13.02.2015

Zum Valentinstag: »Entwicklungsdimensionen der Liebe«

Wie entwickelt sich die Liebe – wie entwickeln wir unsere Beziehung?
Entwicklungsdimensionen der Liebe – Eine Entwicklungsperspektive für Liebende und Experten
Ein Interview mit dem Paartherapeuten Jan Bleckwedel

Guten Tag, Herr Bleckwedel.
Die Fachliteratur- und Ratgeberlandschaft zum Thema Liebe ist umfassend. Wurde nicht schon alles über die Liebe geschrieben?

Das dachte ich auch – bis ich mich für die Entwicklung von Paarbeziehungen interessierte. Die Psychologie hat im 20. Jahrhundert bedeutende Modelle für die Entwicklung des einzelnen Menschen hervorgebracht. Ein kohärentes und differenziertes Modell für die qualitative Entwicklung von Paarbeziehungen fehlte dagegen bislang. Und schon Goethe wusste: Wofür wir kein Sensorium besitzen, das existiert für uns nicht!

Wenn Sie von einem kohärenten Modell sprechen, was meinen sie damit?
D
as Entwicklungsmodell, das ich hier vorstelle, hat fünf Dimensionen: Verliebtsein, miteinander sprechen, gemeinsames Tun, Gegenseitigkeit aushandeln und Intimität teilen. Diese Begriffe sind weder neu noch überraschend. Neu ist die Konzeption von fünf Entwicklungsbereichen, die ein zusammenhängendes Ganzes bilden und von Anfang bis zum Ende einer Beziehung für Entwicklung offen bleiben.

In Ihrem Buch geht es also um eine entwicklungsorientierte Perspektive für intime Beziehungen?
Ja. Viele Menschen wünschen sich heute eine dauerhafte Beziehung, in der die Gefühle, die eine Liebesbeziehung ausmachen, lebendig bleiben. Das kann aber nur gelingen, wenn die Beziehung selbst sich entwickelt. Eine konsequent entwicklungsorientierte Sichtweise eröffnet für Liebende neue Horizonte. Das Zusammenleben erscheint in einem anderen Licht, wenn wir annehmen, dass Liebesbeziehung sich transformieren und entfalten können. Die Herausforderungen und Zumutungen des Zusammenlebens bleiben natürlich die gleichen, aber wenn es gut geht, werden Möglichkeitsräume und Gestaltungsspielräume sichtbar, die so vorher nicht oder nur undeutlich erkennbar waren.

Aber wie zwei Partner in einer Beziehung gemeinsam persönlich wachsen können, das wurde doch schon beschrieben?
Das stimmt. Zum Beispiel von Jürg Willi, den ich sehr schätze. Was ich hier vorschlage geht jedoch darüber hinaus. Sagen wir, es ist ähnlich wie beim Wechsel vom zweidimensionalen zum dreidimensionalen Sehen!

Das müssen Sie bitte etwas genauer erklären.
Die persönliche Entwicklung beider Partner bleibt im Blick, aber die Entwicklung der Beziehung selbst rückt in den Mittelpunkt. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen etwas Abstand von den einzelnen Personen und richten ihre Aufmerksamkeit auf das, was sich zwischen den Partnern ereignet. Jetzt können sie, mit Hilfe des Modells, erkennen, wie sich allmählich bestimmte Formen des Bezogenseins zwischen den Personen herausbilden, Muster der Kooperation, die verbinden und eine Beziehung erschaffen. Diese Muster entwickeln sich, sie werden mit der Zeit komplexer. Die Beziehung selbst entwickelt sich, während die Partner sich entwickeln. Wir haben es also mit drei gleichzeitigen Entwicklungen zu tun, die aufeinander bezogen sind und gleichzeitig ablaufen: die Entwicklung der beiden Partner und die Entwicklung der Beziehung. Eine solche Sichtweise ist selbst für Experten ungewöhnlich, und sie hält ein paar Überraschungen bereit.

Ungewöhnlich ist ja auch, dass Sie sich mit Ihrem Buch sowohl an ein breiteres Publikum als auch an Fachleute wenden.
Ja, das scheint vielleicht gewagt, ich weiß. Ich wollte aber von Anfang an unbedingt, dass alle, die sich für die Entwicklung von Liebesbeziehungen interessieren, dieses Buch mit Vergnügen und Gewinn lesen können: Nichtfachleute und Fachleute. Schließlich sind die Liebenden die eigentlichen Experten, wenn es um das praktische Zusammenleben geht. Ich gebe zu, das war keine geringe Herausforderung: verständlich und einfach zu schreiben und gleichzeitig die Komplexität zu erhalten. Ich habe dann aber gemerkt, dass die selbst gestellte Aufgabe nicht nur dem Text gut tut, sondern auch zur Klarheit der Gedanken beiträgt. Das hat mich motiviert. Und ich bin froh, dass der Verlag so mutig war, mir alle Freiheiten zu lassen.

Im nächsten Jahr wird ein zweites Buch erscheinen, das den wissenschaftstheoretischen Background thematisiert?
Ja, ich konnte viel in diesen zweiten Band verschieben, das hat mir zusätzlich viel Freiheit verschafft, flüssig und schlank zu schreiben.

Wie sind die ersten Reaktionen?
Sehr ermutigend. Die verständliche Sprache wird gelobt, die Mischung aus Fachlichkeit und Lebensnähe, der Humor, der zur nötigen Distanz beiträgt. Das freut mich natürlich.

