01.10.2015

Jochen Schweitzer kommentiert das Handbuch Qualität in der Aufstellungsleitung

»Dieses Buch lässt sich aus mindestens zwei Perspektiven gewinnbringend lesen: einer spezielleren und einer weiter gefassten. Die speziellere ist die der begeisterten Anhängerin, zornigen Kritikerin oder neugierigen Beobachterin der Aufstellungsmethode und ihrer historisch-methodischen Entwicklung. In einer weiter gefassten Perspektive ist dieses Buch für alle interessant, die Psychotherapie- oder Beratungsansätze lehren und anwenden, Lehrcurricula in diesen Bereichen mitgestalten und mitregulieren und die Kompetenzentwicklung von Psychotherapeuten sowie Psychotherapeutinnen und Beratern sowie Beraterinnen beforschen.

Anhänger, Kritiker und Beobachter der Aufstellungsarbeit sind sich meist einig, dass die Aufstellung als Methode zumindest kurzfristig sehr intensiv beeindrucken, emotional aufwühlen und im Guten, aber auch im Schlechten wirksam sein kann. Uneinig sind sie sich meist bezüglich der Antworten auf die sich anschließenden Fragen zur Wirkung und Qualität der Aufstellungsmethode:
Wirken Aufstellungen häufig oder selten heilsam? Gibt es Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen sie entweder das eine oder das andere tun? Können Aufsteller gar als Seelenpfuscher bezeichnet werden, wie von manchem Kritiker behauptet? In welchen Fällen, in allen, vielen oder nur wenigen? Inwiefern hängt das mit der Qualität der Aufstellungsarbeit und Aufsteller zusammen? Wirken Aufstellungen nur wie kurze Strohfeuer oder über den Moment und die Tage danach hinaus? Kann man ihre kurz- und langfristigen Wirkungen erklären, auf unterschiedliche Qualitäten von Aufstellung und Aufstellungsleiter zurückführen
– und falls nicht: Schadet das etwas oder ist das egal?

Alles, was intensiv wirkt und daher fasziniert, kann auch intensiv schaden.

Bei einer so öffentlich sichtbaren, oft in großen Gruppen stattfindenden Praxis wie der Aufstellungsarbeit ist das besonders augenfällig. In dieser Situation stellt sich die Frage, wie der Nutzen von Aufstellungsarbeit gemehrt und das ihr innewohnende
Risiko begrenzt werden kann. Dazu gehört, die Qualität von guter Aufstellungsarbeit genau zu betrachten, zu bestimmen und zu belegen sowie die  Kriterien zu definieren, unter denen gute Aufstellungsarbeit möglich ist. Dieses Buch widmet sich in diesem Zusammenhang speziell der Rolle der Aufstellungsleitung. Dabei konzentrieren sich die verschiedenen Beiträge vor allem auf die
Prozessqualität: Wie gestaltet eine gute Aufstellungsleiterin oder ein guter Aufstellungsleiter gelingende Aufstellungen? Teilweise wird zudem die Strukturqualität diskutiert: Was muss eine gute Aufstellungsleitung an persönlichen und Weiterbildungsvoraussetzungen schon mitbringen, welche kollegialen Austauschformen unterstützen die Leitung, wie lässt sich Aufstellungsleitung gut lernen und lehren. Es geht in den Beiträgen somit gezielt um die Definition und Sicherung der Qualität in der Aufstellungsleitung.1 Diesbezüglich leisten sie einiges: Die Qualität der Aufstellungsleitung wird aus verschiedenen Perspektiven reflektiert und auf diese Weise aus praktischer und theoretischer Sicht definiert. Zudem wird ein Spektrum an Kompetenzdimensionen, Erfahrungen, professionellen Hintergründen und methodischen Entwicklungen geboten, das
die Qualität in der Aufstellungsleitung dokumentiert und stützt.

Nebenbei kann man in diesem Buch aber noch mehr lernen, sogar etwas, das über die Aufstellungsarbeit hinausgeht: Wie wird Mann ein guter Therapeut oder Frau eine gute Therapeutin? Wir alle wissen intuitiv, dass die Menge absolvierter Kursstunden nicht zwangsläufig mit therapeutischer Kompetenz korreliert, dass Wissen nicht automatisch zu Können wird. Zur Expertenschaft in der Psychotherapie scheint es zweierlei zu brauchen. Das eine ist ein Gemisch aus Lebenserfahrung (implizitem Wissen), der Fähigkeit, in den eigenen Körper und die eigenen Affekte hineinzuhören, der Zuneigung zu sowie der Verantwortung für andere Menschen und der demütigen Anerkennung der eigenen Begrenzungen. Das andere ist theoretisch-konzeptionelles, in Sprache ausdrückbares, sich selbst gegenüber zugleich skeptisches Wissen über die Entstehung von Problemen und über die Wege ihrer Auflösung. Beides muss zueinanderfinden, und das braucht Zeit, mindestens eine Reihe von Jahren.

