19.12.2013

Was haben »Tschernobyl« und »Serengeti darf nicht sterben!« miteinander zu tun?

»Bei uns darf Umweltgeschichte Spaß machen!« verspricht Frank Uekötter. »Den erhobenen Zeigefinger, den man aus so vielen Umweltbüchern kennt, haben wir uns hier einfach mal geschenkt.«

»Tschernobyl« und »Serengeti darf nicht sterben!« werden in seinem neuen Buch als »Ökologische Erinnerungsorte«  verhandelt – und nicht nur sie. Im Interview stellt der Herausgeber Frank Uekötter das neue Buch vor.

Ein Interview mit Frank Uekötter

Guten Tag, Herr Dr. Uekötter. »Ökologische Erinnerungsorte« heißt das neue Buch. Wofür steht dieser Titel, worum geht es im Buch?

 
Wir leben auch bei Umweltthemen in einer erinnerungsgesättigten Gesellschaft. Es gibt kaum noch ein Thema, das nicht einschlägig vorgeprägt ist: Jeder nukleare Störfall evoziert Tschernobyl und jede Ölpest die lange Liste einschlägiger Katastrophen seit der Havarie des Öltankers Torrey Canyon. In den Seveso-Richtlinien der Europäischen Union von 1982 und 1996 wurde die Erinnerung an den italienischen Chemieunfall von 1976 sogar juristisch kanonisiert. Wir diskutieren diese Gegenwart der Geschichte und spüren so dem historisch gewachsenen Vorrat von Assoziationen und Erinnerungen nach. Unsere Fallstudien sind quasi »Probebohrungen« in der ökologischen Erinnerungslandschaft – nicht selten mit Ergebnissen, die gängige Sichtweisen der Umweltdebatte hinterfragen.
 
Was ist ein »Erinnerungsort« – ein geographischer Ort?
 
Nicht zwangsläufig. Etienne François definierte Erinnerungsorte als »langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden sind und die sich in dem Maße verändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändert«. Das kann also auch ein Ort im übertragenen Sinne sein – zum Beispiel der „GAU“. Die Mehrzahl unserer Erinnerungsorte ist allerdings geographisch lokalisierbar. Umwelthistorikern liegt die natürliche Umwelt ja durchaus am Herzen.
 
Es gibt aber doch schon eine längere Forschungstradition über Erinnerungsorte...
 
Der erste einschlägige Band erschien schon 1984, über französische lieux de mémoire. Seither sind Erinnerungsorte eine kontinentaleuropäische Erfolgsgeschichte mit Folgeprojekten von Italien bis zur DDR. Das Konzept hat immer noch eine ganz eigene Magie, die wir in diesem Projekt auch spüren konnten. Aber so ganz einfach konnten wir an diese Tradition nicht anschließen – schon deshalb, weil die deutsche Umweltbewegung ihre ganz eigene Erinnerungskultur besitzt.
 
Sie meinen: Die deutsche Umweltbewegung unterscheidet sich in der Art der Erinnerung von Bewegungen in anderen Ländern?
 
In den USA und anderen Ländern gibt es einen ausgeprägten Stolz auf die lange Tradition von Umweltbewegung und einschlägigen Verbänden. Das ist in Deutschland anders: Hier steht die Erfahrung des Nationalsozialismus quer zu jeder allzu emphatischen Erinnerung. Unser Band enthält deshalb einen Beitrag zum Reichsnaturschutzgesetz von 1935, dem Höhepunkt der NS-Umweltpolitik. Da kann man konkret nachverfolgen, wie schwer die Auseinandersetzung mit einem solchen Erbe bis heute fällt.
 
Aber viele der Beiträge in Ihrem Band behandeln doch Ereignisse der Nachkriegszeit: der Assuan-Damm, Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“, Tschernobyl...
 
