21.08.2013

»PädagogInnen fehlt oft das Grundwissen und sie benötigen Fortbildungsangebote« (Suzan Hahnemann)

»Sprache ist die wichtigste Kompetenz für jeden weiteren Wissenserwerb. Deshalb braucht es solides Wissen über Spracherwerb und Sprachvermittlung bei allen, die mit Kindern arbeiten. Um diese Lücke zu schließen, haben wir dieses Buch geschrieben.«

Dr. Suzan Hahnemann im Interview zur Frage: Deutsche Sprache spielend lehren?

Guten Tag, Frau Dr. Hahnemann.
»Deutsche Sprache spielend lernen« ist das Produktversprechen Ihres neuen Buches. Das macht Mut in einer Zeit, in der alle von Bildungsmisere sprechen. Wie wollen Sie Ihr Versprechen einlösen?
Alle Studien deuten immer mit dem Finger auf die Ursachen – aber keiner schafft Abhilfe. Die Ausbildung derer, die den Kleinen und Kleinsten die Sprache vermitteln sollen, geht, was profunde Kenntnisse des Deutschen anlangt, völlig am Ziel vorbei. In der Grundschullehrerausbildung werden – je nach Bundesland – an den Unis Seminare zu Goethe, Hegel, Hölderlin angeboten, aber Wissen über kindlichen Spracherwerb oder grammatische Grundkenntnisse wird oft nicht vermittelt. In der Erzieherinnenausbildung ist es ähnlich. Um Kindern im Spracherwerb zu helfen, muss ich nicht »Die kleine Hexe« hermeneutisch untersuchen können, sondern wissen, warum ein Wort wie »Strickstrumpf« schwerer zu sprechen und zu schreiben ist als bspw. »Hosenrock«. Oder warum es »ein rotes Autos«, aber »das rote Auto« heisst. Genau hier setzt unser Buch an. Wir vermitteln das linguistische Basiswissen, das jeder Pädagoge braucht.
 
Das klingt nun aber mehr nach schwerer Kost und abendlichen Studien, nicht nach spielerischem Vergnügen?
Nun, für die Pädagogen ist die Lektüre je nach Vorbildung sicher stellenweise hartes Brot. Wir haben uns bei dem Aufbau des Buches an der Einteilung der linguistischen Teildisziplinen orientiert. In jedem Kapitel beschreiben wir zunächst den Untersuchungsgegenstand, also in der Morphologie z.B. die Flexion – da gibt es schon einiges an Terminologie zu lernen und zu verstehen. Dann erklären wir, warum und in welchen Bereichen dies für den kindlichen Spracherwerb wichtig ist. Und jedes Kapitel endet mit einer Vielzahl von Spielvorschlägen, mit denen wichtige Kompetenzen spielerisch eingeübt werden können. Das ist dann das »Zuckerl« – vor allem natürlich für die Kinder.

Ihr Buch ist also primär für ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen?
So hatten wir es seinerzeit konzipiert. Allerdings hat uns die politische Entwicklung hier schon wieder überholt. Das Recht auf einen Betreuungsplatz für unter Zweijährige und der forcierte Ausbau der Ganztagesschulen hat zu einem massiven Engpass an qualifiziertem Personal geführt. Überall werden nun Tagesmütter, Sozialpädagogen oder auch nur ehrenamtlich Engagierte für die Kinderbetreuung eingesetzt. Diese Personen sind noch viel weniger für die heikle Aufgabe der Sprach- und Schriftsprachvermittlung ausgebildet. So sind eigentlich auch wieder die Eltern in der Pflicht.
 
Gerade für Kinder mit Migrationshintergrund bedeutet das jedoch eine massive Benachteiligung. Denn einerseits verpflichtet die Politik v.a. Kindergärten und Nachmittagseinrichtungen zunehmend, für den Erwerb des Deutschen als Zweit- oder gar Drittsprache einzustehen, andererseits wird bei den dafür Zuständigen keine adäquate Ausbildung verlangt. Wenn Sie aber nicht wissen, dass es z.B. im Türkischen kein Genus – der, die, das – gibt und deshalb »seine Tasche« und »ihre Tasche« immer »çantasι« heißt, dann können Sie einem türkischen Kind auch viel schlechter helfen. Deshalb berücksichtigen wir in jedem Kapitel auch die spezifischen Probleme, die Kinder mit türkischer, italienischer oder russischer Muttersprache haben.
 
Insofern ist das Buch eigentlich ein »Muss« für alle, die mit der Vermittlung von Sprache, Lesen und Schreiben des Deutschen zu tun haben – egal, ob in Kindergarten, KiTa, Schule, Hort, Hausaufgabenbetreuung, Integrationsprojekt oder auch als gestresste Eltern.
 
Was ist das Besondere des Buches?
Es hat einen hohen praktischen Nutzen, indem es auf seine Leserschaft genau zugeschnitten ist. Wir versuchen den Spagat, einerseits ein so komplexes Forschungsgebiet wie die Linguistik für jedermann und jede Frau verständlich darzustellen, ohne andererseits durch zu grobe Vereinfachung wissenschaftlich Falsches zusagen. Dabei stehen die Besonderheiten beim Sprach- und Schriftspracherwerb im Vordergrund. Und vor allem: Wir schlagen für die verschiedenen Altersgruppen Spiele vor, mit denen die zentralen Kompetenzen gefördert und eingeübt werden. Wir bilden »Bandwurmwörter« – auch ein typisch deutsches Phänomen – kochen »Wortsalat«, erfinden »Geheimsprachen« und bilden Nonsense-Sätze wie »Onkel Otto plätschert lustig in der Badewanne«. Das macht allen Spaß! Und wer Spaß hat, lernt leichter und behält das Gelernte länger im Gedächtnis. Daher auch das Motto unseres Buches »Deutsche Sprache spielend lernen«!


Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
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