10.09.2012

Perspektivwechsel für das Gelingen inklusiven Lernens

Guten Tag, Herr Professor Zimpel, worum geht es in Ihrem Buch?

Es dreht sich um drei Kernkompetenzen: um Perspektivwechsel, Teilhabe und Unterricht. Für diese drei Kernkompetenzen hat die Evolution menschliche Gehirne optimiert. Sie machen menschliche Lernkulturen zu dem, was sie sein können: zu einer unerschöpflichen Quelle der Kreativität, des gegenseitigen Vertrauens und des Ansporns für gemeinsame Anstrengungen. Da stellen sich wie von selbst bange Fragen: Wie artgerecht ist eine Schule, in der Einanderhelfen als Schummeln denunziert wird? Wie menschlich sind Schulen, die den Konkurrenzkampf um Zensuren schüren? Für welche Zukunft kann eine Schule, die für eine Karriereplanung missbraucht wird, als Sprungbrett dienen?

Warum sind Ihnen diese drei Kernkompetenzen so wichtig?

Forschungsergebnisse zu diesen drei Kernkompetenzen haben innerhalb von nur zwei Jahrzehnten unsere bisherigen Auffassungen vom Wesen des Menschen vom Kopf auf die Füße gestellt: Helfen, faires Teilen und gegenseitiges Informieren (Unterrichten) sind angeborene Potenziale. Sie müssen Kindern nicht erst anerzogen werden. Ohne positive kulturelle Erfahrungen verkümmern diese angeborenen Fähigkeiten jedoch. Das ist wie mit dem Weitsprung bei Kängurus, der Unterwasserjagd bei Schwertwalen, dem Sprint bei Leoparden und dem Nachtflug bei Fledermäusen.

Inklusion ist ein aktuelles Thema. Die Frage »Wie kann Inklusion gelingen?« brennt vielen unter den Nägeln. Welche Antworten ergeben sich aus diesen Forschungsergebnissen?

Einerseits schafft Inklusion in Schulen den idealen Rahmen, lebendige Erfahrungen beim gegenseitigen Helfen zu sammeln. Andererseits ist hier die Gefahr der Einseitigkeit der Hilfe besonders groß. In der Praxis zeigt sich immer wieder: Hilfe beim Lernen zu verkraften, kostet manchmal sogar mehr Kraft als das Helfen selbst. Helfen stärkt dagegen oft die Helfenden in ihrem Selbstwertgefühl. Helfen kann sogar Suchtcharakter annehmen. Ein entscheidender Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist, ob Menschen mit Beeinträchtigungen nur als Hilfe Empfangende gesehen oder auch als Helfende anerkannt werden. Der Kreislauf gegenseitiger Hilfen (Hyperzyklus) beim Lernen fördert die Bildung individualisierter Gemeinschaften. Wichtig dabei ist, dass gegenseitiges Helfen freiwillig bleibt und sich spontan aus der Lernsituation ergibt.

Glauben Sie die ersten Schritte einzelner Schulen sind bereits die richtigen auf dem Weg zum gemeinsamen, inklusiven Lernen?

Es gibt wunderbare Beispiele für gelingende individualisierte Gemeinschaften in Schulen. Traurig ist, dass Leistungsdruck und Sparpolitik dieses Gelingen immer wieder unterwandern. Da helfen dann auch keine jahrzehntelangen Erfahrungen mit Integration und kooperativen Lernformen. Schulpreise bleiben nur Trostpflaster auf einem viel tiefer liegenden Problem: Bildung soll wie ein Produkt messbar sein und Lernende wie Aktenordner gefüllt werden. Hier brauchen wir unbedingt ein Umdenken.

Was steht diesem Umdenken im Wege?

Viele Eltern und Behörden glauben, den derzeitigen Stau in unserem Bildungssystem auflösen zu können, indem sie ständig neue »Fahrzeuge auf die Autobahn« senden. Was in diesem Teufelskreis eines »immer mehr in weniger Zeit« zu kurz kommt, sind Achtung und Vertrauen. Andere wiederum verwechseln schulisches Lernen mit einem Quiz: Millionär wird, wer alle Fragen richtig beantwortet. Der Rest muss sich mit weniger zufriedengeben. Die Schülerinnen und Schüler lernen so schon sehr früh, nur das zu sagen, was man von ihnen hören will. Dabei lernen sie aber auch, die Fragen, die sie wirklich bewegen, zu vernachlässigen. Außerdem leidet ihre Eigenwahrnehmung, weil man ihr Können und Wissen ausschließlich von außen beurteilt.

Welche Bedeutung haben die typisch menschlichen Fähigkeiten, Hilfe anzunehmen und zu helfen, für die geistige Entwicklung von Kindern?

Die Chance, sich als hilfreich für andere zu erleben, ist der überzeugendste Beleg dafür, dass man über eine Fähigkeit tatsächlich verfügt. Das ist überzeugender als jede Zensur. Das Erleben von Selbstwirksamkeit beim Helfen fördert die geistige Entwicklung in viel stärkerem Maße als jeder auswendig gelernte Wissenskanon und jedes noch so umfangreiche Übungspensum. Gerade in inklusiven Klassen ist es deshalb wichtig, auch Lernenden mit Förderbedarf regelmäßig die Gelegenheit einzuräumen, anderen zu helfen. Denn die positiven Emotionen beim Helfen sorgen für die Nachhaltigkeit des Lernens. Die beste Vorbeugung gegen Lernschwierigkeiten ist nun einmal die Freude am Lernen. Wenn wir uns an Gelerntes erinnern, erinnern wir auch die Emotion, die das Lernen begleitete - und Hirnscans zeigen: Helfen macht glücklich.

Was ist das Besondere an Ihrem Buch?

Das Kooperative Dreieck. Es bietet einen Werkzeugkasten für Lehrende mit inklusiver Absicht und ist darüber hinaus auch eine Landkarte, die einen wissenschaftlich-rationalen Ausblick über ein emotional vermintes Gelände erlaubt. Schließlich ist das Thema »Helfen« ja überfrachtet mit moralischen Erwartungen und Erwartungserwartungen. Sie künden von Heldentaten und menschlichen Abgründen, lassen Menschen weit über sich selbst hinauswachsen und wecken in ihnen tiefe Schuldgefühle. Jenseits dieser Dramatik lädt das Buch ein, mehr auf diese biopsychosozialen Triebkräfte des Helfens zu achten. Dafür bietet das Buch viele Praxisbeispiele. Als Kompass dient das »kooperative Dreieck« mit seinen Zeigern: Perspektivwechsel, Teilhabe und Unterricht.


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