05.09.2014

Rudolf Stich im Lichte neuer Forschung

Der Göttinger Ehrenbürger, berühmte Chirurg und Dekan der Medizinischen Fakultät war auch ein überzeugter Nationalsozialist und »guter SA-Mann«.
Katharina Trittel, Dr. Stine Marg und Bonnie Pülm über eine ambivalente Göttinger Persönlichkeit.

Ein Interview:

Guten Tag zusammen!
Sie sind Mitarbeiterinnen am Göttinger Institut für Demokratieforschung – arbeiten also im ehemaligen Wohnhaus von Rudolf Stich, das vielen Göttingern noch als »Villa Stich« bekannt ist. Welche Rolle spielt dieser Zusammenhang für die Entstehung des Buches?

 
Dr. Stine Marg: Der Einzug des Instituts für Demokratieforschung in das Haus im Oktober 2010 warf Fragen auf, woher der Name des Gebäudes kommt und in welcher Tradition es steht. Wir mussten nach ersten Recherchen überrascht feststellen, dass Stich zwischen 1933 und 1945 nicht nur seine Pflicht getan, sondern auch das nationalsozialistische Regime aus tiefster Überzeugung heraus bis zuletzt unterstützt hat. Gleichzeitig jedoch schien all dies in der jungen Bundesrepublik keine Rolle mehr zu spielen – sondern ganz im Gegenteil: Ihm wurden posthum selbst noch 1985 Ehrungen für seine Verdienste als Chirurg und Hochschullehrer zuteil. Während wir uns in einem interdisziplinären Forschungsprojekt auf seine Funktionen und Rollen im NS konzentrierten, möchten wir mit unserem Buch genau diesen Zusammenhang erklären.
 
Wer war Rudolf Stich?
 
Bonnie Pülm: Rudolf Stich war in gewisser Weise ein typischer Vertreter des protestantisch-bildungsbürgerlichen Milieus. Er wurde 1875, im gleichen Jahr wie sein weit bekannterer Kollege Ferdinand Sauerbruch, als Arztsohn geboren. In Göttingen wurde er im Jahre 1911 als eines der jüngsten Mitglieder der Hochschullehrergruppe aufgenommen, leitete die chirurgische Klinik – eine Aufgabe, die er bis 1945 ausfüllte. Während des Nationalsozialismus war er nicht nur Mitglied in diversen nationalsozialistischen Einheiten, sondern übernahm – obwohl er die Altersgrenze längst überschritten hatte – unter anderem das Amt des Dekans der Medizinischen Fakultät. Es wird an ihn als herausragender Lehrer erinnert, der hunderte von Chirurgen ausgebildet hat. Zudem war er ein besonders talentierter Operateur, dem zahlreiche Patienten ihr Leben verdanken.
 
Sie sprachen oben von den Ehrungen, die Rudolf Stich nach 1945 erhalten hat, und sprechen von einer positiven Erinnerungskultur. Können Sie uns einige Beispiele benennen?
 
Bonnie Pülm: Wir kamen mit diesen positiven Erinnerungen ganz direkt in Berührung, da an unserem Institut seit 1985 eine Plakette angebracht war, die daran erinnerte, dass Stich in der Villa gewohnt hatte. Solche Plaketten, die an prominente Bürger erinnern, finden sich an vielen Häusern in Göttingen. In unserem Fall wurde sie 2010 entfernt und lagert seitdem in unserer Bibliothek. Des Weiteren ist Stich an seinem 80. Geburtstag, also im Jahr 1955, zum Göttinger Ehrenbürger ernannt und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Auch die Universität würdigte ihn durch die Albrecht-von-Haller-Medaille. Zudem stand lange Zeit eine Büste vor seiner ehemaligen Wirkungsstätte, dem Jacob-Grimm-Haus, in dem heute das Seminar für Deutsche Philologie beheimatet ist. Noch eindrücklicher als diese Manifestationen von Ehrungen sind jedoch die Legenden, die über Stich noch immer in der Stadt kursieren. So hält sich hartnäckig das Gerücht, Stich sei 1945 mit einer weißen Fahne den Amerikanern entgegen gefahren und habe somit die Stadt »gerettet«.
 
Decken Sie in Ihrem Buch Dinge auf, die wir bisher noch nicht wussten?
 
