11.07.2012
Wie lernen Kinder sprechen?
Frau Gertraud Finger im Interview über ihr neues Buch:
Frau Finger, worum geht es in Ihrem Buch?
Das Buch behandelt das Miteinander von Kind und Erwachsenen beim Spracherwerb.
Im ersten Teil geht es um die Entwicklung der Sprache, von den ersten Lauten bis zum Erzählen kleiner Geschichten. Der zweite Teil beschreibt, wie das Kind beim Spracherwerb ein anderes wird. Seine Persönlichkeit verändert sich Schritt für Schritt mit der Sprachentwicklung.
Wann beginnt der Spracherwerb?
Sprache-Lernen beginnt lange vor dem Sprechen. Noch bevor ein Baby seine ersten Laute spricht, verständigen sich Eltern und Kind über Blicke, über Gesten, sie wechseln sich in ihren Aktivitäten ab und bestätigen sich gegenseitig. Diese Formen des Miteinander brauchen sie später beim Sprechen.
Was ist die Aufgabe der Eltern und Erzieherinnen dabei?
Kein Kind alleine kann sich die Sprache aneignen und kein Erwachsener kann sie dem Kind „beibringen“, wenn das Kind nicht mitmacht. Sprache entsteht zwischen den Menschen. Das Kind braucht ein erwachsenes Gegenüber, das ihm zuhört, es bestätigt und liebevoll korrigiert.
Das klingt ja gut, aber wie lernen Eltern und Erzieherinnen das?
In diesem Buch wird Basis-Wissen vermittelt und es gibt viele Beispiele. Was beim sprachfreien und sprachlichen Dialog abläuft, ist genau beschrieben. Das hilft
Erwachsenen, das kindliche Verhalten zu verstehen und angemessen mit dem Kind umzugehen. Zu jedem Kapitel werden Fragen von Eltern und Erzieherinnen beantwortet.
Woher stammen die Fragen?
Ich habe vierzig Jahre lang in der Erziehungs- und Schulberatung gearbeitet und Fortbildungen für Erzieherinnen gestaltet. Da habe ich viele Fragen gehört, die ich jetzt den Kapiteln zugeordnet habe.
Wie kamen Sie auf den zweiten Teil ihres Buches, auf das Miteinander von Sprache und Persönlichkeitsentwicklung?
Dieser Teil war nicht geplant. Erst während des Schreibens entdeckte ich, wie notwendig es ist, den Blick zu erweitern von der Sprache auf die Gesamtentwicklung und deutlich zu machen, wie sehr beide Bereiche zusammenhängen. So steht dieser Teil unter dem Motto: Ich wachse mit der Sprache, die Sprache wächst mit mir.
Sie haben schon mehrere Bücher über Kinder geschrieben. Warum jetzt dieses Thema?
Meine anderen Bücher haben sich aus meiner beruflichen Arbeit entwickelt. Sie handeln von Kindern mit Behinderungen, von Verhaltensauffälligkeiten, von Ängsten bei Kindern, von kindlicher Trauer und von Rollenkonflikten der Mütter.
Dieses Buch beschäftigt sich mit dem „normalen Spracherwerb“. Ich bin durch meine eigenen Kinder und vor allem durch meine vier Enkel dazu angeregt worden. Vielleicht kann man ein solches Buch nur als Oma schreiben. Denn als Oma hat man mehr Zeit und Ruhe, vielleicht auch mehr Gelassenheit, um den Kindern zuzuhören, an ihren Spielen teilzunehmen, ihnen Fragen zu stellen, das Gehörte festzuhalten und über das Miteinander nachzudenken. So viel Zeit hatte ich als Mutter nie. So ist ein sehr persönliches Buch entstanden. Es hat mir große Freunde gemacht, dieses Buch zu schreiben.
Interview: © Vandenhoeck & Ruprecht. Sie dürfen es gern für Ihre Berichterstattung verwenden.
Bild: © Jörg Finger.

