20.10.2015

Wie »grün« ist Deutschland tatsächlich?

Frank Uekötter im Interview.
Der Umwelthistoriker und Autor von »Deutschland in Grün. Eine zwiespältige Erfolgsgeschichte« spricht über die Liebe der Deutschen zum Mülltrennen und die Notwendigkeit, die Umweltbewegung an eine breitere, soziale Bewegung anzubinden.

Guten Tag, Herr Dr. Uekötter! Kürzlich ist ja Ihr Buch »Deutschland in Grün« erschienen. Es trägt den Untertitel: »Eine zwiespältige Erfolgsgeschichte«. Die Deutschen trennen brav ihren Müll, steigen aus der Atomkraft aus und fördern im großen Stil erneuerbare Energien. Eigentlich klingt das doch verdächtig nach einem grünen Musterland?

Tatsächlich zeigt sich in jüngster Zeit so etwas wie ein »grüner Patriotismus«: ein besonderer Stolz der Deutschen auf ihre ökologischen Meriten. Aber das ist oft mehr eine diffuse Stimmung, die auch mancherlei Schattenseiten ausblendet.

Ist das die Zwiespältigkeit, die Sie im Titel erwähnen?

Wie die meisten Patriotismen hat auch die grüne Version eine bemerkenswerte Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung. Ich denke da etwa an das hartnäckige Festhalten an der Braunkohle oder auch die dreizehn Vertragsverletzungsverfahren, die die Generaldirektion Umwelt der Europäischen Union derzeit gegen Deutschland führt. Mir geht es aber nicht nur um eine reine Öko-Bilanz, sondern mehr noch um die Voraussetzungen, die hinter umweltpolitischen Errungenschaften stehen. Oft findet man da die Annahme, dahinter habe vor allem der öffentliche Druck gestanden. Aber das greift zu kurz.

Die starken Umweltverbände, die zahllosen Medienberichte, der Aufstieg der Grünen – alles gar nicht so wichtig?

Um nicht missverstanden zu werden: Die Entwicklung einer ökologischen Zivilgesellschaft ist eine Errungenschaft ersten Ranges, vor allem vor dem Hintergrund der Geschichte. Vor einem halben Jahrhundert gab es schon eine Menge Verbände – mehr, als die meisten Leute vermuten –, aber sie waren zahnlos: staatsnah, nach innen gewandt, ohne öffentliches Profil. Aber parallel zum Umbruch der Verbands- und Parteienlandschaft veränderte sich auch die politische Sphäre. Manche Politiker kamen grünen Anliegen mit verdächtig offenen Armen entgegen.

Für viele Umweltbewegte war der Staat ein tumber Leviathan, dem man erst einmal mit scharfem Protest Feuer unter Hintern machen musste. Ein falsches Bild?

Jedenfalls ein unvollständiges. Es gab natürlich den ökologisch unverantwortlichen Staat – am besten zu sehen bei den Atomkraftwerken, die ohne nachdrückliche staatliche Förderung nie gebaut worden wären. Aber es gab auch eine beeindruckende Riege von klugen Politikern, die mit einer agilen Umweltpolitik zugleich die eigene Karriere beflügelten, und das keineswegs nur bei den Grünen: Hans-Dietrich Genscher war als Bundesinnenminister der erste. Als der bundesdeutsche Staat in den siebziger Jahren in die Krise rutschte, war Umweltpolitik eines der wenigen Politikfelder, wo man noch massiv expandieren konnte. Die damals geschaffenen Gesetze und Behörden sind bis heute das institutionelle Rückgrat des grünen Deutschlands.

Sie beschreiben den Durchbruch des grünen Deutschlands Anfang der 80er Jahre als paradoxe Nebenfolge der Zweiten Ölkrise, so in der Art: Wo Großbritannien und USA mit Thatcher und Reagan auf Neoliberalismus setzten, setzte die Bundesrepublik auf Ökologie. Klingt nach einer Vorliebe für historische Paradoxien...

