22.05.2015

Literaturkritik heute

Guten Tag, Herr Professor Kaulen. Einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte ist die Literaturkritik im 20. Jahrhundert. Warum ist das Thema Literaturkritik gegenwärtig so aktuell?

Es gibt in den Medien seit einiger Zeit ja eine sehr lebhafte Debatte über die  Literaturkritik. Ein Verleger hat mit seiner Klage Aufsehen erregt, Belletristik werde in der Presse kaum noch rezensiert. Und eine Tagung in Mainz hat sich kürzlich sogar der Frage gewidmet, ob die Literaturkritik nicht überhaupt ›am Ende‹ sei. Allerdings ist diese Befürchtung so alt wie die Literaturkritik selbst. Die Statistik über den Niedergang der Zeitungsrezensionen hat sich empirisch so nicht erhärten lassen!
Unser Band geht von anderen Voraussetzungen aus. Es handelt sich nicht um den Verfall oder gar das Aussterben von Literaturkritik, sondern um einen Funktionswandel, einen Transformationsprozess, der sich wissenschaftlich differenziert beschreiben und in seinen Ursachen analysieren lässt.
 
Können Sie über diese Veränderungen noch Genaueres sagen?

Lassen Sie mich 2 Aspekte besonders hervorheben:

Zum einen: Die Literatur ist nicht mehr das zentrale Leitmedium für eine schmale Bildungselite. Damit ändert sich natürlich auch der Status und die Wirkung von Literaturkritik.

Zum anderen etablieren sich in den Printmedien, im Fernsehen und im Internet neue Formen der medialen Inszenierung von Literaturkritik: z. B. die Laienkritik, eine andere Art der Meinungsbildung durch kooperative Kommunikationspraktiken, oder auch neue Formen der Bewertung über Bestsellerlisten, Verkaufszahlen oder Rankinglisten.

Wie diese Trends jenseits gängiger Klischees und pauschaler Verdammungsurteile aus wissenschaftlicher Sicht präzise zu beschreiben, zu analysieren und zu bewerten sind, ist eines der Hauptthemen des neuen Bandes.

Gibt es noch andere Bereiche, in denen ein literatur- und sprachwissenschaftlicher Zugriff zur Erhellung der Literaturkritik beitragen kann?

Bekanntlich spielen Emotionen neben dem rational abwägenden Argumentieren seit jeher in der Literaturkritik eine große Rolle. Drei Beiträge versuchen vor diesem Hintergrund, Einsichten und Ergebnisse der neueren literaturwissenschaftlichen Emotionsforschung für die Erforschung der Literaturkritik fruchtbar zu machen.

Einige andere gehen die Schreibstrategien von Rezensionen aus einer dezidiert linguistischen Perspektive an.
Und wieder andere untersuchen die Veränderungen von Literaturkritik im Zeitraum  der letzten zwei Jahrhunderte an prominenten Fallbeispielen von der Frühromantik über Max Kommerell bis zu Hans Werner Richter und zur Literaturkritik in der DDR.
 
Der Untertitel Ihres Bandes lautet: Tendenzen – Traditionen – Vermittlung. Inwiefern spielt auch der Aspekt der Anwendung, des praktischen Gebrauchs von Kritik, eine Rolle?

Der handelnde Umgang mit verschiedenen Textsorten literarischer Kritik ‒d.h. das Analysieren, Bewerten, aber auch das eigene Verfassen von Kritiken ‒  spielt heute unter dem Stichwort ›Literaturvermittlung‹ in den kulturwissenschaftlichen Studiengängen der Universitäten, aber auch im Schulunterricht eine sehr viel größere Rolle als noch vor wenigen Jahren. Es kommt darauf an, in dieser ›Entprofessionalisierung‹ von Literaturkritik, die man mit demselben Recht auch eine ›Professionalisierung neuer Trägergruppen‹ nennen könnte, nicht nur ein Verfallssymptom zu sehen, sondern eine veränderte Form kultureller Praxis und aktiver Teilhabe am Literaturbetrieb. Aus dieser Perspektive wird sie jedenfalls am Ende unseres Bandes in den Blick genommen.
Und nun empfehlen wir unser Buch der Literaturkritik – und sind auf die Resonanz gespannt!
 
Vielen Dank für das Gespräch!
  
© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke! (Stand: 20. Mai 2015)



 


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