Wir erfahren in diesem Buch, wie sich das Lernen des Lernens in der Aufstellerszene vollzogen hat. Wir erfahren, dass Bert Hellinger sich teils durch eigene Weiterbildung und teils autodidaktisch in 69 Lebensjahren selbst zu jenem Arbeitsstil qualifizierte, der dann ab 1993 von anderen und teilweise von ihm selbst beschrieben wurde.

Wir erfahren, wie sich die 25 ursprünglichen Anhänger, die offensichtlich fast alle in Workshops von Bert Hellinger eigene, wahrscheinlich positive Erfahrungen gemacht und daraus ihre Inspiration bezogen hatten, nach anfänglich umfassender Begeisterung allmählich und mit zunehmender Irritation und Kritikbereitschaft vom Meister abwandten, ohne aber den Bezug auf ihn aufzugeben. Und wir lernen, wie schließlich in der sich organisierenden Aufstellerszene ein Bedarf nach Spielregeln jenseits des Charismas entstand und bearbeitet wurde, als mehrere Tausende Aufsteller mit immer mehr Aufstellungsformaten in immer mehr Anwendungsbereichen tätig wurden.

Diese zeitliche Abfolge kennzeichnet vermutlich alle psychotherapeutischen Schulen, ja alle Organisationen überhaupt, worauf Glasl und Lievegoed (2011) in ihrer Organisationstheorie hinweisen. Charismatische, eigensinnige, oft narzisstische Pioniere beginnen in einer Pionierphase mit etwas gänzlich anderem, erfinden eine genial und revolutionär erscheinende Vorgehensweise, die anfangs für alle Probleme gleichermaßen zu taugen scheint. In einer Differenzierungsphase, oft durch die zweite Generation betrieben, fächert sich das Spektrum der Akteure, behandelten Probleme und methodischen Feinheiten aus, wird zeitweilig unübersichtlich, Rivalitäten zwischen den Pionieren der zweiten Generation können zeitweise das Bild prägen. Eine dritte Generation schreibt dann Lehrbücher, in denen sie die Widersprüche der Differenzierungsphase aufzulösen und ein in sich stimmiges und gut vermittelbares Bild des gesamten Ansatzes zeichnet. Ist dies ausgereizt, wird es vorübergehend oder dauerhaft etwas langweilig und eine vierte Generation »wildert« auf der Suche nach Abwechslung in den Anregungen benachbarter Disziplinen herum. Der eine oder andere Ausreißer unter diesen Wilderern stößt dann vielleicht wieder auf ein gänzlich neuartiges Vorgehen und begründet seine neue Schule.

Im Vergleich zu anderen psychotherapeutischen Schulen hat es also nichts Besonderes mit der Aufstellungsarbeit auf sich? Theoretisch nein, aber praktisch doch. Aufstellungsarbeit ist kompakter, komprimierter, kurzfristig intensiver als die meisten mir bekannten Psychotherapieformen. Zudem finden Aufstellungsgruppen meist vorangekündigt mit vielen Teilnehmern, in einem halböffentlichen Setting, an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Uhrzeit statt. Sie sind deshalb hervorragend beforschbar. Insofern könnte die Aufstellungsarbeit in den nächsten Jahren ein exzellentes Labor für psychotherapeutische und beraterische Lehr- und Lernforschung werden.

Indem dieses Buch die Qualität der Aufstellungsleitung ins Zentrum rückt, trägt es bereits etwas Wesentliches zur Lehr- und Lernforschung bei. Es setzt sich aus verschiedenen Blickwinkeln intensiv mit der Frage auseinander, wie ein qualitätsvolles Leiten von Aufstellungen gelehrt und gelernt werden kann, und kommt auf diese Weise zu wichtigen Erkenntnissen, was die Qualitätssicherung in der psychotherapeutischen und beraterischen Praxis betrifft.«

(Jochen Schweitzer)
 


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