17.12.2015

Märkte und Vermarktlichung

Neue Ausgabe der „Zeithistorischen Forschungen“ online und gedruckt erschienen

Das Thema: »Vermarktlichung«

Vom Markt ist ständig die Rede, aber der Ruf des Marktes ist lädiert. Die Finanzkrisen der letzten Jahre haben Ängste vor einem globalisierten Hochgeschwindigkeits-Kapitalismus geschürt. Doch die Geschichte dieses Prozesses ist noch weitgehend ungeschrieben.

Das Heft nähert sich dem Thema unter dem Leitbegriff „Vermarktlichung“. In den Fokus rücken Beziehungen zwischen konkreten Akteuren und deren Dynamiken – seien es Unternehmensleitungen, Belegschaften, Gewerkschaften, Regierungen, Parlamente, Verwaltungen oder Bürger bzw. Konsumenten und Anleger. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Zäsur von 1989/90, ihren Voraussetzungen und Folgen für die „Vermarktlichung“ in der ehemaligen DDR und in Ostmitteleuropa. So gewinnt auch die Geschichte des „Neoliberalismus“ mit exemplarischen Analysen nähere Konturen.

Marcus Böick fragt, was Ökonomen, Wirtschaftspolitiker oder Manager der Umbauprozesse in der früheren DDR eigentlich meinten, wenn sie von Märkten sprachen. Er richtet den Blick auf Vorstellungen im Kontext der 1990 gegründeten Treuhandanstalt und auf Akteure, die in der Rückschau oft als marktgläubige „Exekutoren“ des westlichen „Neoliberalismus“ kritisiert werden. Deren Marktkonzeptionen waren aber keineswegs einheitlich. Eine Auswertung zeitgenössischer Experteninterviews, die 1992/93 im Auftrag der Treuhand geführt wurden und jetzt wiederentdeckt werden konnten, offenbart ein breites Spektrum an individuellen Marktdeutungen aus der Alltagspraxis der ostdeutschen Transformation.

Rudolf Kučera beschäftigt sich mit Begriffen und Konzepten der ökonomischen Reform in der Tschechoslowakei unmittelbar vor und nach dem Ende der zentralen Planwirtschaft 1989/90. Wie wurde das Konzept eines schnellen Übergangs zur privatwirtschaftlichen Marktordnung vermittelt? Schon in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre fasste unter tschechischen Akademikern das Konzept einer raschen liberalen Transformation Fuß. Jüngere Wissenschaftler waren dort geprägt von Paul A. Samuelsons Lehrbuch „Economics“ aus den USA, das die Wirtschaftswissenschaften als eine Art Naturwissenschaft mit universellen Standards präsentierte. Nach 1989/90 entstand in der Tschechoslowakei eine besondere Mischung von ökonomischem Wissen und nationalhistorischen Narrativen, die die stattfindende Transformation als alternativlos darstellte.

Christian Marx schildert am Beispiel der westeuropäischen Chemiefaserindustrie seit den 1970er-Jahren, wie der Markt zum wichtigsten Bezugspunkt und die Kapitalrendite zum maßgeblichen Indikator wurde. Die Vorstände suchten verstärkt die Entscheidungshilfe externer Berater, etwa von McKinsey. Zahlreiche Unternehmen wurden nach kompetitiv gedachten Organisationsprinzipien umstrukturiert. Trotz der Gegenwehr von Gewerkschaften und Betriebsräten schritt damit auch die interne Vermarktlichung von Unternehmen voran. Während die Unternehmen zudem stärker multinational agierten, gelang dies den Arbeitnehmervertretungen nicht in gleichem Maße.

Sören Brandes untersucht anschaulich und kritisch, wie Milton Friedman in der populären amerikanischen Fernsehserie „Free to Choose“ von 1980 seine ökonomischen und politischen Überzeugungen verbreitete: Der freie Markt sei jeder Intervention durch Regierung und Staat überlegen. Diese Botschaft an sich war nicht überraschend – bemerkenswert ist aber, aus welcher Perspektive sie erzählt und erreicht wurde. Der Zuschauer sollte die vorgebrachten Argumente nicht nur verstehen, sondern sich anhand vieler Episoden aus dem Alltagsleben unmittelbar von ihnen angesprochen fühlen.

Herausgegeben haben das aktuelle Themenheft Ralf Ahrens vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Marcus Böick vom Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Ruhr-Universität Bochum sowie der selbstständige Historiker Marcel vom Lehn.

Zur Online-Ausgabe der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“:
http://www.zeithistorische-forschungen.de

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