21.06.2012

Das Standardwerk für Systemiker neu konzipiert

Das folgende Interview mit den Autoren Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer zur Neufassung ihres »Lehrbuchs der systemischen Therapie und Beratung I« vermittelt Einblicke in die Schreib- und Gedankenarbeit der letzten Jahre und verdeutlicht, was alles neu an diesem Standardwerk ist.

Zu welchem Zeitpunkt war ganz klar: Jetzt muss etwas Neues her?

Spätestens als das Buch seinen zehnten Geburtstag feierte (also 2006) und immer noch sehr intensiv nachgefragt wurde, haben wir ernsthaft begonnen, eine Neubearbeitung zu erwägen. Zeitgleich hatten wir ja auch das Lehrbuch II (»Das störungsspezifische  Wissen«) abgeschlossen und konnten etwas Neues gemeinsam beginnen.
 
Wie viele Stunden Arbeit stecken in den 494 Seiten?
Das ist natürlich schwer abzuschätzen, weil viele Seiten immer und immer wieder überarbeitet und ergänzt worden sind. Wenn wir davon ausgehen, dass in jeder Seite vier bis fünf Stunden Arbeit stecken, sind wir vermutlich auf der sicheren Seite. Eine andere Schätzung könnte so aussehen: über fünf Jahre hinweg jedes Jahr etwa vier bis sechs gemeinsame Schreibtage und etwas genauso viele, an denen jeder von uns allein an Teilen des Buches gearbeitet hat. Wir haben jetzt nicht nachgerechnet, ob beide Rechnungen zum selben Ergebnis führen.
 
Wie sah ein typischer Tag in Schreibklausur aus?
Wenn wir gemeinsam gearbeitet haben, haben wir uns jeweils für zwei bis drei Tage getroffen. Zu Beginn bauten wir dann im jeweiligen Arbeitszimmer einen zweiten Schreibtisch auf, so dass wir uns anschauen konnten. Das war wichtig. Dann sprachen wir ausführlich das Tagesprogramm durch und begannen parallel an verschiedenen Teilen zu schreiben. Wann immer einer von uns auf eine offene Frage stieß, ließ sich das dann durch ein kurzes Face-to-face-Gespräch leicht lösen. Mit unseren Frauen, die uns sehr liebevoll bekocht haben, haben wir meist gemütlich zu Mittag und zu Abend gegessen, oft dann auch noch eine Abendsitzung angehängt.
 
Wie gehen Sie beim Schreiben vor?
Einer von uns schreibt einen »Ur-Text«, der geht dann zwischen uns mehrfach hin und her, wird immer wieder präzisiert, mit mehr Fallbeispielen oder Referenzliteratur versehen, dann wieder gekürzt – das Ganze in mehreren, über die Jahre verteilten »Wellen«. Wir haben dabei eine leichte Komplementarität: Jochen Schweitzer schreibt häufiger etwas zugespitztere, kurze, nicht immer ausgewogene Ur-Texte, die dann von Arist von Schlippe verfeinert oder erweitert werden. Es kann aber auch genau umgekehrt laufen. Wir sind füreinander zuweilen scharfe Kritiker der Anfangstexte des Anderen, das tut aber den Texten einfach gut.
 
Was stand als Erstes auf der Liste der Punkte, die im neuen Lehrbuch unbedingt zur Sprache kommen sollen?
Das Wichtigste war für uns, die Bandbreite zu erweitern, insbesondere den Diskussionsstand zur systemischen Praxis stärker zu internationalisieren, den Gebrauchswert des Buches für Leser auch aus weiteren Arbeitsfeldern neben der Psychotherapie (besonders Unternehmensberatung, Pädagogik und Soziale Arbeit) zu erhöhen und schließlich die Geschichte der systemischen Therapie vollständig und nicht wie im ersten Buch erst ab 1980 zur Sprache kommen zu lassen.
 
Bei welchen Passagen gab es die meisten Diskussionen, ob sie in der Neufassung bestehen bleiben sollen?
Im Grundsatz waren wir uns schnell einig, was wir rauswerfen wollten: alles, was damals besonders aktuell erschien, aber heute nicht mehr als »neue« und »umstrittene« Themen behandelt werden muss, weil es Teil des systemischen Mainstreams geworden ist.  Wir haben ja die damaligen Kapitel »Anwendungsbereich«, »Viel Feind, viel Ehr« und »Was nützt systemische Therapie?« vollständig herausgeworfen. Länger dauerten Diskussionen, was neu hinein sollte und was nicht. Wir haben ja 10 von jetzt 22 Kapiteln völlig neu geschrieben (wer es genau wissen will: die Kapitel 2, 4, 5, 7, 10, 12, 17, 20, 21 und 22), da wurde lange debattiert, ob diese »Verbreiterungen« des Buches gerechtfertigt sind. 
 
Aus Sicht der Autoren in einem Satz: Was macht das neue Lehrbuch so besonders?
Arist von Schlippe: In aller Bescheidenheit: Ich denke, wir beide sind ein Team, das sehr unterschiedliche Fähigkeiten, Begabungen und Wissensstände auf einzigartige Weise zusammenführt. Unsere Freundschaft hat dafür gesorgt, dass wir uns nie ernsthaft gestritten haben, auch wenn wir oft heiß debattierten. Solch ein Buch kann man nicht einfach nachschreiben, ich würde sagen: Es ist einzigartig.
Jochen Schweitzer: Ich denke zum einen, es ist international, auch im Vergleich zu britischen und amerikanischen Standardwerken, das umfassendste Buch zur systemischen Therapie und Beratung, zum anderen aber so kompakt, anschaulich und flott geschrieben, dass es sich auch im Bett oder am Strand lesen lässt.

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht. Sie dürfen es gern für Ihre Berichterstattung verwenden.


Titel zur News

  (1 Titel)
Produktform:
Sortieren nach: