20.10.2015

»Zeigen, nicht erklären!«

Arist von Schlippe kommentiert die neue Ausgabe des Lehrbuchs der MarteMeo-Methode

»»Zeigen, nicht erklären!« – ein zentrales Motto der MarteMeo-Arbeit und ihrer Begründerin, Maria Aarts. Nun, ein Buch über die Methode kommtnatürlich nicht ohne Erklären aus, und doch spiegelt sich eine auf das Handeln bezogene Unmittelbarkeit in allen Kapiteln wider.MarteMeo ist nämlich vorallem eines nicht: ein theoretischesModell, aus dem unmittelbar und zwingendabgeleitet werden könnten. Stattdessen ist MarteMeo aus der Praxis heraus entstanden, es lebt von dem unkonventionellen Geist seiner Gründerin, für die es vordringlich und vor allem darauf ankommt, mit denRatsuchenden gemeinsam auf eine Weise zu arbeiten, dass Schritt für Schritt nachvollziehbar etwas Neues entsteht. Die so entstandene Praxis, die ohne das MediumVideo und seine innovativeNutzung nicht denkbar ist, hält dann der Bemühung umtheoretische Fundierung und Erklärung durchaus stand. Doch die Bewegung geht vom Handeln zur Theorie und nicht umgekehrt.

Der Fokus der MarteMeo-Arbeit wird damit nicht von Prinzipien gesteuert. Das Konzept schreibt keine eindeutigen Lösungswege vor.Vielleicht ist die einzige Handlungsleitlinie Aufmerksamkeit. Vielleicht ist dasWesentliche, was MarteMeo der Beraterin und dem Berater mit auf den Weg gibt, tatsächlich diese Aufforderung: »Achte genau auf das, was du siehst und hörst! – Und hilft den Ratsuchenden,mit denen du arbeitest, aufmerksam auf das zu werden,was sie sehen und hören!« Von Aufmerksamkeit auszugehen, ist eine völlig andere Form des Zugangs als etwa das Prinzip von Konsequenz in den Mittelpunkt zu stellen oder das Prinzip einer Orientierung an Belohnung und Bestrafung.Aufmerksamkeit bietet die Chance der Herstellung oder Wiederherstellung eines Rahmens, in demwieder Beziehung entstehen kann, in dem eine unterbrochene Verbindung wieder aufgenommen werden kann, in dem zwischen Eltern und Kind wieder gelungeneMomente in der Interaktion entstehen können.

Das ist etwas, was sie mit dem systemischen Ansatz eng verbindet, denn wir fragen ja auch danach, wie ein Rahmen zu gestalten ist, in dem Selbstorganisationsprozesse möglich werden. Natürlich braucht es dazu ein bestimmtes Wissen,wie dieser Rahmen gut gestaltet werden kann. Im Elterncoaching nach demMarteMeo-Konzeptwird also keine Therapiemitden Eltern gemacht, eher erhalten sie eine Art »Ausbildung«. Sie lernen, auf ihre Kinder neu zu sehen, sie mit neuen Augen zu sehen, sie lernen, wie sie ihren Job gut machen können, indem ihnenMöglichkeiten der »familiären Prozesssteuerung« vermittelt werden. Der »Job« der Eltern ist es aus dieser Sicht, Struktur vorzugeben, eine entspannte und freundliche Atmosphäre zu schaffen, in diesem Rahmen dann sowohl Raum zu geben für die Initiativen des Kindes als auch selbst Initiative zu übernehmen und zu leiten.

So einfach die grundlegendeHandlungsleitlinie klingt, so schwer ist sie doch in ihrer Umsetzung. Vor allem macht sie den Ansatz nicht leicht lernbar. Aufmerksamkeit ist schwerer zu fassen als ein klar formuliertes theoretisches Prinzip. Aufmerksamkeit bietet kein einfaches Schema an: »Wenn du x erkennst, dann tue y!« Vielmehr lebt sie von Erfahrung, vom Handeln, vom Ausprobieren
und vor allem vom Feedback, vom kritischen Blick auf die eigene Praxis. Wer nach einem festem Geländer suchte, hatte es nicht immer leicht. Dieses Lehrbuch schließt hier eine Lücke, ohne der Gefahr zu verfallen, nun die Theorie als einzige Maxime  herauszustellen. Vielmehr wird es möglich, die Praxis aus der Theorie und die Theorie aus der Praxis heraus zu betrachten, zu reflektieren und zu verstehen. Damit werden Brücken geschlagen, Verbindungen hergestellt, die helfen, das Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis neu zu balancieren.Wie wichtig das ist, besagt ein Sprichwort. Danach ist nämlich der Unterschied zwischen Theorie und Praxis in der Praxis größer als in der Theorie. Und wenn die Theorie die Praxis nicht unterstützt, sondern ihr Vorschriften macht, dann taugt sie nicht. In diesem Buch ist eine Fülle von Material zusammengetragen, das genau dies tun soll: die Lebendigkeit und Flexibilität der Praxis beibehalten und dazu beitragen, dass sie effektiver wird, weil es mit Hilfe der hier formulierten Konzepte möglich wird, besser zu verstehen, sich selbst neu zu beobachten und dann gestärkt in die Praxis »zurückzukehren«.

Ich wünsche diesem Buch auch in der 4.Auflage eine große Verbreitung und vielfältige Resonanz. Es hat sie weiterhin verdient.«

(Arist von Schlippe)


Titel zur News

  (1 Titel)
Thema:
Produktform:
Sortieren nach: