13.06.2012

Zum Tod von Margarete Mitscherlich

»In einem 1976 geführten »Spiegel«-Interview zum Thema Midlife-Crisis gab Alexander Mitscherlich über seinen rund dreißig Jahre zurückliegenden Entschluss, sich dem akademischen System endgültig zu verschreiben, freimütig Auskunft. In einem anderen Punkt war er zugeknöpfter. Auf die Frage, ob sich zur damaligen Zeit neben der beruflichen Weichenstellung etwas Vergleichbares in seiner »privaten Sphäre« ereignet habe, druckste er herum: »Muß ich da sehr ins Detail gehen?« Der Journalist fragte nicht von ungefähr. Vor ihm saß schließlich die eine Hälfte des prominentesten Psychoanalytikerehepaars Deutschlands, das seit über zwanzig Jahren verheiratet war. Obgleich Mitscherlich in der Öffentlichkeit nur ungern über sein Privatleben sprach, war es doch kein Geheimnis, dass diese Ehe nicht seine erste war. Zögerlich gab er dem drängelnden Journalisten Auskunft: »Ja, ich bin sozusagen von einer Ehe in eine andere übergegangen. Ich habe mich aus einer alten Beziehung, die immerhin an die zwanzig Jahre gedauert hatte, gelöst und habe mich in eine andere Beziehung für den Rest meines Lebens begeben« (1976, S. 40). Die »andere Beziehung« hieß Margarete Nielsen. Die ersten, sehr flüchtigen Begegnungen hatten während der Kriegsjahre an der Heidelberger Klinik stattgefunden.
 
Die 1917 geborene Arzttochter legte dort im Juli 1944 ihr medizinisches Staatsexamen ab. Anschließend verließ sie Deutschland für mehrere Jahre. In Ascona, wo sie 1947 als Ärztin beschäftigt war, kreuzten sich die Wege der beiden erneut, das erste Mal zufällig, von da an häufig und häufiger, so weit es die komplizierten Arbeits- und Lebensbedingungen zuließen. Mitscherlichs Übergang von einer Ehe in die andere erfolgte nicht als fliegender Wechsel. Seine Frau Georgia war relativ schnell eingeweiht und erduldete die Dreiecksbeziehung großmütig. Dennoch wurde die Situation für alle Beteiligten zunehmend untragbar. »Es dauerte mehrere Jahre«, schrieb Mitscherlich in seinen Lebenserinnerungen, »bis ich mich dazu überwinden konnte, meinem Partner und den Kindern aus der vorhergehenden Ehe den mit einer endgültigen Trennung verbundenen Schmerz
zuzufügen« (1980, S. 285).
 
Im Winter 1954 wurde die Ehe geschieden. Seit zwei Jahren hatten er und Margarete Nielsen eine vor der Öffentlichkeit weitgehend geheim gehaltene Lebensgemeinschaft geführt, zu der auch der am 25. Januar 1949 geborene Sohn Alexander Matthias gehörte. Bis zur Heirat seiner Eltern am 3. März 1955 verbrachte der Junge die meiste Zeit bei der Mutter Margaretes in Dänemark. »Ich weiß noch«, erinnerte sich Margarete Mitscherlich nach über fünfzig Jahren, »wie die Frau, die uns trauen sollte, aus den Unterlagen vorlas, die zwei Ehen erwähnte, die zwei Scheidungen, bei denen Alexander jeweils als Schuldiger erklärt wurde, und mich dann fragte: ›Und den Mann wollen Sie wirklich heiraten?‹« (Mitscherlich-Nielsen 2007, S. 55).
 
Mit dem Jawort legalisierte das Paar seine Liebesbeziehung, aus der mit Beginn der fünfziger Jahre obendrein eine Arbeitsbeziehung geworden war. Auf Anregung Mitscherlichs hatte Margarete Nielsen mit einer psychoanalytischen Ausbildung begonnen (Mitscherlich-Nielsen 1994). Ihre erste Analyse erhielt sie 1950 von Vilma Popescu in Stuttgart, wo sie am Bürgerhospital arbeitete. Im gleichen Jahr promovierte sie an der Tübinger Universität in Medizin mit einer Studie über die experimentellen Arbeiten von August Krogh. Anschließend setzte sie ihre Analyse bei Felix Schottlaender fort. Das war eine unglückliche Wahl. Die zerrüttete Freundschaft zwischen Schottlaender und Mitscherlich färbte auch auf die therapeutischen Sitzungen ab: »Es hat meine Analyse mit viel zu vielen persönlichen Gefühlen belastet, die den Prozess gewiss nicht gefördert haben« (Mitscherlich-Nielsen 2007, S. 130). 1954 und 1958/59 folgten zwei weitere Analysen bei Michael Balint in London: »Bei ihm hatte ich das Gefühl, jemanden gegenüber zu haben, der wirklich objektiv ist, wirklich versucht, mich mit mir zu konfrontieren. Das war nicht immer leicht zu schlucken, aber ich habe viel gelernt« (S. 130).
 
Ab April 1951 gehörte Margarete Nielsen zum kleinen Mitarbeiterstab der Erziehungsberatungsstelle in Mannheim. Knapp ein Jahr später wechselte sie als Wissenschaftliche Assistentin an die Psychosomatische Abteilung nach Heidelberg. Ihre Stelle wurde bis 1955 aus den Mitteln der Rockefeller Foundation finanziert. Anschließend arbeitete sie bis 1968 unentgeltlich. Als Lehranalytikerin übernahm sie hauptsächlich Ausbildungsaufgaben. In der gleichen Funktion, als Assistentin, Lehr- und Kontrollanalytikerin, war sie auch von Beginn an am Sigmund-Freud-Institut tätig – bis 1974 wiederum als unbesoldete Mitarbeiterin.
 
Den Wechsel von der Heidelberger Klinik an das Frankfurter Forschungs- und Ausbildungsinstitut erlebte sie als einen empfindlichen Annerkennungsschock: »Ich wurde als Frau des Chefs eher ausgegrenzt, während das in Heidelberg sehr viel anders war. Dort kamen zu mir sehr viele, die Ausbildung, Supervision wollten. Ich brachte aber auch von meinen Aufenthalten in London Neues mit, so daß ich eigentlich nicht die Frau des Chefs war, sondern die, die viel Erfahrung hatte, während ich in Frankfurt in diese andere Rolle gedrängt und eher abgewehrt wurde« (Mitscherlich-Nielsen 1996, S. 401).
 
Das verächtliche Etikett »Frau des Chefs« wird der wissenschaftlichen Produktionsgemeinschaft des Analytikerehepaares nicht gerecht. Der bestechendste Beleg ihrer produktiven Zweisamkeit ist der gemeinsam verfasste Bestseller »Die Unfähigkeit zu trauern«. Das 1967 publizierte Buch und ein paar weitere Gemeinschaftsarbeiten – darunter die bemerkenswerten Reflexionen zur »Pathologie ehelichen Daseins« (GS 6, S. 570 f.) und der Brief an einen mit dem Terrorismus sympathisierenden (erdachten) Sohn (GS 6, S. 596) – waren die repräsentative Spitze ihrer Zusammenarbeit. Der weit umfangreichere Bereich blieb der Öffentlichkeit verborgen. Vieles, was Mitscherlich als Ruhm und Verdienst einstrich, war das Ergebnis eines partnerschaftlichen Teamworks. Ohne die Unterstützung seiner Frau hätte er, um nur ein Beispiel zu nennen, in den sechziger und siebziger Jahren die »Psyche« niemals in der viel gerühmten Form und Qualität herausgeben können. Ernst Klett war einer der wenigen, die das einschätzen konnten. 1972 ließ er der geheimen Mitherausgeberin »Frau Margarete« Dank für die arbeitsreiche, aber anerkennungsarme Redaktionsarbeit ausrichten: »ohne sie wäre dieses und manches andere wohl nicht entstanden« (31. 7. 1972, I 1409.250). Beschämt gab Mitscherlich zu, »wieviel stillschweigende Mühen unhonorierter Mitarbeit« seine Frau leiste, »und wie selbstverständlich wir das alles hinnehmen« (18. 8. 1972, I 1409.251). Daran geändert hat er aber nichts. Erst nach dem Tod ihres Mannes wird Margarete Mitscherlich-Nielsen, die sich als Analytikerin längst einen eigenen Namen gemacht hatte, für neun Jahre die Herausgabe der Zeitschrift übernehmen.«

Timo Hoyer: Im Getümmel der Welt. Alexander Mitscherlich - Ein Portäit. Vandenhoeck & Ruprecht 2008. S. 247–249.


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