10.10.2017

»Lesen macht gesund« - im Gespräch mit Silke Heimes

Silke Heimes im Gespräch über die Kraft der Bücher und des Lesens, über die Möglichkeiten und Chancen der Bibliotherapie, die Bedeutung der Lesebiographie und Flauberts »Madame Bovary«.


Sie erwähnen in Ihrem Buch »Lesen macht gesund« mehrfach die literarische Figur der Emma Bovary – Heldin aus Flauberts »Madame Bovary«. Warum ausgerechnet diese literarische Figur, was macht sie so besonders?

SH: Sie ist ein gutes Beispiel dafür, welche Macht Bücher haben können. In diesem Fall leider ein tragisches Beispiel, weil sie fälschlicherweise annimmt, ihr eigenes Leben müsse ebenso spannend und erotisch verlaufen, wie das fiktive Leben der Figuren in den Romanen, die sie liest. Und als sie versucht, sich die gleichen Freiheiten wie ihre Buchheldinnen zu nehmen, scheitert sie an den moralischen Vorstellungen der Gesellschaft ihrer Zeit. Also sowohl ein Beispiel dafür, wie mächtig Erzählungen sind als auch dafür, welche »Nebenwirkungen« Lesen haben kann, wenn man Fiktion und Realität verwechselt.

Nachdem Sie sich der Wirksamkeit des Schreibens gewidmet haben, beschäftigen Sie sich nun mit dem Potenzial des Lesens. Worin sehen Sie dieses Potenzial im Rahmen der Therapie?

SH: Ich denke, dass Lesen vielen Menschen näher ist, als Schreiben, weil sie davon ausgehen, dass es zum Lesen weniger Fertigkeiten bedarf. Anders ausgedrückt: Lesen trauen sich die Menschen eher zu. Dabei kann es ganz ähnliche Wirkungen haben wie Schreiben, wie beispielsweise Entspannung, Erholung, Ablenkung, Selbstvergewisserung. Zudem halte ich Lesen für essentiell, wenn man schreiben will, weil es Vorbild und Inspiration zugleich ist.

Wie Ratgeber und Erfahrungsberichte in einer Therapie eingesetzt werden können, erscheint offensichtlich. Doch wie können fiktive Texte Einfluss in das therapeutische Geschehen haben?

SH: Fiktive Texte haben ein hohes Identifikationspotential, sie ermöglichen uns Einblicke in andere Denk- und Lebenswelten und erweitern unseren persönlichen Horizont. Sie können uns Orientierung und Halt bieten und unser Denken, Empfinden und Handeln beeinflussen; Romane und Erzählungen haben das Potential uns zu trösten, zu ermutigen und zu mobilisieren und vermögen uns im besten Fall dabei zu helfen, uns selbst zu erkennen. Außerdem regen sie unsere Phantasie an und können dazu beitragen, dass wir kreativ werden. Welches andere Medium vermag das alles?

Wieso schreiben Sie der individuellen Lesebiographie eine derart große Bedeutung zu?

SH: Die Lesebiographie ist eng mit der Lebensbiographie verbunden und ist damit eine ungeheuer spannende Reise in die eigene Vergangenheit. Sie führt uns zu Menschen, die uns Bücher nahe- und das Lesen beigebracht haben, und erinnert uns an das eigene Werden und an Schlüsselmomente unseres Lebens, die von bestimmten Büchern begleitet und beeinflusst wurden.

In Anlehnung an Ihren Fragebogen: Haben Sie zum Abschluss ein Zitat, das Sie den Lesern mitgeben möchten?

SH: Das ist wirklich schwierig! Es gibt so viele schöne Sätze - indem ich einen nenne, vernachlässige ich gewissermaßen alle anderen. Dennoch will ich es wagen: „Je mehr ich las, umso näher brachten die Bücher mir die Welt, umso heller und bedeutsamer wurde für mich das Leben.“ (Maxim Gorki)

Liebe Frau Prof. Dr. Heimes, vielen Dank für das Gespräch!

© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Gespräch führte Stefan Lemke. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke!
 


Titel zur News

  (1 Titel)
Thema:
Produktform:
Sortieren nach: