11.09.2012

Medialisation: Von der Medienabhängigkeit des Menschen

Guten Tag, Herr Dr. te Wildt. Sie haben den Begriff der Medialisation geprägt und Ihr jüngstes Buch auch mit »Medialisaton« betitelt. Können Sie uns an dieser Stelle nochmals eine knappe und zugleich leicht verständliche Definition geben?
Die Entwicklung von der Zivilgesellschaft zur Mediengesellschaft hat sich durch die Entwicklung des Internets und seiner virtuellen Welten ungeheuer beschleunigt. ›Medialisation‹ beschreibt zunächst einmal wertfrei die nächste Entwicklungsstufe des Menschen nach der Zivilisation. Der medialisierte Mensch verlagert seine Existenz weit möglichst auf die virtuelle Ebene. Die Definition könnte also lauten: Medialisation ist die kollektive Umsiedlung des Menschen in den medialen Raum.
  
Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Sie bietet Chancen und Risiken. Von der Medialisation erhofft sich der Mensch die Erfüllung seiner Träume, mit gutem Grund: Die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten und neue Erlebnisfelder. Der kritische Aspekt liegt darin, dass  in der Parallelwelt des Cyberspace inzwischen  die Erfüllung fast aller Bedürfnisse gesucht wird. Am Ende hat das Mediale die kleinen und großen Sensationen körperlicher Erfahrungswerte durch seine Simulationen ersetzt.
Dazu kommt: Die neuen Medien bieten nicht nur neue Möglichkeiten, sie werden zugleich als Notwendigkeit empfunden. Der Mensch macht sich zunehmend von den sich verselbständigenden Medien, die er geschaffen hat, abhängig. Hier geht die Entwicklung fehl: Die Medien sollten dem Menschen dienen und nicht umgekehrt!
  
Nun sind wir also in »medias res«. Wie begann denn Ihr persönlicher Kontakt zu den Neuen Medien? Sind Sie schon frühzeitig besonders internetaffin gewesen?
Einen Computer hatte ich relativ früh. Ansonsten bin und war ich, was die zunehmende Nutzung des Internets angeht, eher durchschnittlich. Vielleicht gelingt es mir dehalb, die Waage zwischen Faszination und kritischer Distanz zu halten. Das hoffe ich zumindest. 
Allerdings haben mich die jeweils neuesten Medien schon immer fasziniert. In leidenschaftlichen Diskussionen mit meinem Vater habe ich immer dagegengehalten, wenn er behauptete, dass uns das Fernsehen manipuliere und dumm mache. Ich war der Meinung, dass die Medien immer nur ein Abbild dessen sei, was die Menschen fühlen und denken. Meine klinische und wissenschaftliche Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, dass die Beziehung zwischen Mensch und Medien eine wechselseitige ist, was nun für den interaktiven Cyberspace im besonderen Maße gilt.
 
Wird die Zahl der Mediensüchtigen, deren Behandlung ja zu Ihren Arbeitsaufgaben gehört, deutschland-, europa- bzw. weltweit noch weiter zunehmen oder ist eine Trendwende in Sicht?
Wenn man sich die Entwicklung weltweit anschaut, dann müssen wir davon ausgehen, dass die klinische Form der Medienabhängigkeit zunächst weiter zunehmen wird. Es ist sogar zu befürchten, dass wir in unseren Spezialambulanzen und -kliniken momentan lediglich die Spitze eines Eisberges diagnostizieren und behandeln, da die Heranwachsenden heute noch viel früher und intensiver digitale Bildschirmmedien nutzen. Internet- und Computerspielabhängigkeit entwickeln sich ja nicht von heute auf morgen.
  
Angesichts der Zwiespältigkeit der rasanten medialen Entwicklung heutzutage, also ihrer Gefahren wie auch Chancen, die Sie in Ihrem Buch thematisieren, blicken Sie da eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?
Ich sehe verhalten optimistisch in die Zukunft. Da wir erst am Anfang der digitalen Revolution stehen, wird es allerdings noch etwas dauern, bis sich der Mensch daran adaptiert hat. Zu einer solchen Gewöhnung gehört ein reflektierter und bewusster Umgang mit den digitalen Medien, insbesondere im Hinblick auf Kinder und Jugendliche, die man die mediale Evolution vom Buch zum Computer In ihrer Entwicklung nachschreien lässt. Hierzu möchte ich mit meinem Buch einen Beitrag leisten.

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
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Ihre Ansprechpartnerin bei Vandenhoeck & Ruprecht: Ulrike Schermuly, Tel. 0551 50 84-471, Mail: u.schermuly@v-r.de



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