07.11.2017

Zum Tode von Wolfgang Schrage

Wir trauen um unseren Autor Wolfgang Schrage, der am 22. Oktober 2017 im Alter von 89 Jahren verstorben ist. Im »Evangelisch-Katholischen Kommentar zum Neuen Testament« ist er als Autor eines vierbändigen Werkes zum Ersten Korintherbrief hervorgetreten, das Maßstäbe setzt. Wir möchten allen Angehörigen und Trauernden unsere Anteilnahme aussprechen.

Nachruf auf Wolfgang Schrage
 
Am 22. Oktober 2017 ist Wolfgang Schrage im Alter von 89 Jahren verstorben.
Im „Evangelisch-Katholischen Kommentar zum Neuen Testament“ ist er als Autor eines vierbändigen Werkes zum Ersten Korintherbrief hervorgetreten, das Maßstäbe setzt. Auf nahezu 2000 Seiten hat er nicht nur sorgfältig jeden einzelnen Vers erwogen, sondern auch den paulinischen Text in seinem literarischen wie historischen Kontext theologisch erschlossen. Er hat überdies auch zu jeder Perikope mit im Rahmen der Reihe höchstem Aufwand die Wirkungsgeschichte nachgezeichnet; er hat damit gezeigt, welchen geistigen Kosmos jenes Schreiben erschaffen hat, das Paulus aus gegebenem Anlass einer gerade erst vor wenigen Jahren gegründeten Gemeinde mit auf den Weg gegeben hat.

Wolfgang Schrage hat mehr als ein Jahrzehnt der Ausarbeitung seines Korintherkommentares gewidmet. Der erste Band kam erstmals 1991, der vierte zuerst 2001 heraus. Zahlreiche Nachdrucke und Neuausgaben belegen, wie intensiv Wolfgang Schrages opus magnum rezipiert wird. 2007 hat ein Aufsatzband mit „Studien“ dokumentiert, wie nachhaltig und weiterführend seine Forschungen zu gerade diesem Brief gewesen sind, der wie kaum ein anderer den Finger am Puls der Zeit seiner Gemeinden hatte. Die Herrschaft des auferweckten Gekreuzigten wird in Wolfgang Schrages Interpretation als Zentrum einer Theologie sichtbar, der man in ihrer eschatologischen Anschärfung bis in die eigene Existenz hinein nicht ausweichen kann. Der 1. Korintherbrief beginnt mit dem so wirkmächtigen Wort vom Kreuz, er zielt auf die Entfaltung der Auferstehungsbotschaft, die ihrerseits in ein eschatologisches Drama eingezeichnet wird, welches auf die Herrschaft  Gottes zuläuft. Mittendrin steht ein Meisterwerk der Poesie, das Hohelied der Liebe, das deutlich macht, wie ein Leben in der Gemeinschaft des Glaubens von Gott selbst inspiriert sein kann.

Für seine Arbeit am Ersten Korintherbrief war Wolfgang Schrage bestens vorbereitet. Einerseits war er durch seine Assistentenzeit in Kiel bei Heinrich Greeven mit den Herausforderungen, Chancen und Grenzen der Textkritik innig vertraut. Diese Passion, über  die er leidenschaftlich diskutieren konnte, ist nur ein kleiner Ausdruck seiner großen Liebe zur  Philologie, die ihn zu einem profunden Kenner der antiken Literatur machte; seine Studien zum Thomasevangelium und zu den frühjüdischen Apokryphen zeigen die Tiefe seines Interesses und die Weite seines Blicks.

Aus Kiel, aber auch von seinem Lehrer Ernst Käsemann, dem er eng verbunden war, hat er andererseits auch das nicht nachlassende Interesse an Fragen der neutestamentlichen Ethik mitgebracht. Seine Dissertation behandelte die „Einzelgebote der paulinischen Ethik“ (zuerst publiziert 1961), die sich programmatisch nicht nur mit den Prinzipien, sondern auch mit den Konkretisierungen befasst und damit einen starken ökumenischen Impuls gesetzt hat. Das Leben der Christinnen und Christen beschreibt kein Feld für Adiaphora, es ist auch nicht lediglich der Ort einer je neu zu treffenden Motivationsentscheidung, vielmehr gehört es dem Gekreuzigten, der die Gläubigen ganz und gar in seinen Leidensdienst einbezieht. Mit seiner „Ethik des Neuen Testaments“ (1982) in den „Grundrissen zum Neuen Testament“ ist Wolfgang Schrage ein Standardwerk gelungen. In beiden Monographien spielt der Erste Korintherbrief eine überaus wichtige Rolle, so wie umgekehrt die Kommentierung von Schrages differenzierten Kenntnissen breiterer Traditionen frühchristlicher Ethik profitiert hat.

Dieses profilierte Interesse an Ethik erklärt sich vor dem Hintergrund tiefer Prägungen, die auf Karl Barth und die Barmer Theologische Erklärung zurückgehen: die Sichtbarkeit des Glaubens im Leben vor Augen zu stellen, die Konsequenzen des Bekenntnisses und das theologische Gewicht des Erlebens, des Denkens, Fühlens und Handelns.

Gerade der entschieden theologische Zugang zur Ethik führte ihn weit über den Raum von Normen und Verhalten hinaus zu den christologischen und soteriologischen Grundlagen, in deren Kontext die Gebote und Weisungen zu verstehen sind. Die Theologie des Kreuzes ist mehr und mehr zum Leitbegriff geworden. Davon zeugt sein Aufsatzband: „Kreuzestheologie und Ethik“ (2004). Hier zeigt sich die protestantische, aber mehr noch die paulinische Prägung Wolfgang Schrages, die ihn zum ökumenischen EKK und dort zum Ersten Korintherbrief geführt hat.
Die Familie hat als Motto der Traueranzeige 1 Kor 13 ausgesucht: „Wir sehen jetzt durch eine Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesucht. Jetzt erkenne ich’s stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“
Die Bonner Evangelisch-Theologische Fakultät, an der Wolfgang Schrage von 1964 bis zu seiner Emeritierung 1993 lehrte und forschte, hat 1 Kor 1,18 gewählt: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft“.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des EKK, zu denen Wolfgang Schrages Schüler Reinhard von Bendemann zählt, wollen wir 1 Kor 15,54f. an die Seite stellen, das freie Zitat des Apostels aus dem Propheten Hosea. In der Übersetzung Wolfgang Schrages: „Wenn aber dieses Vergängliche mit Unvergänglichkeit bekleidet und dies Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleidet sein wird, dann wird das Wort in Erfüllung gehen, das geschrieben steht: ‚Der Tod ist verschlungen worden in den Sieg. Wo, Tod, ist dein Sieg? Wo, Tod, ist dein Stachel?‘“

Wolfang Schrage kommentiert: „Es gibt einen noch uneingelösten Überschuß an Verheißenem, der der eschatologischen Verwirklichung harrt“ (1 Kor II, 378f.).
Wir danken dem Forscher, Lehrer und Gesprächspartner für seine immense Arbeit, für seinen Humor, für seinen Ernst, für seine Kollegialität.

Wir trauern mit seiner Frau und seiner Familie.

Wir hoffen auf die eschatologische Erfüllung der Verheißung.
 
Die Herausgeberin und die Herausgeber des EKK
Knut Backhaus – Christine Gerber – Thomas Söding – Samuel Vollenweider