15.01.2015

Stress!

Dick durch Stress, Stress am Steuer, digitaler Stress: Als symptomatischer Begriff unserer Zeit steht Stress für unterschiedliche Zustände individueller Erschöpfung (bis zum „Burnout“), aber auch für gesellschaftliche Spannungsverhältnisse. Einem „Stresstest“ werden besonders Organisationen und komplexe Systeme wie Banken oder Kraftwerke ausgesetzt, deren „Resilienz“ gesteigert werden soll. Was hat den Stress zu einem so populären Erklärungsmodell gemacht – weit über medizinische Kontexte hinaus? Die Beiträge dieses Themenhefts zeigen: Stress ist nicht nur der Preis der westlichen Leistungsgesellschaften des 20. Jahrhunderts, sondern auch ihre Ressource, ein Motor der Flexibilisierung.

Spätestens in den 1970er-Jahren wurde Stress zur Pathologie des flexiblen Menschen schlechthin. Stressbewältigung – verstanden als leistungssteigernde Erholung – wurde Ziel einer Selbstverpflichtung und Körperpolitik, die bis in die Stretch-Kleidung der Aerobic-Bewegung dem Prinzip Elastizität folgte. Die Autorinnen und Autoren dieses Hefts interpretieren Stress nicht vorrangig als Überlastungsdiskurs, wie es in der gegenwärtigen (vornehmlich sozialwissenschaftlichen) Literatur überwiegend geschieht, sondern sie betrachten auch die Kraft von Stress als Optimierungstechnik. Aus zeithistorischer Perspektive lässt sich zeigen, wie Stress zum Gegenstand von Interventionen und Selbsttechnologien geworden ist, deren Ziel nicht Stressfreiheit ist, sondern ein adäquater Umgang mit dem normalen Ausnahmezustand. Wissenschaftliche, technische, politische und soziale Entlastungskonzepte zielten und zielen auf die Verbesserung von Menschen und Institutionen, die sich wachsenden Leistungsanforderungen und Risiken gegenüber als robust und anpassungsfähig erweisen sollen, um den ständig drohenden Kollaps abzuwenden. Eine Historisierung derartiger Diskurse und Praktiken muss wissenschafts-, sozial-, kultur- und körpergeschichtliche Aspekte verbinden.

Zentral für das Stresskonzept ist das Modell einer dynamischen Anpassung. Der Mediziner Hans Selye hatte seit den 1930er-Jahren die Adaptation des Körpers an unspezifische Belastungen beschrieben und Hormone für die physische Resistenz verantwortlich erklärt. In der Bundesrepublik, so legt Hans-Georg Hofer in seinem Aufsatz dar, fand Selyes Konzept jedoch kaum positive Resonanz. Dies änderte sich in den 1960er-Jahren, als Stress mit der Diskussion um Herz- und Kreislauferkrankungen verbunden wurde. Stress eignete sich nun als integrierender Leitbegriff von Disziplinen wie Sozialmedizin, Psychosomatischer Medizin, Arbeitsmedizin und Präventivmedizin. Weit über die wissenschaftliche Verwendung hinaus wurde der Stressbegriff populär, weil er zeitdiagnostisches Deutungspotential gewann – als eine Verständigungsplattform der Verunsicherten. Cécile Stephanie Stehrenberger arbeitet in ihrem Beitrag heraus, wie Stress im Kontext des Kalten Kriegs als Laborobjekt aus der Medizin in die Sozialwissenschaften eintrat: Für die US-amerikanische Katastrophenforschung wurde Stress ein Leitbegriff, um das Verhalten von Individuen und Gruppen in so unterschiedlichen Extremsituationen wie Schneestürmen, Tornados und sozialen Aufständen zu erforschen. Seit den 1970er-Jahren wurden komplexe Mensch-Umwelt-Systeme zum Gegenstand einer neuen Stressforschung. Sabine Höhler geht in ihrem Aufsatz dem transdisziplinären Konzept der Resilienz nach, dem neuen Ideal eines multistabilen Systems. Ob Mensch, Technik oder Umwelt – das einkalkulierte Systemversagen wurde zur Bedingung für die Selbstoptimierung des Systems, das aus unberechenbaren Krisen und Katastrophen gestärkt hervorgehen sollte. Der Kollaps wurde nicht mehr als ein das moderne Selbstverständnis unterlaufendes Problem gedeutet, sondern als ein Motor der Evolution.

Jörg Neuheiser veranschaulicht diesen Aufruf zum aktiven Umgang mit Stress anhand von Werkszeitungen und gewerkschaftlichen Flugblättern im Stuttgarter Daimler-Werk. Während der 1970er- und 1980er-Jahre waren Rationalisierung, Stress, Lebensqualität und die humane Gestaltung von Arbeitsplätzen in der Industrie Teile ein und desselben Diskurses, selbst wenn der Stressbegriff dabei nicht immer im Mittelpunkt stand. Die Frage, wie der beobachtete zunehmende „Leistungsdruck“ verhandelt wurde, ist auch Gegenstand einer Diskussion über Kontinuitäten und Brüche im Verlauf des 20. Jahrhunderts, für die das Stresskonzept gleichsam als Sonde dienen kann. Brigitta Bernet, Lutz Raphael, Dietmar Süß und Nina Verheyen erörtern, in welchem Verhältnis die jüngere Entwicklung seit den 1970er-Jahren und ältere Überforderungsdiskurse seit dem Ende des 19. Jahrhunderts stehen. Wie produktiv kann der Stressbegriff gerade im Hinblick auf breitere zeithistorische Fragen zur Ära „nach dem Boom“ seit den 1970er-Jahren sein? In der Rubrik „Neu gelesen“ erinnern Cornelius Borck, Philipp Hauß und Robert Suter außerdem an die Entstehung von Schlüsselbegriffen wie „Homöostase“ , „Wellness“ und „Risikofaktoren“. Susanne Bauer fragt anhand von Alexander Sinowjews Roman „Homo Sovieticus“ (1982), welchen Raum das „Ausspannen“ in der Sowjetunion erhielt. In der Rubrik „Neu gesehen“ betrachtet Heiko Stoff schließlich den Film „Zur Sache, Schätzchen“ (1968) als Zeitdokument für Gegenentwürfe zum Stress. Zusätzlich zur Druckausgabe bietet die Website ergänzendes Bild- und Filmmaterial.

von Marion Schlöttke (Öffentlichkeitsarbeit, Zentrum für Zeithistorische Forschung)

Die „Zeithistorischen Forschungen“ werden am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (http://www.zzf-pdm.de) herausgegeben von Frank Bösch, Konrad H. Jarausch und Martin Sabrow. Die Zeitschrift erscheint gedruckt im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (http://www.v-r.de) und zugleich im Open Access (http://www.zeithistorische-forschungen.de).

Quelle: https://www.idw-online.de/de/news620304

 


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Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History (ZF) ist eine neue Zeitschrift zu Fragen der Zeitgeschichte in deutscher, europäischer und globaler Dimension.


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