Es ist ein klassischer Irrtum zu glauben, dass Ökologisierung immer aus der idealistischen besseren Einsicht erwachsen müsse. Es gab manchmal unerwartete Fenster der Möglichkeiten wie um 1980, und es gab Interessen. Für ein Land mit forschungsintensiver Exporttechnologie waren Umweltthemen auch eine Chance, bei der man sich im Rückblick fragt, wieso sie nicht schon früher entdeckt wurde. Die Energiewende geht zurück auf ein unscheinbares Gesetz, das im Jahr der Wiedervereinigung ohne großes Aufsehen durchs Parlament rutschte.

Das Kairos des günstigen Moments?

Beides muss zusammenkommen: die langfristigen Strukturen und die Gunst der Stunde. Das ist für mich ein entscheidender Vorzug des historischen Zugangs zu Umweltfragen: Man gewinnt ein Gespür für das Unerwartete, für seltsame Karrieren und scheinbar unwichtige Dinge, die plötzlich ein Eigenleben entwickeln. Die große Waldsterben-Debatte entstand zum Beispiel aus Debatten in der Forstwissenschaft, die plötzlich an die breite Öffentlichkeit gelangten. Daraus kann man eine Menge für die Gegenwart lernen.

Apropos: Sie blicken am Ende Ihres Buches auch in die Zukunft des Ökologischen. Ist das für einen Historiker nicht ziemlich riskant?

Riskant schon, aber auch unvermeidlich. Das grüne Deutschland ist halt keine monumentale Errungenschaft für alle Ewigkeit, sondern ein »work in progress«, das immer wieder neu erarbeitet werden muss. Mir scheint, dass gerade in jüngster Zeit ein paar Dinge ins Rutschen gekommen sind, die bislang ökologische Selbstverständlichkeiten waren: Verbandsstrukturen, Protestformen, Beziehungen zu Lobbygruppen. Man kann das grüne Deutschland nicht fortentwickeln, wenn man nicht weiß, wo es eigentlich herkommt.

Sie reden zum Beispiel davon, dass die Umweltbewegung in einer breiteren Bewegung für Gerechtigkeit aufgehen könnte...

Lange Zeit galten Umweltprobleme in der Bundesrepublik als »rein grüne« Anliegen – übrigens im Unterschied zur späten DDR. Aber diese Abgrenzung von ökologischen und anderen Themen überzeugt immer weniger. Beim Kampf gegen den Klimawandel geht es längst auch um ein Wohlstandsmodell, und Bewegungen wie Attac und Occupy sind ökologische Bewegungen und zugleich viel mehr. Und im Globalen Süden hat man das westliche Problemverständnis, Umweltschutz und die Frage nach sozialer Gerechtigkeit voneinander abgekoppelt zu sehen, ohnehin nie so recht verstanden.
 
Schreiben Sie deshalb die deutsche Umweltgeschichte im internationalen Zusammenhang?

Man kann das grüne Deutschland nur verstehen, wenn man die Verbindungen mit anderen Ländern einbezieht und immer wieder vergleicht: Wie stand Deutschland im Vergleich da? Bis um 1980 war die Bundesrepublik bestenfalls guter Durchschnitt, aber dann wurde es plötzlich zum Vorreiter mit globaler Ausstrahlung. Seit zwei Jahren lebe ich in Großbritannien, einem Land, von dem derzeit niemand als grünem Musterland spricht. Ein bisschen stolz darf man da als Deutscher schon sein – zumal sich deutscher Nationalstolz historisch ja auch schon an schlechteren Themen festgemacht hat.

Ein grüner Patriot im Exil?

Solange es um Fahrradfahren und Vollkornbrot geht – auf jeden Fall!

Lieber Herr Dr. Uekötter, vielen Dank für das Gespräch!
 


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