Da stoßen wir auf eine andere Besonderheit der ökologischen Erinnerungskultur: einen Hang zur Monumentalisierung. Für die Umweltbewegung dokumentiert Tschernobyl für alle Zeiten die Unverantwortlichkeit der Atomkraft und Assuan die ungeheuren Folgen großer Staudammprojekte. In beiden Fällen soll die Erinnerung auf ewig einer bestimmten Lesart folgen. Nur funktioniert das menschliche Gedächtnis halt nicht so: Erinnerungen verblassen, werden in neuen Kontexten uminterpretiert, mit anderen Erfahrungen verbunden. In französischen Umweltkreisen ist die Erinnerung an Tschernobyl zum Beispiel auch eine Kritik an den Funktionseliten der Grandes Écoles. Erinnerung ist stets umstritten und die Öko-Szene stets nur eine von mehreren Stimmen.
 
Es fällt auf, dass Ihr Band zumeist um negativ besetzte Ereignisse kreist. Ist die ökologische Erinnerung im Kern dystopisch?
 
Die Umweltbewegung hat sich mehr als andere soziale Bewegungen über Horrorszenarien definiert, und deswegen finden sich in der Tat kaum positiv konnotierte Erinnerungsorte. Die Katastrophe hat einen Ort – Ökotopia hingegen nicht. Selbst beim Kampf um den Knechtsand – eine Sandbank in der Wesermündung, um die in den fünfziger Jahren einer der heftigsten zeitgenössischen Naturschutzkonflikte tobte – bekam der Sieg mit der Zeit einen bitteren Beigeschmack. Der Knechtsand steht dank der Proteste unter strengem Schutz, darf deshalb aber nicht mehr betreten werden und wird zu einem Symbol für einen Naturschutz, der achtlos über die Köpfe der Einheimischen hinweggeht.
 
Außerdem ist der Knechtsand durch ganz natürliche Erosionsprozesse gefährdet. Eine Ironie der Geschichte?
 
Oder eine konzeptionelle Herausforderung. Wir haben in diesem Band nämlich auch versucht, Erinnerung zugleich als biophysikalischen Prozess zu betrachten. Bislang haben sich Erinnerungsort-Projekte stets auf das gesprochene und geschriebene Wort konzentriert, in klassisch geisteswissenschaftlicher Art. Aber aus umwelthistorischer Sicht gibt es auch so eine Art Kommentar von Mutter Natur, natürlich unintendiert und nach eigener Logik, aber gerade deshalb interessant. In Verdun gab es zum Beispiel heftige Debatten über die Wiederaufforstung des Schlachtfelds – auch deshalb, weil das Überwuchern als Metapher für das Verblassen der Erinnerung gesehen wurde.
 
Sie diskutieren nicht nur deutsche, sondern auch transnationale und globale Erinnerungsorte. Wie national ist unsere ökologische Erinnerung?
 
Mehr, als wir uns eingestehen. Die Ikonisierung des blauen Planeten und das vielzitierte „globale Denken“ haben davon abgelenkt, wie stark unser Umweltdenken von länderspezifischen Diskursgemeinschaften geprägt wird. Gerade grenzüberschreitende Erinnerungsorte verweisen auf solche Traditionen: Jeder DDR-Bürger kannte die Drushbatrasse – in Westdeutschland sieht das anders aus. Und bei den globalen Erinnerungsorten beschreiten wir tatsächlich Neuland: Bislang hat sich die Forschung über den Rahmen europäischer Erinnerungsorte nicht hinausgewagt.
 
Wollen Sie neben den Forschern auch andere Leser erreichen?
 
Der Anspruch, ein breites Publikum jenseits der Fachkollegen zu erreichen, ist beste Erinnerungsort-Tradition. Es wird Lesern nicht schwerfallen, Anknüpfungspunkte zu finden. Jeder hat doch schon einmal einen Grzimek-Film gesehen und ein Kneipp-Becken benutzt, und jeder kennt das Wort „GAU“ – der ursprünglich technokratische Begriff ist ja längst zu einem Wort der Alltagssprache geworden. Der Band spricht mithin jeden an, egal, ob er Mitglied in einem Umweltverband ist oder als Wanderer seine Füße in kaltes Wasser steckt. Denn auch wenn es um ernste Themen geht: Man kann in diesem Band auch wunderbar schmökern. Den erhobenen Zeigefinger, den man aus so vielen Umweltbüchern kennt, haben wir uns hier einfach mal geschenkt. Bei uns darf Umweltgeschichte auch Spaß machen!


Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
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