Katharina Trittel: Nun, das Interessante an der Biographie von Rudolf Stich ist – man hätte viele Dinge eigentlich schon früher wissen können – sie wurden nur systematisch verdrängt, während andere Taten konsequent in den Vordergrund geschoben wurden. Aber seine Funktion als Beratender Arzt der Wehrmacht, seine Einbindung in die sogenannte »kriegswichtige Forschung«, für die er, wie wir jetzt wissen, sogar ausgezeichnet wurde, seine persönliche Bewunderung für Hitler, seine Unterstützung und Förderung eugenischer Maßnahmen und schließlich seine Verwicklung als Dekan in Medizinverbrechen – werden ebenso erstmals mit Quellen belegt wie sein Entnazifizierungsverfahren. Wir haben empirisch gearbeitet, und z. B. diese Entnazifizierungsakten eingesehen – in der bisherigen Forschung waren diese gänzlich unberücksichtigt. Auch dass Stich erst am 13. Juni 1945, mehr als zweieinhalb Monaten nachdem Einzug der amerikanischen Alliiertentruppen in Göttingen, verhaftet wurde, ist ein neues Detail. Folgt man den bisherigen Darstellungen, könnte man annehmen, Stich sei lediglich ein »Opfer« der Politik des »automatic arrest« geworden. Wir können nun nachweisen, dass das nicht der Fall war.
Zudem ermöglichte uns der Nachlass seines berühmtesten Schülers und engen Freundes Karl Heinrich Bauer erstmals einen persönlicheren Blick auf Stich zu werfen und sich dem Menschen hinter dem Arzt anzunähern. Aus seinen Briefen haben wir viel über Stichs Wertvorstellungen und seine Charakterzüge erfahren – dieser Nachlass war bis dato ein ungehobener Schatz.
 
Sie finden Zugang zur ambivalenten Geschichte von Rudolf Stich nicht in Form einer klassischen Biografie, sondern Sie sprechen von einem ›biografischen Kaleidoskop‹. Was hat es damit auf sich?
 
Dr. Stine Marg: Rudolf Stich war wie so viele Menschen – um jetzt einmal die klassischen Klischees zu benutzen – weder ein Gewaltverbrecher noch ein Held. Gerade dies macht die Auseinandersetzung mit ihm so schwierig und interessant zugleich. Wir wollten nicht aus der »bequemen« Situation heraus lediglich anklagend den Finger erheben, sondern uns mit der gewählten Methode einer komplexen Realität annähern, die sich nun mal nicht in schwarz und weiß beschreiben lässt. Statt als Autorinnen ein konsistentes Bild zu präsentieren, wollten wir der Ambivalenz der Quellenlage in der biographischen Erzählung gerecht werden. Darum schreiben wir nicht eine stringente Biographie, sondern beleuchten die verschiedenen Rollen, innerhalb derer Stich agierte:
Rudolf Stich war ein guter Arzt, der seinen Job herausragend ausgefüllt hat und er war Nationalsozialist. Er war sowohl Vorbild für seine Schüler under hat dennoch als Mediziner auch damals geltende ethische Normen verletzt. Indem wir die Person aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, das Kaleidoskop sozusagen schütteln, setzt sich das Bild, das wir erhalten, immer wieder unterschiedlich zusammen und dennoch erkennen wir jedes Mal wieder ein klares Muster. Dadurch wird deutlich, dass man Widersprüche und Ambivalenzen in einer Biografie nicht auflösen muss, um zu einer Vorstellung von dem gelebten Leben, seinen Handlungsspielräumen und Restriktionen zu kommen.
 
Auf diese Weise überlassen Sie es dem Leser, sich selbst ein Bild von Rudolf Stich zu machen. Wie beurteilen Sie ganz persönlich die Biografie von Rudolph Stich?
 
Katharina Trittel: Rudolf Stich war eine prinzipientreu agierende Persönlichkeit – dessen Überzeugungen und Prägungen letztlich für eine hohe Anschlussfähigkeit an die nationalsozialistische Ideologie sorgten. Stich war überzeugter Nationalsozialist, ein »guter SA-Mann«; das betraf vor allem seine Vorstellungen von Gemeinschaft und Führertum, die auch im privaten Rahmen eine hohe Gültigkeit für ihn besaßen.
 
Welche Faktoren sind maßgeblich dafür, dass Stich trotz seiner im Nationalsozialismus eingenommenen Rollen so positiv im Gedächtnis der Stadt Göttingen, der Universität Göttingen und der Ärzteschaft überhaupt verhaftet ist?
 
Bonnie Pülm: Rudolf Stichs Familie, seine Kollegen und Schüler betrieben nach 1945, aber vor allem nach seinem Tode im Jahr 1960, eine aktive Erinnerungspolitik, in der lediglich sein menschliches Vorbild und seine herausragenden Fähigkeiten als Chirurg betont wurde. Hinzu kommt eine zögerliche Aufarbeitung des ärztlichen Berufsstandes und auch der Universitäten insgesamt – vor allem bis in die 1980er Jahre hinein.
 
Was wünschen Sie sich für Ihr Buch?
 
Katharina Trittel: Wir wünschen uns für das Buch, dass es jenseits von Pauschalurteilen dazu einlädt, sich kritisch mit individuellen Lebenswegen im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Bisher sind viele wertvolle Gesamtbetrachtungen erschienen. Dennoch sind oftmals, auch noch in jüngster Vergangenheit, Verdrängungs- und Verurteilungsstrategien im Umgang mit dem Nationalsozialismus beobachtbar – dies gilt besonders für wissenschaftliche Schulen und innerhalb akademischer Traditionen. Hier besteht jenseits der Beschreibung herausstechenden Täterbiografien in einigen Fächern noch Aufarbeitungsbedarf.
 
Vielen Dank für Das Gespräch.


Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
Es ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Stand: 03.09.2014.


Titel zur News

  (1 Titel)
Thema:
Produktform:
Sortieren nach: