Salina Braun
Heilung mit Defekt
Psychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820–1878
1. Auflage 2008
514 Seiten mit 26 Tab. Leinen
ISBN 978-3-525-35853-5
Vandenhoeck & Ruprecht
Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte - Band 203
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Als »Heilung mit Defekt« bezeichnete Pfarrer Dauzenberg 1863 den Entlassungsstatus von Johanna Elisabeth R. aus der renommierten Irren-Heilanstalt Siegburg bei Bonn. Was aber hieß es im 19. Jahrhundert, ein »heilbarer«, was, ein »unheilbarer« Fall zu sein? Wie kam es bei den Anstaltspatienten zur Aufnahme, wie wurden die Betroffenen in den Institutionen behandelt und was passierte nach ihrer Entlassung? Diesen Fragen nähert sich die Arbeit aus verschiedenen Perspektiven: aus der Sicht der Ärzte, der Geistlichen, der Patienten und ihrer Angehörigen.
Als Schauplatz der Untersuchung dienen zwei repräsentative Heil- und Pflegeanstalten: die Siegburger Heilanstalt und das hessische Hohen Hospital Hofheim in der Nähe von Darmstadt. Sie erfüllten, jede auf ihre Weise, eine gesellschaftliche Doppelfunktion, nämlich Heilung und Verwahrung der Betroffenen. Anhand von überlieferten Krankenakten werden Einsichten in das Aufnahme- und Entlassungsgeschehen, aber auch Binnensichten in den Anstaltsalltag möglich. Der Wandel von Krankheitskonzepten und Behandlungsmethoden sowie die Beharrungskraft der Praxis werden deutlich. Zudem kommen Interaktionsmuster zwischen den verschiedenen Akteuren, Konfliktlinien innerhalb der Anstalten und außerhalb bei den betroffenen Familien, aber auch Reaktionsweisen der Betroffenen auf das Leben in den Anstalten, zum Vorschein. Eines wird trotz aller ärztlichen Bemühungen um eindeutige Klassifikationen und Prognose offensichtlich: Eine klare Trennungslinie zwischen »heilbaren« und »unheilbaren« psychiatrisch Erkrankten war trotz des medizinischen Deutungsanspruchs nicht möglich.

