15.07.2014

Von der unglaublichen Welt des Dieudonné...

erzählt das neue INDES-Heft (»Tabus«, erscheint am 16.7.2014):

Eine Kostprobe von Teresa Nentwig:
Von Klössen, einem Elefantengesicht und Pornografie
Die unglaubliche Welt des Dieudonné

 

»Und Toooooooooor! Schießt ein Fußballer ein Tor, kann er seine Freude auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck bringen: Er kann zum Beispiel die Arme hochreißen, einen Luftsprung machen oder einen Teamkollegen um­armen. Der französische Profifußballer Nicolas Anelka wählte am 28. De­zember 2013 eine andere Möglichkeit. Bei einem Ligaspiel seines englischen Vereins West Bromwich Albion feierte er seinen Ausgleichstreffer mit einer Quenelle: Er streckte seinen rechten Arm dem Körper entlang in Richtung Boden; die linke Hand kreuzte den Oberkörper, wobei alle fünf Finger flach auf den Arm gelegt wurden. Einfacher ausgedrückt: Anelka reagierte auf sein Tor mit einem umgedrehten Nazigruß.

 

In Frankreich löste diese Geste einen Sturm der Entrüstung aus. Die damalige Sportministerin Valérie Fourneyron sprach noch am gleichen Tag auf Twitter von einer »schockierenden, ekelerregenden Provokation«1. Auf einem Fußballplatz hätten Antisemitismus und Anstiftung zum Hass nichts zu su­chen, so die Ministerin weiter. Anelka hingegen betonte, dass er »weder Ras­sist noch Antisemit«2 sei. Der Quenelle-Gruß »war lediglich eine besondere Widmung für meinen Freund, den Humoristen Dieudonné«. Der englische Fußballverband FA sah das anders: Er hielt die Quenelle für antisemitisch und sperrte Anelka Ende Februar 2014 für fünf Spiele. Außerdem wurde der Franzose zu einer Geldstrafe von 80.000 £ (etwa 97.300 ) verurteilt und zum Besuch eines Aufklärungskurses verpflichtet.
 

Um seinen »Bruder«5 Anelka zu verteidigen und sich mit ihm zu solidari­sieren, wollte Dieudonné, der Schöpfer der Quenelle, nach England reisen. Da­raus wurde jedoch nichts, denn das britische Innenministerium verweigerte ihm die Einreise. Einreiseverbote gegen Individuen würden verhängt, wenn es Bedenken hinsichtlich der öffentlichen Ordnung oder der öffentlichen Si­cherheit gebe, hieß es zur Begründung. Dieudonné steht damit unter ande­rem in einer Reihe mit den russischen Skinheads und Serienmördern Pavel Skachevsky und Artur Ryno, die ebenfalls nicht nach Großbritannien kom­men dürfen. Auf den Beschluss des britischen Innenministeriums reagierte Dieudonné übrigens auf seine Weise: Bei seinem Auftritt im schweizerischen Nyon machte er eine Quenelle gegenüber »all diesen Leuten, die Dieudonné angreifen«, eingeschlossen »die Königin von England«.

 

Einreiseverbot für Dieudonné – dass es einmal so weit kommt, wäre noch vor einigen Jahren niemandem im Traum eingefallen. Um die Jahrtausendwende zählte Dieudonné – zu Deutsch übrigens »der Gottgegebene«, für seine Fans »Dieudo« – jenseits des Rheins noch zu den besten Komikern des Landes. Er füllte die größten Hallen, erhielt Auszeichnungen, trat auch als Schauspieler auf, darunter 2002 in »Asterix & Obelix: Mission Kleopatra«. Zuvor hatte Dieudonné das hingelegt, was man wohl als Blitzkarriere bezeichnen kann.
 

Dabei sah es anfangs nicht danach aus, dass Dieudonné eines Tages zu den größten Komikern Frankreichs gehören würde. Dieudonné M’bala M’bala, der stets nur unter seinem Vornamen auftritt, wurde 1966 in einer Kleinstadt bei Paris geboren und wuchs in einem kleinbürgerlich-intellektuellen Milieu auf. Seine Mutter stammte aus der Bretagne und studierte damals Soziologie; sein Vater, ein gebürtiger Kameruner, arbeitete als Buchhalter. Nachdem sich Dieudonnés Eltern relativ bald nach seiner Geburt getrennt hatten, kehrte sein Vater nach Kamerun zurück und gründete dort eine neue Familie. Mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder zog Dieudonné, der katholisch ge­tauft ist, mehrfach im Großraum Paris um, wobei die Familie nicht in Hoch­haus-, sondern in Bungalowsiedlungen lebte. Sonntags stand regelmäßig ein Kirchenbesuch auf dem Programm. Doch so behütet, wie es sich anhört, waren seine Kindheit und Jugend nicht…

(INDES 2-2014, »Tabus«, S. 96f.)

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