30.06.2015

Tango in Paris und Berlin - ein Interview mit der Autorin

Tango in Paris und Berlin. Eine transnationale Geschichte der Metropolenkultur um 1900
Ein Interview mit Dr. Kerstin Lange, Historikerin

Wie sind Sie dazu gekommen, sich für die Geschichte des Tango zu interessieren?
 
Am argentinischen Tango fasziniert mich die Musik, besonders das Bandoneon (eine Harmonika). Kaum jemand weiß, dass das Bandoneon ein deutsches Instrument ist, das von Heinrich Band im 19. Jahrhundert im Erzgebirge entwickelt wurde. Dieses Detail ist nur einer von vielen Aspekten, die mich am Tango interessieren: Das Zusammenspiel verschiedener kultureller Transfers und damit verschiedener Geschichten der Migration, der Übersetzung und der Aneignung.

Die europäische Geschichte des Tango ist bis heute kaum bekannt. Mit dem argentinischen Tanz verbinden sich viele exotische Bilder und Vorstellungen. Sobald man jedoch erzählt, dass es auch eine lange Tangotradition in Finnland oder der Türkei gibt, dass in Berlin bereits um 1900 Tango getanzt wurde und dass Paris bis heute für die Entwicklung des Tango eine wichtige Rolle spielt, ruft das Verwunderung hervor. Die Spuren dieser transnationalen Geschichten sind verwischt. Es gilt daher, ein Stück Geschichte zu schreiben, das bisher verborgen blieb und zu zeigen, dass Kultur niemals statisch ist und keinen eigentlichen Ursprungsort besitzt.
 
Sie sprechen in Ihrem Buch davon, wie der Tango von Argentinien nach Europa gelangte. Wie ging dieser Kulturtransfer vonstatten?
 
Die Zunahme globaler Verflechtungen veränderte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Auch die kulturelle Landschaft veränderte sich, allen voran galt das für die Kultur der Metropolen. Durch verbesserte Verkehrsverbindungen und neue technische Möglichkeiten wurde der kulturelle Austausch einfacher und schneller. Kulturelle Akteure etwa reisten zu Plattenaufnahmen aus Argentinien in die USA oder nach Europa; Künstler und Künstlerinnen nahmen weltweit Engagements auf den Bühnen großer Music Halls oder Theater an. Die populäre Kultur in den europäischen Metropolen wurde immer mehr zu dem, was wir heute als Unterhaltungskultur kennen: sie war kommerziell organisiert und die Programme zirkulierten rund um den Globus. So gelangte auch der Tango nach Paris und Berlin.
 
Warum beschäftigen Sie sich ausgerechnet mit dem Tango in Paris und Berlin? Welche Unterschiede gab es im kulturellen Leben der beiden Städte?
 

Paris war für den Erfolg des Tango in Europa eine wichtige Station. Erst nachdem der argentinische Tanz dort populär geworden war, begann man auch in Berlin, den »französischen Tango« zu tanzen. In Berlin reagierte man aber in vielerlei Hinsicht skeptischer und kritischer auf diese Veränderungen als in Paris. Hier gab es beispielsweise polizeiliche Verbote und vehemente Auseinandersetzungen in der Presse, die – erfolglos – versuchten, den Tango wieder aus den Tanzlokalen zu verdrängen. In beiden Städten waren der Tango und andere amerikanische Ragtimetänze geradezu eine Revolution auf dem Feld der Gesellschaftstänze.
 
Und welche Rolle spielt Buenos Aires in Ihrem Buch?
 
Buenos Aires war um 1900 eine der größten Städte der Welt und bezeichnete sich selbst gerne als das Paris Lateinamerikas! Das Angebot an Unterhaltungskultur in der Stadt war vielfältig und international renommiert. Gleichzeitig existierte eine populäre Kultur an den Rändern dieser Großstadt, wo der Tango im Kontext prekärer Lebensverhältnisse europäischer Einwanderer und argentinischer Landarbeiter entstand. Diese urbane Entstehungsgeschichte des Tango spielt eine wichtige Rolle.
 
 Wie waren die Reaktionen auf den neuen Tanz in Europa?
 
Dies ist eine der zentralen Fragen in meinem Buch, denn die Ankunft des Tango in Paris und Berlin löste auch Auseinandersetzungen und Konflikte aus. Der Tango war kein beliebiges exotisches Detail, das in die Unterhaltungskultur aufgenommen wurde. Tatsächlich mussten die Bedingungen des »Kulturimports Tango« erst ausgehandelt werden. An den Argumenten der Befürworter und der Gegner des Tango sind sowohl das Interesse, als auch Versuche der Kontrolle und die Ablehnung eines solchen Imports abzulesen. Die zeitgenössischen Diskussionen um Ordnung, Moral und Sittlichkeit zeigten auch, wie sehr die bürgerlichen Wertmaßstäbe durch die Veränderungen der populären Kultur herausgefordert wurden.
 
Was bedeutet der Tango für die Kultur der Metropolen?
 
Die populäre Kultur in den Metropolen war um die Jahrhundertwende im Umbruch begriffen, der eng mit den globalen Entwicklungen zusammenhing. Die zunehmende Internationalisierung des Unterhaltungsangebotes rief Fragen nationaler Identität, Konkurrenz und das Bedürfnis nach Abgrenzung der Städte untereinander hervor. Welche Rolle der Tango dabei spielte, erläutere ich genauer in meinem Buch.
 
Ist das ein Buch für Tangotänzer- und tänzerinnen?  

Ja, das ist auch ein Buch für Tangotänzer- und tänzerinnen! Und es ist ein Stück faszinierende Tangogeschichte in Paris und Berlin. Gleichzeitig zeigt es auch, wie sich »die Welt« in der Stadt präsentierte und wie sich die Kultur der Metropolen in diesen Jahren veränderte.
 
Liebe Frau Dr. Lange, vielen Dank für das Gespräch!
 

© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Gespräch führte Maren Döpke. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke! (Stand: 24.06.2015)


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