15.01.2014

Knastware für den Klassenfeind

Westdeutsche Unternehmen haben von der gezielten wirtschaftlichen Ausbeutung von DDR-Häftlingen profitiert

Jetzt ist es erwiesen: Gefangene in der DDR wurden auch in wirtschaftlicher Hinsicht systematisch ausgebeutet und große, westdeutsche Unternehmen wie z. B. Quelle, Aldi, Neckermann, Mannesmann oder IKEA haben davon profitiert. Das Geschäft mit der Ware aus DDR-Haftanstalten war Teil des innerdeutschen Handels. Das belegt die wissenschaftliche Untersuchung des Historikers Dr. Tobias Wunschik; sein Buch »Knastware für den Klassenfeind« erscheint am 22. Januar 2014 bei Vandenhoeck & Ruprecht.
 
Zur Vorgeschichte: Am 1. Mai 2012 meldeten schwedische Medien, dass der weltweit agierende Möbelkonzern IKEA in den Gefängnissen der DDR Einrichtungsgegenstände produzieren ließ. An dieser Meldung entzündete sich eine breite öffentliche Diskussion, auch wegen eventueller Entschädigungsansprüche. Westdeutsche Unternehmen schlossen damals aus, von Häftlingsarbeit in der DDR profitiert zu haben. Aber IKEA sah Erklärungsbedarf und ließ umfangreiche Recherchen anstellen, die aber nur als knappe Zusammenfassung veröffentlicht worden sind. Vieles, was die Häftlingsarbeit in der DDR betrifft, lag über lange Zeit auch nach der Wende im Dunkeln. Um zur weiteren Aufklärung beizutragen, hatte der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Roland Jahn eine Studie angeregt: Der Historiker Dr. Tobias Wunschik hat die Vorgänge nun umfassend untersucht.
 
Die Hauptfragen:

  • Wie waren die Arbeitsbedingungen in den DDR-Gefängnissen?
  • Im welchem Maße gab es Unfälle bei der Produktion?
  • Welche Bedeutung hatte Häftlingsarbeit für die DDR-Wirtschaft? Und für die west-deutsche?
  • Welche westlichen Firmen ließen in DDR-Gefängnissen produzieren?

 
Das Fazit:
 

  • In 250 ostdeutschen Betrieben waren neben ›freien Arbeitern‹ auch Häftlinge beschäftigt, darunter politische Gefangene.
  • Der Arbeitseinsatz der Gefangenen diente auch den Exporten der DDR. Etliche Arbeitseinsatzbetriebe lieferten ihre Waren an westliche Unternehmen, die mit den zwischengeschalteten Außenhandelsbetrieben entsprechende Verträge schlossen.
  • Viele ostdeutsche Betriebe kooperierten direkt mit westdeutschen Firmen. Sie fertigten mit westlichem Know-How und moderneren Maschinen Waren, die, auch wegen der geringen Lohnkosten, auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig waren, für DDR-Bürger jedoch unerreichbar blieben. Bundesdeutsche Versandhäuser vertrieben solche Produkte oft als ›Hausmarke‹.
  • Das Geschäft mit der Ware aus DDR-Haftanstalten war Teil des innerdeutschen Handels.
Ein besonders eklatanter Fall von Ausbeutung ereignete sich in den achtziger Jahren in Gefängnissen bei Erfurt (Gräfentonna) und Leipzig (Waldheim). Hier mussten die Häftlinge nicht nur durch Arbeitseinsatz, sondern durch ›freiwillige‹ Blutspenden zur Verbesserung der Haushaltslage der DDR beitragen. Die vom Gesundheits­ministerium der DDR eingesetzten Schwestern weigerten sich, erfolglos, den Häftlingen zwangsweise Blut abzunehmen. Das so gewonnene Blutplasma, das hohe Devisen brachte, ging über eine Schweizer Firma, die als Zwischenhändler fungierte, direkt an das Bayerische Rote Kreuz. Insgesamt importierte das Bayerische Rote Kreuz 1985 fast 35Tsd Einheiten Blutplasmakonzentrat aus Ostdeutschland.




 


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