigen Reformationsjubiläums, lohnt es sich an die erste Reformatorin zu erinnern, zumal sie so ein ereignisreiches Leben hatte.
 
Argula von Grumbach lebte in turbulenten Zeiten. Zeiten des Umbruchs und der Veränderung. War sie selbst eine Frau des Umbruchs? Eine moderne Frau?
 
Wir dürfen ihr Denken und Leben nicht mit unseren heutigen Kategorien messen. »Modern« ist daher vielleicht nicht das richtige Wort! Doch man kann nicht abstreiten, dass ihre Worte und Aktionen gegen den Strich liefen und von einer bemerkenswerten Energie zeugen, von erstaunlichem Mut, von Phantasie und zäher Beharrlichkeit. Sie war ihrer Zeit weit voraus und artikulierte für ihre Zeitgenossen das Bewusstsein, dass eine neue Zeit im Werden war. Aber ob sie eine frühe Feministin war oder man sie besser als prophetische Gestalt versteht ist schwer zu sagen. Diese bayerische Aristokratin kann uns verwirren, befremden, vielleicht auch beängstigen. Aber ihre Integrität, ihr Mut, ihre Vorstellungskraft und Zähigkeit sprechen uns immer noch an, während ihr Widerstand gegen kulturelle und gesellschaftliche Zwänge uns bisweilen den Atem nimmt.
 
Ein Kapitel Ihres Buches handelt von »Argula und Luther«. Inwiefern wurde Argula von Luther geprägt oder wurde Luther gar von Ihr beeinflusst?
 
Dass Argula von Luthers Schriften maßgeblich beeinflusst war, geht eindeutig aus ihren 1523 verfassten Flugschriften hervor, obwohl es nicht immer klar ist, um welche Schriften es sich handelt. Mit Luthers Vorstellung von Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, die um die Verkündigung des Wortes Gottes versammelt waren, nicht einer von Klerikern bestimmten Institution, scheint er genau das artikuliert zu haben, wonach sich Argula von Grumbach mit so vielen anderen sehnte. Er war für sie: »der getreu Arbeiter des Evangeliums«. Sie verschlang seine deutschen Schriften, vor allem sein Neues Testament. Sie betonte trotzdem, dass sie keine »Lutheranerin« sei. Sie wolle einfach Christin sein.
Und was Ihren Einfluss auf ihn angeht. Er hat ihren Bekennermut bewundert. Keine Frage! Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass Luther von Argula in besonderem Maße beeinflusst war. Allerdings hat er Ihr, wie bereits erwähnt, ein Gebetbuch gewidmet. Und in einem Punkt verließ er sich doch auf sie, nämlich als sie ihm Hinweise gab, wie seine Frau Käthe das Kind Lenzchen von der Muttermilch entwöhnen sollte!
 
Was können heutige ProtestantInnen von Argula von Grumbach lernen?
 
Nicht nur ProtestantInnen können etwas von ihr lernen! Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass ihr Erbe auch von vielen Katholiken gern rezipiert wird: Ihre Ablehnung von Gewalt auf religiösen Gebiet, ihre Überzeugung, dass der Geist überall weht, auch bei Laien und bei Frauen, ihre drastische Ehrlichkeit, ihre lebendige Sprache, ihr leidenschaftlicher Umgang mit der Bibel, all das sind Themen und Einstellungen, die auch heutzutage noch aktuell sind und für jeden Gläubigen Relevanz haben.
 
Vielen Dank für das Gespräch!

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
Es ist freigegeben zum Abdruck im Rahmen Ihrer Presseberichterstattung! Stand: 04.03.2014. Bitte schicken Sie uns einen Beleg, danke!


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