Ihr Buch steht quer zu allen Genres, kein Buch über Paartherapie, aber anregend für Therapeuten, kein Ratgeber, aber brauchbar für Liebende – wie sind Sie darauf gekommen?
Genau diese Chance, etwas Neues zu probieren, hat mich ja gereizt. Auf keinen Fall wollte ich einen weiteren klassischen Ratgeber schreiben, der von den Probleme, Sorgen und Nöte vieler Paare, die es natürlich gibt, ausgeht und von dort aus versucht, hilfreiche Antworten zu geben. Genauso wenig wollte ich einBuch darüber schrieben, wie ich mit Paaren arbeite, oder darüber, wie ich mir vorstelle, dass mit Paaren gearbeitet werden könnte. Ich möchte auch niemandem ein bestimmtes Beziehungsmodell (»Vernunftehe«,»„Die leidenschaftliche Beziehun«“) empfehlen. Das fände ich vermessen. Meine Ausgangsfrage vor vielen Jahren war: wie können sich Liebesbeziehungen, wenn es gut geht (!), entfalten? Das hat mich über die Jahre immer wieder beschäftigt und daraus ist dann ein Modell für die qualitative Entwicklung von Paarbeziehungen entstanden. Ein Modell, das alle, die das wollen, als orientierenden Rahmen, als Erkenntnisinstrument und Matrix nutzen können.

Wozu ist das hilfreich?
Jede, jeder kann das Modell als Instrument nutzen, um in jedem einzelnen konkreten Fall genauer zu erfassen, wie sich eine Beziehung bisher entwickelt hat und wie eine weitere Entwicklung aussehen könnte. Wo die Blockierungen liegen, die nächsten Aufgaben und Schritte, die Potenziale.

Sie stellen also diese Art 3-D-Brille zur Verfügung, von der sie sprachen.
Das ist die Idee. Ich empfehle kein irgendwie geartetes Beziehungsmodell, sonder stelle ein Entwicklungsmodell zur Verfügung, das den Blick öffnet für die unendliche Vielfalt und Komplexität des Liebeslebens - vor allem aber für all die fantastischen Möglichkeiten, Paarbeziehungen zu gestalten und zu entwickeln. Ein Modell, das im Prinzip auf alle Partnerschaften anwendbar ist, heterosexuelle und gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Beziehungen mit und ohne Kindern. Deshalb habe ich in diesem Buch auch ganz bewusst auf die Beschreibung konkreter Paare verzichtet. Das hätte es anschaulicher gemacht, aber den Blick eingeengt und verstellt.

Dafür haben Sie dann die einzelnen Dimensionen möglichst anschaulich und praxistauglich als Entwicklungsbereiche beschrieben.
Ja – ich hoffe, das ist gelungen. Jeder einzelne Entwicklungsbereich wird genauer beschrieben: durch gemeinsame Entwicklungsaufgaben. Da wird es dann sehr konkret. In diese Beschreibungen ist meine ganze praktische Erfahrung eingeflossen. Nehmen wir an, zwei würden ihre Paarbeziehung als gemeinsames Entwicklungsprojekt leben wollen, dann könnten sie sich mit Hilfe des Modells an diesen gemeinsamen Entwicklungsaufgaben orientieren. Als Therapeut würde ich sagen, die Liste der Aufgaben beschreibt ganz gut das Spektrum der Möglichkeiten, um an der Entwicklung von Beziehung zu arbeiten.

Und die Überraschung?
Wenn wir uns vorstellen, dass Beziehungen sich in mehreren Dimensionen weiterentwickeln können, dann kann die Liebe auch in lang anhaltenden Beziehungen ein Abenteuer bleiben und wachsen.Es öffnet sich ein Entwicklungsraum, in dem die Empfindungen und Gefühle, die wir mit dem Verliebtsein verbinden, zugänglich bleiben. Verliebtsein kann transformiert werden. Gleichzeitig bleibt die Entwicklung nicht beim Verliebtsein stehen. Ich gebe zu, das stellt viele tradierte Mythen über die Liebe und tief verwurzelte Vorstellungen über das Verhältnis der Geschlechter radikal in Frage.

Was wünschen Sie sich, soll die Lektüre des Buches bei den Lesern auslösen?
Es würde mir sehr gefallen, wenn der Möglichkeitssinn angeregt werden würde, der Möglichkeitssinn, der sich, wie Musil sagt, aus jenem »bewussten Utopismus« speist »der die Wirklichkeit nicht scheut, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt«. Am Ende ihrer Reise nach Panama, wo es schön sein soll, kehren der kleine Tiger und die kleine Bärin wieder nach Hause zurück. Eigentlich ist alles so, wie sie es verlassen haben, der Fluss, das Haus, das Sofa. Sie glauben aber in Panama zu sein, alles wirkt so unbekannt und anders. So neu. Etwas hat sich verändert. Die Art und Weise, die Welt anzuschauen. Was ich hier vorschlage, ist vergleichbar. Es geht darum, ein eigentlich vertrautes Territorium mit einer etwas anderen Sichtweise zu erkunden. Es muss nicht alles umgekrempelt oder neu erfunden werden, und doch eröffnet sich die Chance, das Beziehungsleben neu zu entdecken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Copyright für dieses Interview liegt bei Vandenhoeck & Ruprecht (© Vandenhoeck & Ruprecht).
Es ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Stand: 26.11.2014.