07.08.2015

Was macht eigentlich ein systemischer Coach?


Im Gespräch stellt sie sich uns vor und erklärt, wie sie als Coach auch Unternehmen helfen kann, im Umgang mit ihren Mitarbeitern neue Wege zu beschreiten!


Frau Haralambie, Sie sind systemischer Coach – was machen Sie eigentlich?
 
Kurz ausgedrückt: Ich erweitere Möglichkeiten.
Ob nun Einzelperson, Team oder Unternehmen – alle greifen bei der Entwicklung von Gedanken oder bei der Auswahl ihrer Handlungen auf »ihr« Wissens- und Erfahrungsrepertoire zurück. Es ist wie eine Schatzkiste, in der alles gesammelt wurde, was man schon einmal gedacht hat oder wie man schon einmal gehandelt hat. Daraus schöpfen wir alle unsere Ideen für weitere Gedanken und Handlungen, die dazu dienen sollen, Herausforderungen zu meistern und Probleme zu lösen. Alles, was in diesem Möglichkeiten-Pool drin ist, befähigt uns dazu, auf die Herausforderungen des Lebens zu reagieren oder sie sogar nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Was nicht drin ist, das denken wir auch nicht, das »gibt es nicht«, weil es uns nicht zur Verfügung steht, ganz gleich, ob es dieses Wissen bei anderen vielleicht doch gibt. Je größer der eigene Möglichkeiten-Pool ist, desto mehr Herausforderungen können wir begegnen und desto mehr Probleme entstehen erst gar nicht.
 
 
Man könnte es doch auch so sehen: Es gibt gar keine Probleme, sondern nur Herausforderungen, oder?
 
Das stimmt meines Erachtens nicht. Es gibt durchaus Probleme, nur dass nicht jeder das Gleiche als Problem empfindet: Was für den einen ein riesiges Hindernis darstellt, ist für den anderen eine nette Herausforderung. Probleme sind ja dadurch gekennzeichnet, dass wir sie nicht lösen können. Warum können wir sie nicht lösen? Weil wir nicht wissen, wie. Warum wissen wir das nicht? Weil wir in den Verhaltens- und Denkmustern, die uns zur Auswahl stehen, keine passenden Möglichkeiten dafür finden. Und genau da setzt gutes Coaching an: Ich unterstütze Personen und Unternehmen darin, ihre Denkmuster zu erweitern und damit auch ihr Verhaltensrepertoire zu vergrößern. Das geschieht dadurch, dass man Erfahrungen machen kann – mit fremdem Wissen (»Expertenwissen«), aber vor allem mit eigenem Erleben. Dann entsteht Entwicklung, und genau das ist es, was den Unterschied ausmacht zwischen Beratung und gutem Coaching: Die klassische Beratung bringt Expertenwissen und hilft damit aus akuter Not. Gutes Coaching begleitet bei einer individuellen Entwicklung, die beim nächsten Mal erst gar keine akute Not mehr aufkommen lässt, denn man ist schon eine Stufe weiter. Entwicklung ist etwas, das einen Menschen oder ein Unternehmen für immer verändert.
 
 
Haben Sie ein Beispiel dafür?
 
Ganz klar wird es, wenn wir Schwimmer und Nichtschwimmer betrachten: Ein Mensch, der nicht schwimmen kann, hat beim Anblick eines bewegten Meeres Angst. Fällt er ins Wasser, muss er sofort gerettet werden, mit einem Rettungsring oder direkt mit einem Boot. Ermöglicht man es ihm, sich zu entwickeln – also schwimmen zu lernen – dann wird er nie wieder der gleiche Mensch sein wie zuvor. Er wird beim Anblick eines wellenreichen Meeres vielleicht an Abenteuer denken, vielleicht an Romantik oder auch nur an Seekrankheit, aber nicht mehr an Todesangst. Er geht nicht mehr sofort unter, wenn er ins Wasser fällt. Er hat einen deutlich erweiterten Möglichkeiten-Pool dazugewonnen. Vielleicht bekommt er auch Lust, surfen zu lernen – und betritt damit ganz neue Welten, die ihm vorher verschlossen waren.
 
 
Und wie erweitert man nun Möglichkeiten?
 

Menschen und auch Organisationen brauchen immer wieder fremdes Wissen, um sich gedanklich bereichern zu lassen. Aber damit dieses Wissen ihnen wirklich zur Verfügung steht, müssen sie es zu ihrem eigenen machen, es muss erlebbar und erfahrbar werden. Entwicklung ist individuell erfahrbar gemachtes Wissen. Ein Beispiel: Es nutzt mir nichts, wenn ich theoretisch weiß, dass es sinnvoll ist, seine Mitarbeiter zu fördern. Ich muss dieses Wissen auf meinen ganz individuellen Arbeitsbereich anwenden können. Was mache ich etwa, wenn ich als Führungskraft einen meiner Mitarbeiter einfach nicht sympathisch finde? Ich sollte ihn theoretisch fördern, damit er konstruktiv an diesem wichtigen Projekt arbeiten kann und das Team aufs beste ergänzt. Aber ich mag ihn einfach nicht ... und jetzt? Wie gelingt es mir, das Expertenwissen (»So fördert man effektiv seine Mitarbeiter!«) in mein Arbeitsleben zu integrieren? Hier beginnt sinnvolles Coaching – und das Ergebnis kann ich dann auch auf meinen Umgang mit anderen Mitarbeitern übertragen. Nicht, weil ich weiß, wie es geht, sondern weil ich erlebt habe, wie ich es machen kann, damit es zu mir und meinem individuellen Umfeld passt. Und diese Erfahrung fließt in meinen Möglichkeiten-Pool ein und steht mir ab sofort für alles Kommende zur Verfügung. Es ist meins geworden.
 
Darin besteht meine Coaching-Tätigkeit: Ich bringe Personen und Teams in Situationen, in denen sie ausprobieren können, wie sie aus einem allgemein »guten Weg« ihren eigenen individuellen Weg machen – und diesen dann beschreiten.
 
 
Frau Haralambie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
 
 
© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an pr@v-r.de. Danke!
 


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