07.12.2015

Was hat der Klimawandel mit der Flüchtlingskrise zu tun?

Der Klimagipfel von Paris ist auch ein Testfall für die politische Moral im Zeitalter globaler Verflechtungen
 
Kommentar von Frank Uekötter
 
Der Klimagipfel von Paris, der in wenigen Tagen in der französischen Hauptstadt beginnt, wird im Schatten der Terroranschläge vom 13. November stehen. Vom Konferenzzentrum sind es nur ein paar Autominuten zum Stade de France, das ein Ziel der Anschläge war. Die rund 25 000 Delegierten der 195 Vertragsparteien treffen sich in einem Land, das den Ausnahmezustand verhängt hat und erklärtermaßen Krieg führt. Die bei solchen Gipfeltreffen übliche Mischung aus nervöser Anspannung und Langeweile wird dadurch eine zusätzliche Dimension erlangen. Aber das ist nicht die einzige Verbindung zwischen Terrorismus und Klimapolitik.
 
Als 2011 der Bürgerkrieg in Syrien begann, war das Land durch eine lange Dürreperiode geschwächt. Fehlender Niederschlag ließ die Ernteerträge schrumpfen und löste eine Landflucht aus. Besonders betroffen war der Nordosten des Landes. Dort herrscht heute der Islamische Staat. Soweit die Fakten. Aber was folgt daraus?
 
Die französische Politologin Agnès Sinai präsentierte Syrien in Le Monde diplomatique jüngst als Anschauungsfall, wie der Klimawandel Konflikte anheizt. Es gibt Klimamodelle, die der Region eine zunehmende Anfälligkeit für Dürreereignisse attestieren. Und es ist unstrittig, dass der industrialisierte Westen das Gros der Treibhausgase zu verantworten hat. Deshalb möge der Westen die Migranten als Klimaflüchtlinge anerkennen.  Es ist eine Kausalkette, der der Westen bislang ziemlich ratlos gegenübersteht.
 
Dabei geht es nicht nur darum, dass sich Wettereignisse bekanntlich nie monokausal auf den anthropogenen Klimawandel zurückführen lassen. Dürreperioden sind in ariden Gebieten Teil der ökologischen Normalität, und die Frage ist deshalb zugleich, wie sich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik auf die Möglichkeit des ausbleibenden Regens vorbereiten. Die Bilanz der syrischen Regierung sieht in dieser Hinsicht ziemlich finster aus. Die humanitäre Katastrophe entfaltete sich vor dem Hintergrund eines jahrzehntelangen Missmanagements im Umgang mit Land- und Wasserressourcen.  Mit dem gängigen Verständnis von Kausalitäten kommt man in solchen Situationen meist nicht weit. Die Verantwortung lässt sich wie auf einem Verschiebebahnhof zwischen Klima und Gesellschaft nahezu beliebig hin- und herbewegen, je nachdem, wie es politische Befindlichkeiten gerade verlangen.
 
Die Situation wird noch verwickelter, wenn man bedenkt, dass die jeweiligen Lesarten in unterschiedlichen Kontexten ganz verschieden wirken. Sinais Lesart ist in westlichen Gesellschaften ein Plädoyer für eine humane Flüchtlingspolitik. Im Nahen Osten ist sie dagegen eine Steilvorlage für all jene, die stets den Westen für alle Übel ihrer Region verantwortlich machen. Für die Delegationen aus den Ländern des Globalen Südens ist es in den Verhandlungen auf dem Pariser Klimagipfel eine wohlfeile Begründung, nach mehr Geld für »Klimaadaption« zu rufen. Und im Hintergrund gibt es ein Schattenreich von Interessenten, die schon jede Menge Ideen haben, was sich mit den Geldern für Klimaadaption so alles anstellen ließe.
 
All das ist genug Stoff, um eine akademische Veranstaltung zur Gerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung schachmatt zu setzen. Ein Gipfeltreffen, das einen seit langem überfälligen Vertrag zur Begrenzung der globalen Erwärmung liefern soll, wirkt im Lichte solcher Fragen erst recht überfordert. Und doch wird es interessant sein, das Ergebnis von Paris auch einmal im Lichte der moralischen Aporien zu betrachten, die unsere Weltgesellschaft hervorbringt. Gerne suggeriert der gängige Klimadiskurs, dass es einen wissenschaftlich legitimierten Konsens für die Weltklimapolitik gäbe und lediglich kurzsichtige Egoismen einem »Global Deal« im Wege stünden. Die humanitäre Katastrophe in Syrien zeigt, dass eine solche Sichtweise nicht nur naiv ist. Sie ist brandgefährlich.
 
Frank Uekötter lehrt geisteswissenschaftliche Umweltforschung an der Universität Birmingham in Großbritannien. Er wird die Thesen dieses Beitrags Anfang Dezember auf einer akademischen Veranstaltung in Paris zur Diskussion stellen.
 
 
 


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