21.12.2017

Zum Tode von Otto Kaiser

Wir trauern um unseren Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otto Kaiser, der am 14. Dezember im Alter von 92 Jahren verstorben ist. Wir möchten allen Angehörigen und Trauernden unsere Anteilnahme aussprechen.

Nachruf des Herausgebers der »Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft«

Otto Kaiser –  30.11.1924 - 14.12.2017

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. – zum Gedächtnis

Am 14. Dezember 2017 verstarb Otto Kaiser in Marburg, in jener Stadt, in der er seit 1960 zuhause war und zunächst auf einer außerordentlichen Professur, dann von 1962 bis 1993 als Ordinarius für Altes Testament und danach als Emeritus mit großer Leidenschaft und Ausstrahlung wirksam war. Mit ihm verliert die alttestamentliche Wissenschaft einen sensiblen und produktiven Forscher, einen Lehrer und Hermeneuten, der in der direkten Begegnung und über seine Lehrbücher Generationen von Studierenden prägte, und einen Wissenschaftsorganisator, der mittels zahlreicher Herausgeberschaften in seiner sachbezogenen Liberalität Quellen sowie Debatten- und Denkräume zugänglich machte. Viele verlieren einen Freund.

Otto Kaiser wurde 1924 in Prenzlau (Uckermark) als Sohn des preußischen Landesoberinspektors Oskar Kaiser und seiner früh verstorbenen Ehefrau Berta geboren. Nach der Gymnasialzeit in Eberswalde kam er als Sanitätsoffiziersbewerber im Herbst und Winter 1943/44 in den aktiven Kriegseinsatz. Das noch 1944 an der Militärärztlichen Akademie begonnene Medizinstudium nahm er nach den Kriegs- und Nachkriegserfahrungen nicht wieder auf, sondern studierte von 1946-1952 Evangelische Theologie an den Universitäten Tübingen und Marburg. Nach dem Vikariat (1952-1954) und während der Assistentur bei Arthur Weiser (1954-1958) wurde er im Jahr 1956 mit seiner vielbeachteten Studie »Die mythische Bedeutung des Meeres in Ägypten, Ugarit und Israel« in Tübingen promoviert und schon 1957 folgte die Habilitation »Der königliche Knecht. Eine traditionsgeschichtlich-exegetische Studie über die Ebed-Jahwe-Lieder bei Deuterojesaja«. Die Breite und Fülle seiner Bücher, Kommentierungen, Aufsätze und Herausgeberschaften floss in den Jahrzehnten seines Lebens organisch aus der fragenden Neugier, einem immer neuen Blick auf die Quellen und Kontexte sowie dem tiefen Wissen um die Vorläufigkeit aller, auch der eigenen Ergebnisse des Verstehens. Dabei ist neben den Alttestamentlern Ernst Würthwein und Karl Elliger der Einfluss von Wilhelm Weischedel und Rudolf Bultmann unverkennbar. Ersterer steht für das den Alttestamentler begleitende Gespräch mit der Philosophie, letzterer für das Profil seines immer wachen Fragens nach der theologischen und existenziellen Relevanz biblischer Texte. Im Umbruch der alttestamentlichen Wissenschaft seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat er wie kaum ein Zweiter die Neuausrichtung der Prophetenforschung beeinflusst. Der zweite Band seines Jesajakommentars zu Jes 13-39 (ATD) markiert eine konsequente Orientierung an einer redaktionsgeschichtlichen Erschließung der vorliegenden Bücher und eine Abkehr von einer auf die Prophetenpersönlichkeit ausgerichteten Bemühung. In eigenen Untersuchungen und in von ihm angeregten Studien wandelte sich so der Blick auf das Proto- und Deuterojesajabuch sowie auf das Jeremia- und Ezechielbuch. Die Erschließungskraft der redaktionsgeschichtlichen Fragestellung führten er und seine Schüler auch im Bereich des Pentateuchs, des chronistischen Werkes und des Hiobbuches vor Augen. Seit den 1980er Jahren verlagerte sich sein Forschungsinteresse zunehmend auf die frühjüdische Weisheit von Hiob, Kohelet und Proverbia über Ben Sira bis hin zu Tobit und der Sapientia Salomonis. Zur Zusammenschau nötigte er sich in den sich beständig wandelnden und den Forschungsstand akzentuierenden fünf Auflagen seiner Einleitung in das Alte Testament (1969-1984), gefolgt vom Grundriss der Einleitung (1992- 1994) und einer Einleitung in die Apokryphen (2000). Eine Synthese aus Religions- und Literaturgeschichte verbunden mit einer dezidiert theologischen Summe des Alten Testament bietet sein dreibändiges Werk »Der Gott des Alten Testaments. Theologie des Alten Testaments. Wesen und Wirkung« (1993-2003; Neubearbeitung des 3. Bandes 2013). Eine forschungsgeschichtliche Edition zu Hermann Hupfeld (2005) sowie eine Studie zu Philo von Alexandrien (2015) signalisieren Schwerpunkte seines späten Interesses.

Seine Energie und die pragmatisch-liebenswerte Fähigkeit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu (gemeinsamen) Arbeitsvorhaben zu motivieren, zeigt sich nicht zuletzt an der editorischen Tätigkeit, die sein wissenschaftliches Leben seit 1974 begleitete. So gab er die »Poetischen Schriften« des »Jüdischen Schrifttums aus hellenistisch-römischer Zeit« (1974- 1983), die »Texte zur Umwelt des Alten Testaments« (1981-2004), die Kommentarreihen »Altes Testament Deutsch (ATD; 1970-1999) und den »Kommentar zum Alten Testament (KAT; 1973-2000) federführend oder gemeinsam mit anderen Kollegen heraus. Gut zehn Jahre verantwortete er die Herausgeberschaft der 1881 gegründeten »Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft« (1982-1992) und die sie begleitende Monographienreihe der »Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft« (BZAW) noch bis 2003. Ihre Anlage als einer international wahrgenommenen, alle Forschungsgebiete berücksichtigenden Zeitschrift, die mit ihrem interkonfessionellen und interreligiösen Profil einen festen Platz in der wissenschaftlichen Landschaft einnimmt, wurde von Otto Kaiser und seinem liberalen, forschenden Geist und seinen weitgespannten Beziehungen in die Fachwelten nachhaltig geprägt.

Die Resonanz auf sein Wirken und seine Persönlichkeit lassen sich nicht zuletzt daran ablesen, dass er mit der John-Burkit-Medal der British Academy ausgezeichnet wurde, korrespondierendes Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften war, und ihm die Theologischen Fakultäten in Jena (1991) und Tartu (1996) sowie die Katholische Fakultät der Universität zu Salzburg (2002) die Ehrendoktorwürde verliehen.

Jürgen van Oorschot,
Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft.